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Politik

Vetternwirtschaft Deluxe – Das Mandat im Familienabo

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Vetternwirtschaft Deluxe – Das Mandat im Familienabo

Im politischen Berlin gibt es viele Arbeitsmodelle: Teilzeit, Vollzeit, Fraktionszeit – und jetzt offenbar auch Familienzeit. Während andere Parteien mühsam nach Fachkräften suchen, scheint mancherorts das Prinzip „Kennst du jemanden?“ zur strategischen Personalplanung erhoben worden zu sein. Und was liegt näher, als jemanden zu kennen, der ohnehin beim letzten Parteitag neben einem am Buffet stand und „Onkel“ gerufen wurde?

Das moderne Abgeordnetenbüro ist schließlich kein gewöhnliches Büro. Es ist ein Ort der politischen Gestaltung – und manchmal offenbar auch der familiären Vernetzung. Wer glaubt, Politik sei kalt, sachlich und nüchtern, hat die emotionale Kraft eines gut gepflegten Stammbaums unterschätzt.

Das Karussell der Zuneigung

Die Spielregeln sind so fein austariert wie ein Soufflé im Kanzleramt: Eigene Verwandte? Nein, das wäre zu offensichtlich. Aber die Cousine des Kollegen aus dem Nachbarwahlkreis? Rein formal kein Problem. Der Schwager der Parteifreundin? Willkommen im Team „Strategische Kommunikation“.

So entsteht ein organisatorisches Meisterwerk, das entfernt an ein Tauschgeschäft aus der Grundschule erinnert. „Du nimmst meinen Neffen, ich nehme deine Schwester.“ Nur mit dem Unterschied, dass hier keine Murmeln, sondern Mitarbeiterverträge den Besitzer wechseln.

Es ist das politische Pendant zum Wichteln – nur dass jeder weiß, wer wen gezogen hat.

Ein Hauch von Sonntagstisch

Selbst innerhalb der Partei wurde eingeräumt, dass die Angelegenheit nicht ganz geruchlos sei. Das ist bemerkenswert, denn politische Debatten sind normalerweise so aromatisch wie ein frisch gedruckter Gesetzesentwurf: neutral bis leicht staubig.

Doch hier scheint ein dezenter Duft von Braten mit Beigeschmack durch die Flure zu ziehen. Kein verbranntes Fleisch, eher so eine Note von „Das hätte man vielleicht eleganter lösen können“.

Natürlich ist alles legal. Verträge sind korrekt, Arbeitszeiten werden dokumentiert, E-Mails beantwortet. Es geht nicht um schwarze Kassen oder geheime Umschläge. Es geht um das wohlige Gefühl, im politischen Betrieb nie ganz allein zu sein – weil irgendwo im Gebäude garantiert jemand sitzt, der beim letzten Weihnachtsfest denselben Kartoffelsalat gelobt hat.

Der Kanzler und die Paragrafenlupe

Im Kanzleramt wurde die Sache aufmerksam verfolgt. Der Gedanke, dass man womöglich neue Regeln formulieren müsse, wirkt ungefähr so begeistert aufgenommen wie die Idee, eine weitere DIN-Norm für Büroklammern einzuführen.

Doch wenn ein politisches Modell so kreativ mit bestehenden Formulierungen jongliert, dann greift irgendwann jemand zur juristischen Taschenlampe und leuchtet in jede Fußnote.

Denn Politik lebt von Symbolen. Und das Symbol „öffentliche Mittel im familiären Kreislauf“ ist nicht gerade ein Plakatmotiv für Transparenz und Vertrauen.

Transparenz mit Stammbaum-App

Auch zivilgesellschaftliche Organisationen meldeten sich zu Wort und forderten klarere Grenzen. Man stelle sich vor, künftig müssten Bewerbungsunterlagen ergänzt werden um die Frage: „Bitte kreuzen Sie an, ob Sie mit einer im Bundestag tätigen Person bis zum dritten Grad verwandt sind.“

Vielleicht gäbe es dann bald eine offizielle Parlaments-App: „Genealogie-Check 2.0“. Einfach Namen eingeben, Verwandtschaftsverhältnis prüfen, Konfliktpotenzial berechnen. Mit Ampelsystem. Grün: keine Verwandtschaft. Gelb: entfernte Cousine. Rot: Trauzeuge.

Die Ironie der moralischen Höhenlage

Besonders pikant wirkt das Ganze, wenn man sich die moralische Flughöhe mancher politischen Reden ins Gedächtnis ruft. Wer lautstark gegen Filz und Seilschaften wettert, sollte vielleicht sicherstellen, dass im eigenen Büro nicht gerade der Schwippschwager des Parteifreunds die Social-Media-Strategie plant.

Das Publikum liebt klare Linien. Held und Gegenspieler. Sauber und unsauber. Wenn sich jedoch herausstellt, dass das vermeintliche Anti-Filz-Banner dezent mit familiären Initialen bestickt ist, dann entsteht ein Spannungsfeld, das selbst Drehbuchautoren beneiden würden.

Das große Missverständnis

Dabei liegt das eigentliche Problem nicht in der juristischen Zulässigkeit. Gesetze sind wie Gartenzäune: Sie markieren Grenzen. Aber sie sagen nichts darüber aus, wie nah man sich freiwillig an sie heranstellen sollte.

Man kann am Zaun lehnen. Man kann ihn dekorieren. Man kann sogar argumentieren, dass man ihn nur aus Versehen berührt hat. Doch irgendwann fragt jemand: „Warum stehst du eigentlich die ganze Zeit so dicht dran?“

Genau hier beginnt die Debatte. Nicht bei der Frage, ob etwas erlaubt ist, sondern ob es klug ist.

Politische Familienaufstellung

Die ganze Angelegenheit wirkt ein wenig wie eine kollektive Familienaufstellung – nur mit Pressekonferenz statt Therapeutenkreis. „Und hier sehen Sie den Mitarbeiter, der zugleich der Cousin der Kollegin ist, deren Büroleiter wiederum mit dem Referenten verschwägert ist.“

Man könnte fast Eintritt verlangen. Bildungsauftrag inklusive.

Am Ende bleibt ein Lehrstück moderner Parlamentskultur: Wer Regeln schreibt, sollte sie so formulieren, dass sie nicht als Einladung zur kreativen Interpretation verstanden werden. Und wer moralische Maßstäbe hochhält, sollte prüfen, ob im eigenen Team nicht zufällig jemand denselben Nachnamen wie der Sitznachbar trägt.

Politik ist kein Familienunternehmen. Auch wenn es manchmal so wirkt, als hätte jemand versehentlich den Bundestag mit einem Klassentreffen verwechselt.

Und während draußen über Transparenz, Integrität und Vertrauen diskutiert wird, dreht sich drinnen vielleicht schon das nächste personelle Karussell. Ganz legal. Ganz ordentlich. Und mit einem Hauch von Sonntagstisch.