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Kassenbon der Nation – Warum die Mehrwertsteuer plötzlich wie ein Horrorfilm klingt

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Kassenbon der Nation – Warum die Mehrwertsteuer plötzlich wie ein Horrorfilm klingt

Deutschland diskutiert wieder über eine alte Bekannte: die Mehrwertsteuer. Sie ist immer da, sie sagt nie etwas, sie lächelt nicht – aber sie steht zuverlässig auf jedem Kassenbon. Und nun hat ein Ökonom es gewagt, laut darüber nachzudenken, ob man sie erhöhen könnte, um ein milliardenschweres Loch im Bundeshaushalt zu stopfen.

Ein Loch übrigens, das man sich nicht wie ein kleines Schlagloch vorstellen darf, sondern eher wie eine Baustelle mit Bauzaun, Warnleuchte und dem Schild: „Hier wird auf unbestimmte Zeit gearbeitet.“

Kaum war der Gedanke ausgesprochen, reagierten Union und SPD mit einem politischen Reflex, der an das Zurückziehen der Hand von einer heißen Herdplatte erinnert. Nein. Auf gar keinen Fall. Niemals.

Die Union betont, eine Erhöhung wäre „genau der falsche Weg“. Deutschland habe bereits eine hohe Abgabenquote. Man wolle entlasten, nicht belasten. Entlasten ist ein schönes Wort. Es klingt wie ein Wellness-Wochenende für Steuerzahler. Man stellt sich vor, wie jemand sanft das Portemonnaie massiert und sagt: „Alles wird gut.“

Die SPD argumentiert mit sozialer Schieflage. Eine höhere Mehrwertsteuer treffe alle – egal ob mit prall gefülltem Konto oder schmalem Budget. Und weil Menschen mit weniger Geld einen größeren Teil ihres Einkommens für den Alltag ausgeben, würde sie diese stärker treffen.

Man könnte auch sagen: Die Mehrwertsteuer ist die demokratischste aller Abgaben. Sie macht keinen Unterschied zwischen Vorstand und Verkäuferin. Sie sagt nicht: „Ach, Sie verdienen mehr, dann nehme ich nur bei Ihnen zu.“ Sie sagt schlicht: „Alle bitte einmal zahlen.“

Das macht sie effizient – und politisch gefährlich. Denn wenn alle zahlen, sind auch alle unzufrieden.

Dabei hat die Mehrwertsteuer etwas Unauffälliges. Sie taucht nicht als eigenständige Abbuchung auf dem Kontoauszug auf. Sie steht diskret auf dem Bon, in kleiner Schrift, fast schüchtern. Doch am Ende summiert sie sich.

Eine Erhöhung wäre also keine abstrakte Maßnahme in einem Haushaltsplan, sondern ein realer Effekt im Supermarkt. Der Wocheneinkauf würde sich nicht dramatisch verteuern – aber spürbar. Und spürbar ist in der Politik ein heikles Wort.

Die Union spricht von Entlastung. Die SPD von sozialer Balance. Beide wissen: Steuererhöhungen gewinnen keine Wahlen. Haushaltslöcher hingegen auch nicht.

Der Staat braucht Geld. Das ist keine Neuigkeit. Infrastruktur, Verteidigung, Bildung – all das kostet. Doch sobald jemand vorschlägt, die Einnahmenseite zu stärken, beginnt ein rhetorischer Hindernislauf.

Man kann sich die Szene im Bundestag vorstellen: Ein Ökonom hebt vorsichtig die Hand und sagt: „Vielleicht sollten wir über die Mehrwertsteuer sprechen.“ Daraufhin springen mehrere Abgeordnete gleichzeitig auf und rufen: „Nicht mit uns!“

Der eigentliche Humor liegt im Gegensatz zwischen Notwendigkeit und Machbarkeit. Rein rechnerisch wäre eine Erhöhung ein effektives Mittel. Politisch ist sie ungefähr so beliebt wie ein Stromausfall während eines Fußballfinales.

Stattdessen spricht man von Wachstum, Effizienz, Prioritätensetzung. Alles richtige Ansätze – nur leider ohne garantierte Milliardenwirkung.

Die Mehrwertsteuer bleibt damit das finanzpolitische Gespenst. Sie taucht in Debatten auf, sorgt für Aufregung und verschwindet wieder in der Schublade.

Dabei ist sie in ihrer Logik fast brutal einfach. Jeder zahlt beim Konsum. Je mehr konsumiert wird, desto mehr Einnahmen fließen. Doch in Zeiten, in denen viele Haushalte ohnehin rechnen müssen, wirkt jede zusätzliche Belastung wie ein weiterer Stein im Rucksack.

Die SPD verweist auf die sich stabilisierende Konjunktur. Man möchte sie nicht gefährden. Die Union will entlasten, um Wirtschaft und Bürger zu stärken.

Beide Positionen sind nachvollziehbar. Und beide vermeiden die eigentliche Kernfrage: Wenn nicht hier, wo dann?

Vielleicht liegt die Antwort in neuen Einnahmequellen mit wohlklingenden Namen. Vielleicht in Ausgabenkürzungen, die sich weniger schmerzhaft anhören, als sie sind. Vielleicht im Prinzip Hoffnung.

Bis dahin bleibt die Mehrwertsteuer, wo sie ist. Still, diskret, allgegenwärtig.

Und Deutschland atmet kurz auf. Der Kassenbon bleibt vertraut. Die Preise bleiben hoch – aber wenigstens nicht höher.

Doch wer weiß: In Berlin wird weiter gerechnet. Und irgendwo liegt die Schublade mit dem Aufkleber „Notfallmaßnahmen“ griffbereit.