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Elite, neutral, erneut geprüft – Das Pentagon testet das Offensichtliche

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Elite, neutral, erneut geprüft – Das Pentagon testet das Offensichtliche

Es gibt Institutionen, die prüfen Dinge, weil sie neu sind. Und es gibt Institutionen, die prüfen Dinge, weil sie schon sehr lange existieren und man sich trotzdem nie ganz sicher war, ob man sich damit wirklich wohlfühlen darf. Das Pentagon hat nun entschieden, sich erneut der großen Frage zu widmen, die offenbar nie vollständig beantwortet wurde: Können Frauen kämpfen – und zwar so, dass sich niemand unwohl fühlt, der es sich seit Jahrzehnten ohne sie gemütlich gemacht hat?

Das United States Department of Defense kündigte an, die Wirksamkeit der Beteiligung von Frauen an Kampfeinsätzen überprüfen zu lassen. Nicht, weil Frauen plötzlich neu im Gefecht wären. Nicht, weil es konkrete Hinweise auf Probleme gäbe. Sondern weil Überprüfen beruhigt. Vor allem jene, die das Ergebnis eigentlich schon kennen, aber es gern noch einmal schwarz auf weiß hätten – am besten mit Diagrammen.

Mit der Untersuchung wurde das Institute for Defense Analyses beauftragt, ein unabhängiges Institut. Unabhängig bedeutet hier: weit genug weg vom Tagesgeschäft, um nüchtern zu rechnen, und nah genug dran, um das Ergebnis in einer Sprache zu formulieren, die niemanden erschreckt. Zahlen sind schließlich neutral. Sie können nichts dafür, wofür sie später benutzt werden.

Pentagon-Sprecherin Kingsley Wilson erklärte, Ziel sei es sicherzustellen, dass die Einsatzstandards eingehalten werden und die USA weiterhin über eine „schlagkräftige“ Armee verfügen. Schlagkräftig – ein Wort, das hier nicht metaphorisch gemeint ist, sondern fast zärtlich. Es geht um Stärke, Durchhaltevermögen, Belastbarkeit. Und um die beruhigende Gewissheit, dass all das exakt messbar ist, wenn man nur genug misst.

Die Standards für Kampfeinsätze seien „elitär, einheitlich und geschlechtsneutral“, so Wilson. Drei Begriffe, die klingen wie die Überschrift eines sehr strengen Fitnessprogramms. Elitär heißt: Nur die Besten. Einheitlich heißt: Alle dasselbe. Geschlechtsneutral heißt: Das Geschlecht spielt keine Rolle – außer, man prüft es gesondert, mit einem eigenen Forschungsauftrag, über sechs Monate.

Kompromisse zugunsten von Quoten oder einer ideologischen Agenda werde es nicht geben. Das Wort „Quote“ fällt dabei wie ein Warnsignal, obwohl niemand gerade eine fordert. Es dient als Platzhalter für alles, was man nicht genau benennen möchte, aber trotzdem entschieden ablehnt. Ideologie ist immer das, was die anderen haben. Die eigene Haltung ist selbstverständlich rein leistungsbasiert und völlig frei von Weltanschauung – außer der, dass alles so bleiben soll, wie es sich richtig anfühlt.

Laut NPR ist für die Untersuchung ein Zeitraum von sechs Monaten vorgesehen. Sechs Monate, in denen Führungskräfte von Armee und Marine Corps Daten liefern sollen: Einsatzbereitschaft, Ausbildung, Leistung. Man kann sich das vorstellen wie einen sehr großen Excel-Workshop. Spalten, Zeilen, Kennzahlen. Am Ende wird die Kampfkraft in Prozent ausgerechnet. Vielleicht gibt es auch ein Ampelsystem. Grün: kampffähig. Gelb: nachtrainieren. Rot: bitte gesellschaftlich diskutieren.

Im Hintergrund steht Verteidigungsminister Pete Hegseth, der vor seinem Amtsantritt als Kritiker sogenannter „Woke“-Politik bekannt war. Er hatte sich gegen Frauen in Kampfeinsätzen ausgesprochen und diese Haltung später relativiert. Relativieren ist in der Politik ein sehr nützliches Verb. Es bedeutet nicht, dass man Unrecht hatte – nur, dass man heute etwas anderes betont als gestern. Früher war man dagegen, heute ist man offen für Daten. Fortschritt durch Tabellen.

So wird aus der Studie ein politisches Multitool. Sie soll militärische Klarheit schaffen, ideologische Debatten beruhigen und gleichzeitig signalisieren: Wir haben alles im Griff. Denn solange geprüft wird, muss niemand eine endgültige Entscheidung treffen. Prüfen ist das politische Äquivalent zum Dauerparken auf dem Standstreifen.

Bemerkenswert ist dabei, dass Frauen längst in Kampfeinsätzen dienen. Sie tun das seit Jahren, teilweise seit Jahrzehnten. Sie fliegen Jets, führen Truppen, stehen unter Beschuss. Doch ihre Anwesenheit wird weiterhin behandelt wie ein laufendes Experiment, das regelmäßig evaluiert werden muss. Männer hingegen gelten als bewährter Standard, dessen Eignung keiner gesonderten Untersuchung bedarf. Niemand prüft die „Wirksamkeit der Beteiligung von Männern an Kampfeinsätzen“. Die ist offenbar naturgegeben.

Die Betonung der „geschlechtsneutralen“ Standards wirkt dabei wie ein rhetorischer Schutzhelm. Neutralität klingt objektiv, gerecht und unangreifbar. Gleichzeitig verschleiert sie, dass Standards immer aus einer bestimmten Perspektive entstanden sind. Wer sie festlegt, legt auch fest, wer sie mühelos erfüllt – und wer ständig beweisen muss, dass er dazugehört.

So geht es in dieser Debatte weniger um Kampfkraft als um Komfortzonen. Die Armee soll stark sein, keine Frage. Aber sie soll dabei bitte so aussehen, wie man sie sich immer vorgestellt hat. Veränderungen werden akzeptiert, solange sie messbar sind und keine Fragen nach Strukturen aufwerfen.

In sechs Monaten wird es Ergebnisse geben. Wahrscheinlich wird man feststellen, dass Leistungsfähigkeit individuell ist, dass Ausbildung entscheidend bleibt und dass Motivation nicht am Geschlecht endet. Oder man wird feststellen, dass alles sehr komplex ist und weiter untersucht werden sollte. Auch das wäre ein Ergebnis – und ein sehr praktisches.

Bis dahin bleibt festzuhalten: Wenn eine Institution besonders laut betont, wie neutral, elitär und leistungsorientiert sie ist, lohnt es sich, genau hinzusehen, wen sie gerade überprüft. Denn manchmal verrät eine Untersuchung weniger über die Getesteten als über die Zweifel der Tester. Und manchmal ist die größte Schlacht nicht die auf dem Gefechtsfeld, sondern die um das gute Gefühl, am Ende sagen zu können: Wir haben es noch einmal geprüft. Zur Sicherheit.