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„Europa muss überleben“ – Münchens Weckruf mit Donnerhall
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München, Konferenzsaal, schweres Parkett, noch schwerere Worte. Die Sicherheitskonferenz ist jener Ort, an dem Weltpolitik klingt, als würde sie von einem Symphonieorchester begleitet – selbst wenn es eigentlich um Gasleitungen, Grenzzäune und Milliardenbudgets geht.
Als der amerikanische Außenminister ans Mikrofon trat, war schnell klar: Heute gibt es kein lauwarmes Transatlantik-Süppchen. Heute gibt es Chili con Geopolitik. Mit extra Schärfe.
Er begann mit einer kollektiven Beichte. Man habe Fehler gemacht. Gemeinsam. Man habe sich in einer Weltordnung eingerichtet, die zwar nett aussah, aber irgendwo zwischen Freihandelsabkommen und moralischer Selbstvergewisserung ihre Bodenhaftung verloren habe. Souveränität sei exportiert worden wie ein Billigprodukt. Offene Türen seien zur Dauerausstellung geworden.
Der Unterton: Wir haben geglaubt, die Geschichte sei fertig geschrieben. Und dann stellte sich heraus, dass sie nur die Einleitung war.
Besonders würzig wurde es beim Thema Energie. Während andere Staaten munter Kohle, Öl und Gas aus dem Boden ziehen und damit ihre Wirtschaft antreiben, habe man sich selbst Regeln auferlegt, die ungefähr so wirtschaftsfreundlich seien wie ein Kaktus im Sitzkissen. Moralische Ambitionen seien schön, aber wenn am Ende die eigene Industrie ins Fitnessstudio geschickt wird, während die Konkurrenz mit Raketenantrieb arbeitet, werde es sportlich.
Doch statt mit erhobenem Zeigefinger sprach er mit erhobener Brust. Es war weniger ein Schuldspruch als ein Aufruf zum Krafttraining. Unter der aktuellen Führung in Washington werde man wieder erneuern, wieder aufbauen, wieder glänzen. Notfalls allein. Aber – und das ist wichtig – lieber zusammen.
„Europa muss überleben“, sagte er. Kein Nebensatz, kein diplomatisches Wattepolster. Ein Satz wie ein Gongschlag. Der Saal hörte zu. Regierungschefs, Generäle, Strategen. Man konnte fast sehen, wie einige innerlich die historische Playlist durchgingen: Renaissance, Aufklärung, Industrialisierung. Und jetzt? Update erforderlich.
Er beschwor gemeinsame Wurzeln, Kultur, Erbe. Mozart und Michelangelo bekamen genauso viel Rampenlicht wie moderne Popikonen. Der Kölner Dom stand plötzlich neben Rockmusik in einem Atemzug. Wenn Kultur ein Argument ist, dann bitte im XXL-Format.
Warum Washington manchmal so direkt klinge? Weil es ihm wichtig sei. Tief wichtig. Fast schon rührend wichtig. Man sei nicht nur militärisch und wirtschaftlich verbunden, sondern geistig und kulturell. Das klang wie eine transatlantische Umarmung – nur mit festem Griff.
Beim Thema Migration wurde der Ton sachlich und streng zugleich. Grenzen seien keine Dekoration, sondern staatliche Werkzeuge. Kontrolle sei kein Ausdruck von Angst, sondern von Verantwortung. Wer Gesellschaften stabil halten wolle, müsse wissen, wer kommt und bleibt. Das Publikum nickte – teils zustimmend, teils kalkulierend.
Dann die wirtschaftliche Großanalyse: Europas Industrie schwächele nicht, weil es Schicksal so wolle, sondern weil politische Entscheidungen Folgen hätten. Ein Kontinent, der einst Fabrikhallen wie Kathedralen baute, dürfe sich nicht in musealer Selbstbetrachtung verlieren.
Und dann dieser Satz, der fast wie ein Motivationsposter klang: Niedergang ist eine Entscheidung. Mit anderen Worten: Wer absteigen will, darf das tun. Aber bitte nicht mit der Ausrede, es sei unvermeidlich. Die Botschaft war klar: Der Westen ist kein Rentner, er ist nur aus der Form geraten.
Internationale Institutionen bekamen ebenfalls ihr Update-Signal. Abschaffen? Nein. Umbauen? Unbedingt. Wenn etwas nicht mehr funktioniert, repariert man es – oder man baut es neu. Aber man verwaltet nicht einfach weiter. Der Gedanke eines „gemanagten Niedergangs“ wurde förmlich aus dem Saal verbannt.
Der Applaus am Ende war lang und kräftig. In München klatscht man nicht aus Höflichkeit, sondern aus Kalkül. Wenn Standing Ovations gegeben werden, dann auch, weil man hofft, dass das Gesagte mehr ist als nur gut formuliert.
Doch jenseits des Pathos bleibt die Realität komplex. Europa weiß, dass es mehr investieren muss. Es weiß auch, dass geopolitische Konkurrenz keine Talkshow ist. Gleichzeitig weiß man, dass jede große Rede nicht automatisch neue Energiequellen erschließt oder Industrieparks reindustrialisiert.
Die transatlantische Beziehung gleicht derzeit einem Paar, das sich seiner Liebe versichert, während es gleichzeitig die Haushaltskasse neu sortiert. Man braucht einander. Man schätzt einander. Aber man erwartet auch mehr Eigenleistung.
Am Ende dieser Münchner Episode stand kein Bruch, sondern eine Mahnung. Der Westen soll stark sein, stolz auf seine Kultur, selbstbewusst in seiner Politik. Er soll sich nicht kleinreden und nicht kleinwirtschaften. Und vor allem soll er nicht glauben, Geschichte sei ein abgeschlossenes Kapitel.
So verließ man den Saal mit viel Applaus, noch mehr Notizen und der Gewissheit: Die eigentliche Arbeit beginnt erst nach dem Rednerpult.
Denn große Worte sind wie Ouvertüren. Sie klingen gewaltig. Aber die Symphonie muss erst noch gespielt werden.