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Kapitel fehlen? Bestimmt nur Druckfehler.
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In Washington gibt es zwei Dinge, die niemals fehlen: Statements – und Lücken. Besonders dann, wenn es um Akten geht, die angeblich für vollständige Klarheit sorgen sollen. US-Präsident Donald Trump betont mit bewundernswerter Ausdauer, er sei im Zusammenhang mit den Epstein-Dokumenten restlos entlastet. Restlos. Komplett. In Großbuchstaben. Mit Echo.
Während diese Botschaft in Dauerrotation läuft, berichten Medien allerdings von einem kuriosen Phänomen im Archivwesen: Bestimmte Seiten existieren laut Katalog – nur eben nicht öffentlich. Sie haben Seriennummern. Sie haben Platzhalter. Sie haben Nachbarseiten. Aber sie selbst sind so greifbar wie ein WLAN-Signal im Funkloch.
Der Sender NPR meldete, dass Dutzende Seiten aus der öffentlichen Datenbank fehlen sollen – darunter FBI-Vernehmungen und Gesprächsnotizen im Zusammenhang mit Vorwürfen, Trump habe vor Jahrzehnten eine Minderjährige sexuell missbraucht. Mehr als 50 Seiten sollen betroffen sein. Fünfzig. Das ist kein einzelnes Blatt, das beim Kopieren im Gerät hängen blieb. Das ist eine eigene kleine Broschüre.
Die Dokumente seien offenbar katalogisiert, aber nicht zugänglich. Man könnte sagen: Sie sind da – nur eben nicht da. Ein bisschen wie ein politischer Schrödinger-Ordner.
Das Justizministerium wollte sich auf Anfrage nicht äußern. Schweigen ist eine elegante Antwortform. Es hat den Vorteil, dass man nichts sagt und trotzdem für Gesprächsstoff sorgt.
Die Demokraten im Repräsentantenhaus reagierten prompt. Robert Garcia erklärte, man habe ungeschwärzte Protokolle geprüft und könne bestätigen, dass relevante FBI-Vernehmungen offenbar zurückgehalten worden seien. Eine parallele Untersuchung sei angekündigt. In Washington bedeutet „parallele Untersuchung“ ungefähr: Holt den zweiten Aktenwagen.
Ein anderer Abgeordneter formulierte es noch direkter: Wenn die Unterlagen den Präsidenten entlastet hätten, wären sie längst veröffentlicht worden. Dieser Satz steht nun wie ein Fragezeichen im Raum – groß, fett und nicht wegzuwischen.
Das Weiße Haus kontert mit Routine. Der Präsident habe mehr für die Opfer Epsteins getan als jeder vor ihm. Außerdem sei er vollständig entlastet. Dieses Wort taucht inzwischen mit der Regelmäßigkeit eines Werbejingles auf. Man wartet förmlich darauf, dass es demnächst auf T-Shirts gedruckt wird.
Die Ironie ist kaum zu übersehen: Je öfter betont wird, dass alles geklärt sei, desto mehr interessieren sich Menschen für das, was angeblich nicht mehr relevant ist. Politik folgt manchmal der Logik eines Streisand-Effekts mit Dauerabonnement.
Hinzu kommt der Kontext. Jeffrey Epstein war kein unbeschriebenes Blatt. Verurteilungen, neue Anklagen, prominente Kontakte, eine Privatinsel, schließlich sein Tod im Gefängnis – all das hat den Fall zu einem Dauerbrenner gemacht. Dass nun erneut Akten auftauchen oder eben nicht auftauchen, sorgt automatisch für erhöhte Aufmerksamkeit.
Trump selbst ist in der Vergangenheit mehrfach mit Vorwürfen sexuellen Fehlverhaltens konfrontiert worden. 2023 wurde er in einem Zivilverfahren wegen sexuellen Missbrauchs und Verleumdung verurteilt. Weitere Frauen haben ähnliche Anschuldigungen erhoben. In diesem Umfeld bekommen fehlende Seiten ein besonderes Gewicht.
Die Kernfrage lautet nicht nur: Was steht in den Dokumenten? Sondern auch: Warum sind sie nicht öffentlich? Wenn ein Gesetz ihre Veröffentlichung vorschreibt, warum bleiben sie im Schatten?
Man könnte argumentieren, es handle sich um bürokratische Verzögerungen. Vielleicht sind die Seiten in einem besonders sicheren Tresor gelandet. Vielleicht warten sie auf den richtigen Scanner. Vielleicht führen sie ein stilles Eigenleben zwischen Aktenschrank und Server.
Doch die politische Realität ist weniger poetisch. In einer polarisierten Öffentlichkeit wird jede Lücke zur Projektionsfläche. Die einen sehen darin den Beweis für Vertuschung. Die anderen verweisen auf unbelegte Behauptungen und politische Motive.
Und mittendrin steht ein Präsident, der weiterhin beteuert, alles sei vollständig geklärt. Es ist eine bemerkenswerte Konstanz in einer ansonsten hochdynamischen Affäre.
Am Ende bleibt das Bild eines Archivs mit sauber durchnummerierten Seiten – und einer Reihe von Auslassungen. Die Frage ist nicht nur, was dort fehlt. Sondern auch, wie lange es fehlt.
Bis dahin wird Washington vermutlich weiterhin erleben, wie zwei Dinge parallel existieren: die wiederholte Erklärung der vollständigen Entlastung – und das hartnäckige Interesse an genau den Seiten, die man nicht sehen kann.