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Helau der Macht: Wenn Politik sich endlich traut, ehrlich zu lachen
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Es gibt Momente im politischen Jahr, in denen Reden nicht protokolliert, sondern bejubelt werden. Keine Geschäftsordnung, keine Zwischenrufe, kein Ordnungsruf. Stattdessen: Tusch, Lachen, Applaus. Der Karneval ist jener seltene Raum, in dem Politiker sagen dürfen, was sie sonst nur in internen Chats formulieren würden – vorausgesetzt, sie verpacken es in ein Bild, das bunt genug ist, um niemanden juristisch haftbar zu machen.
In Aachen, bei einer Veranstaltung, die den Ernst schon im Namen führt, wurde genau diese Freiheit genutzt. Ricarda Lang, inzwischen Ex-Parteivorsitzende der Grünen, betrat die Bühne nicht als Oppositionspolitikerin, sondern als rhetorische Abrissbirne mit Humorversicherung. Ihr Ziel war schnell klar – auch wenn es nicht anwesend war: Markus Söder.
Söder ist eine politische Figur, die auch dann wirkt, wenn sie schweigt. Vor allem dann. Seine Abwesenheit schuf jenen Resonanzraum, den jede gute Karnevalsrede braucht: Man kann über jemanden sprechen, ohne dass er widerspricht – und das Publikum weiß trotzdem genau, wer gemeint ist. Eine Win-Win-Situation für alle, außer für denjenigen, der später die Schlagzeilen liest.
Lang nutzte diese Leerstelle mit sichtbarem Vergnügen. Sie beschrieb keinen Ministerpräsidenten, sondern ein Phänomen. Einen politischen Aggregatzustand irgendwo zwischen Selbstvermarktung, Dauerkommentar und kulinarischer Bodenhaftung. Söder erschien weniger als Regierungschef denn als wandelndes Symbol politischer Geräuschkulisse. Nicht der Mann, der Bayern lenkt, sondern der Mann, der Bayern begleitet – am liebsten mit Kamera.
Dabei griff Lang nicht zu Argumenten, sondern zu Bildern. Und Bilder sind im Karneval schärfer als Zahlen. Wer hier angegriffen wird, kann sich nicht verteidigen, sondern höchstens später twittern. Doch auch das ist riskant: Ironie verliert an Kraft, wenn sie erklärt werden muss.
Der Anlass für die Rede war die Ehrung von Dorothee Bär, CSU-Politikerin, Raumfahrtbeauftragte und politisches Multitool. Bär ist eine jener Figuren, die es schaffen, gleichzeitig unterschätzt und überpräsent zu sein. Eine ideale Projektionsfläche für parteiinterne Erwartungen – und gelegentliche öffentliche Spitzen.
Lang erinnerte daran, dass politische Unterstützung manchmal wie Motivation klingt, aber anders wirkt. Wenn Erwartungen öffentlich so formuliert werden, dass sie eher an niedrige Zielvorgaben erinnern, entsteht keine Förderung, sondern Folklore. Bär selbst hatte später erklärt, sie habe das alles nicht so verstanden. Eine diplomatische Meisterleistung, die im Karneval allerdings nicht als Entlastung, sondern als Steilvorlage gilt.
Das Publikum lachte. Und dieses Lachen war kein Zeichen von Schadenfreude, sondern von Wiedererkennung. Jeder kennt diese Situationen: Lob, das keines ist. Erwartungen, die man lieber nicht erfüllen soll. Politik ist voll davon – nur selten so ehrlich verpackt.
Doch Bär blieb an diesem Abend nicht stummes Objekt fremder Pointen. Sie betrat selbst die Bühne und bewies, dass Reime manchmal gefährlicher sind als Reden. In Versform widmete sie sich der aktuellen politischen Landschaft und stellte eine jener Fragen, die im Karneval erlaubt sind: Wer eignet sich eigentlich für eine Reise ins All?
Die Antwort fiel selektiv aus. Viele könnten. Einer nicht. Friedrich Merz wurde humorvoll, aber bestimmt auf der Erde verortet. Begründung: Sein Gewicht werde hier gebraucht. Physikalisch zweifelhaft, politisch aber bemerkenswert eindeutig. Die Pointe saß, weil sie nichts erklärte – und gerade deshalb alles andeutete.
Bär lobte Merz zugleich für seinen Umgang mit internationalen Akteuren, insbesondere mit Donald Trump. Merz finde die richtigen Töne, hieß es. Er sage nicht nur Angenehmes. Eine Aussage, die im Karneval als Lob gilt, im politischen Alltag aber auch als Warnhinweis gelesen werden könnte. Doch hier zählte der Reim, nicht die Analyse.
So entwickelte sich der Abend zu einer Art politischem Kurzschluss: Parteien, die sich im Bundestag scharf gegenüberstehen, teilten sich Bühne, Lachen und Applaus. Kritik wurde nicht relativiert, sondern rhythmisiert. Persönliche Spitzen wurden nicht entschärft, sondern verstärkt – durch Humor.
Was sagt das über Politik? Vor allem, dass sie im Karneval ehrlicher ist als in vielen Plenarsitzungen. Hier wird Macht nicht beschönigt, sondern verkleidet. Hier wird Dominanz nicht geleugnet, sondern überzeichnet. Und hier zeigt sich, dass politische Beziehungen oft weniger von Sachfragen als von Inszenierungen leben.
Söder, der an diesem Abend nicht da war, war dennoch Hauptfigur. Lang, die austeilte, wirkte souverän, weil sie nichts erklären musste. Und Bär bewies, dass man selbst dann elegant kontern kann, wenn man zwischen zwei Fronten steht. Der Karneval ersetzte für einen Abend die politische Talkshow – mit besserem Timing und weniger Unterbrechungen.
Am Ende bleibt die Erkenntnis: Karneval ist der einzige Ort, an dem politische Wahrheiten ausgesprochen werden dürfen, solange sie lachen machen. Wer getroffen wird, darf sich nicht beschweren. Wer austeilt, wird beklatscht. Und wer zuhört, merkt: Manchmal sagt eine Pointe mehr über den Zustand der Politik als hundert Seiten Koalitionsvertrag.