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Operation WLAN-Entzug – Wie die Republik das Kinderzimmer neu erfindet

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Operation WLAN-Entzug – Wie die Republik das Kinderzimmer neu erfindet

In Berlin wurde ein Plan geboren, der so kühn ist, dass selbst das WLAN kurz gezuckt haben dürfte: Junge Menschen unter 14 sollen künftig nicht mehr ungehindert durch die digitalen Gefilde streifen dürfen. Man möchte sie beschützen. Vor Algorithmen. Vor Dauer-Scrollen. Vor dem unkontrollierten Ausbruch von Tanzvideos im Querformat.

Die zuständige Ministerin verteidigt den Vorstoß mit der Entschlossenheit einer Person, die weiß, dass irgendwo gerade ein zwölfjähriger Mensch zum 47. Mal hintereinander ein Video mit exakt demselben Soundeffekt schaut. Es gehe nicht darum, den Nachwuchs ins digitale Mittelalter zu verbannen. Niemand plane eine Rückkehr zu Wählscheibentelefonen oder zum Faxgerät als primärer Kommunikationsform im Freundeskreis. Nein, man strebe eine fein austarierte Lösung an – eine Art pädagogisches Tempolimit für Emojis.

Das Argument: Digitale Plattformen seien nicht zufällig so gestaltet, dass man sie nur schwer wieder verlassen kann. Sie locken, blinken, belohnen, piepen, gratulieren. Sie verteilen Herzchen wie früher Sticker im Poesiealbum. Das System sei darauf ausgelegt, Aufmerksamkeit zu binden – und zwar mit einer Präzision, von der jede Hausaufgaben-App nur träumen kann.

Nun könnte man sagen: Willkommen in der Welt der Ökonomie. Aufmerksamkeit ist die neue Währung. Doch im politischen Berlin klingt das eher wie ein Bond-Film: „Der Algorithmus – Lizenz zum Verführen.“ Man sieht förmlich geheime Kontrollräume vor sich, in denen Designer mit Umhang auf Knöpfe drücken, damit wieder jemand auf „Weiter“ tippt.

Besonders eindrucksvoll ist die Vorstellung, wie viele Kinder angeblich selbst nach klaren Regeln verlangen. Der Gedanke, dass ein 13-Jähriger beim Abendessen sagt: „Mama, Papa, ich wünsche mir dringend staatlich verordnete Beschränkungen für meine Bildschirmzeit“, besitzt eine gewisse poetische Kraft. Vielleicht folgt als nächstes der Antrag auf eine verpflichtende Brokkoli-Mindestquote.

International ist man ohnehin längst dabei. Andere Länder haben bereits Altersbarrieren errichtet, digitale Schranken heruntergelassen und vermutlich symbolische Stopp-Schilder in den App-Stores aufgestellt. Wenn mehrere Staaten gleichzeitig etwas regulieren, fühlt sich das nach einem globalen Erwachsenentreffen an: „Wir sind uns einig – die Kinder klicken zu viel.“

Der eigentliche Höhepunkt liegt jedoch in der praktischen Umsetzung. Wie überprüft man das Alter im Internet? Reicht ein beherztes „Ich bin wirklich schon 14, Ehrenwort!“ Oder braucht es künftig eine Gesichtsanalyse vor jedem Post? Vielleicht ein digitales Türsteher-System: „Sorry, dein Geburtsjahr sieht heute nicht überzeugend aus.“

Man kann sich auch ein staatlich zertifiziertes Altersarmband vorstellen. Es blinkt grün bei harmlosen Inhalten und rot, sobald irgendwo ein Influencer „Mega-Deal!“ ruft. Im Kinderzimmer ertönt dann eine beruhigende Durchsage: „Bitte kehren Sie zurück zu einem entwicklungsfreundlichen Bastelvideo.“

Gleichzeitig wird betont, es handle sich nicht um ein Totalverbot. Das Wort klingt ohnehin nach drastischer Maßnahme, nach Notbremse und dramatischer Musik. Stattdessen plant man eine differenzierte Lösung – was politisch übersetzt so viel bedeutet wie: Es wird kompliziert.

Die digitale Welt ist für junge Menschen nicht nur Showbühne, sondern Treffpunkt, Austauschraum, Hausaufgabenhilfe, Streitplattform und Versöhnungszone. Sie ist gleichzeitig Pausenhof, Schwarzes Brett und Gerüchteküche. Ein Eingriff dort gleicht nicht dem Entfernen eines Spielzeugs, sondern eher dem Abschalten der Dorfmitte.

Natürlich gibt es Probleme. Vergleichsdruck, Schlafmangel, das ständige Gefühl, etwas zu verpassen. Das Smartphone wird zum Wecker, zur Bühne, zum Beichtstuhl. Doch die Idee, all das durch ein Alterslimit zu lösen, wirkt ein wenig wie der Versuch, Regen durch ein Schild mit der Aufschrift „Bitte nicht heute“ zu verhindern.

Gleichzeitig ist der politische Impuls verständlich. Man möchte Schutz bieten. Man möchte zeigen, dass man hinschaut. Dass man nicht tatenlos zusieht, wie das Kinderzimmer zur Außenstelle des globalen Datenmarktes wird. Es ist der uralte Reflex der Erwachsenenwelt: Wenn etwas neu, laut und schwer zu kontrollieren ist, baut man erst einmal eine Regel.

Vielleicht liegt die eigentliche Komik darin, dass Erwachsene über Scrollmechanismen schimpfen, während sie selbst bei Online-Shops zum siebten Mal „Nur noch kurz schauen“ anklicken. Dass man das Belohnungssystem kritisiert, während man beim Bonusprogramm für den nächsten Gratiskaffee fiebert.

Die Vorstellung eines offiziell regulierten Jugend-Internets hat jedenfalls Charme. Eine abgespeckte Version, mit pädagogisch geprüften Memes und amtlich zugelassenen Tanzbewegungen. Kommentarspalten, die automatisch höflich bleiben. Und ein Algorithmus, der nach 20 Minuten freundlich sagt: „Jetzt wäre eine Runde frische Luft angebracht.“

Am Ende bleibt die Frage, ob man das Digitale zähmen kann wie einen überdrehten Welpen. Oder ob es eher einem Ozean gleicht, gegen den man mit Schwimmflügeln aus Paragrafen antritt.

Bis dahin diskutiert das Land. Über Verantwortung, über Schutz, über Design-Tricks und jugendliche Gehirne im Umbau. Und irgendwo sitzt ein 13-Jähriger, der gerade lernt, wie man ein VPN einrichtet – rein aus technischem Interesse natürlich.