- Veröffentlicht am
- • Politik
Notfall Nordpol: 1.000 Betten suchen Patienten
- Autor
-
-
- Benutzer
- tmueller
- Beiträge dieses Autors
- Beiträge dieses Autors
-
Es gibt politische Gesten, die sind so fein dosiert wie ein homöopathischer Globuli. Und es gibt politische Gesten, die kommen mit 1.000 Krankenhausbetten, 80 Intensivplätzen und einem Helikopterdeck daher. Willkommen im neuen Kapitel der maritimen Weltfürsorge.
Während sich Grönland weiterhin hauptsächlich mit Schnee, Fischerei und Polarlichtern beschäftigt, hat man jenseits des Atlantiks offenbar eine medizinische Großlage entdeckt – irgendwo zwischen Packeis und Pinguin. Also wird ein Lazarettschiff entsandt. Kein kleines Beiboot mit Sanitäter. Nein. Ein schwimmendes Krankenhaus in Stadiongröße. Für den Fall, dass sich in Nuuk plötzlich eine Warteschlange bis zum Nordpol bildet.
Die Rechnung ist beeindruckend: Rund 57.000 Einwohner auf einer Fläche, die größer ist als Westeuropa – und nun theoretisch ein Intensivbett für jede Straßenlaterne. Wer in Zukunft in Grönland hustet, könnte versehentlich in einem OP-Saal mit Meerblick landen.
Die Ankündigung kam mit jener Begeisterung, die sonst nur bei Sonderangeboten im Baumarkt zu beobachten ist. Ein fantastisches Schiff! Unterwegs! Großartig! Man spürt förmlich die maritime Euphorie. Details? Unwichtig. Wer braucht schon Abstimmungen oder Logistik, wenn man Ausrufezeichen hat.
Dabei ist ein Lazarettschiff kein E-Scooter, den man eben per App entsperrt. Normalerweise liegt es mit Minimalbesatzung im Hafen, wartet auf Katastrophen, Hurrikans oder schwere Erdbeben. Nun wartet es offenbar auf eine Erkältung in der Arktis.
In Nuuk dürfte man sich derweil fragen, ob man beim letzten Arzttermin etwas übersehen hat. Vielleicht existiert eine geheime Eisberg-Grippe, von der nur Satellitenbilder berichten. Oder es handelt sich um eine neue Form der Fern-Diagnose: Wer weit genug auf die Karte zoomt, entdeckt plötzlich medizinischen Handlungsbedarf.
Besonders unterhaltsam ist die diplomatische Choreografie. Grönland gehört zum Königreich Dänemark. In der Regel informiert man Verbündete, bevor man ihnen ein 300 Meter langes Krankenhaus vor die Küste setzt. Aber vielleicht ist das Teil des Überraschungseffekts. „Guten Tag, wir haben Betten mitgebracht. Sehr viele Betten.“
Innerhalb der Nato dürfte man jetzt fieberhaft in Protokollen blättern: Paragraf 5 – Beistandspflicht. Paragraf 6 – geographischer Geltungsbereich. Paragraf 7 – Umgang mit unangekündigten Intensivstationen auf See.
Und dann die zeitliche Komponente. Einerseits heißt es: Das Schiff ist auf dem Weg. Andererseits dauert es erfahrungsgemäß ein wenig, ein schwimmendes Großklinikum mit Ärzten, Pflegepersonal und Ausrüstung hochzufahren. Aber vielleicht wurde hier eine neue Kategorie eingeführt: „gefühlte Abfahrt“. In der Politik reicht manchmal schon der Gedanke an Bewegung.
Die Symbolik ist jedenfalls gewaltig. Wo andere Länder mit Delegationen und Notenblättern arbeiten, kommt hier ein Stahlkoloss mit OP-Sälen. Das ist keine Visitenkarte, das ist ein Anker mit Sirene.
Vor Kurzem hatte Dänemark übrigens bei einem medizinischen Notfall auf einem US-U-Boot geholfen. Ein Besatzungsmitglied wurde per Hubschrauber evakuiert und in eine Klinik gebracht. Pragmatische Zusammenarbeit. Unaufgeregt. Keine Weltrettungsinszenierung. Jetzt wirkt die neue Mission wie die Antwort auf eine kleine Gefälligkeit mit der Geste: „Ihr habt einen Patienten transportiert? Wir bringen gleich das ganze Krankenhaus.“
Man stelle sich die Szene vor: Ein eisiger Horizont, ein paar Fischerboote, vielleicht ein Rentier in der Ferne. Und am Horizont taucht ein weißer Riese auf, beladen mit Beatmungsgeräten und chirurgischem Besteck. Die Möwen schauen irritiert. Die Eisberge flüstern: „Ist hier was passiert?“
Natürlich kann man argumentieren, dass medizinische Hilfe nie schadet. Aber Hilfe ohne sichtbaren Bedarf hat etwas von einem Feuerwehrzug, der mit Blaulicht durch ein Dorf fährt, in dem der größte Notfall ein umgekippter Schneemann ist.
Und dann schwebt da noch die strategische Frage im Raum. Grönland ist geographisch spannend. Rohstoffe, Routen, arktische Präsenz. Wenn man dort ein Lazarettschiff positioniert, ist das nicht nur eine medizinische Maßnahme. Es ist ein schwimmendes Statement mit WLAN.
In Kopenhagen dürfte man sich fragen, ob als Nächstes ein schwimmendes Rathaus folgt. Oder ein temporärer Freizeitpark mit Hubschrauberlandeplatz. Wenn schon Fürsorge, dann bitte vollständig.
Am Ende bleibt die Vorstellung eines gigantischen Hospitalschiffs, das auf eine Insel zusteuert, die weder von einer Pandemie noch von einem Erdbeben erschüttert wird. Es ist die Art von Maßnahme, die man sonst nach Naturkatastrophen sieht – nur dass hier offenbar das größte Beben im geopolitischen Feuilleton stattfand.
Vielleicht wird das Schiff tatsächlich anlegen. Vielleicht werden symbolische Rundgänge stattfinden, begleitet von Kameras und Händeschütteln. Vielleicht bleibt es auch einfach ein Bild für die neue Art globaler Diplomatie: Wenn Worte nicht reichen, schickt man Betten.
Die Arktis bleibt kühl. Das Eis schmilzt langsam. Und irgendwo auf hoher See gleitet ein schwimmendes Krankenhaus durch graue Wellen – bereit für Patienten, die bisher noch gar nicht wussten, dass sie dringend gerettet werden müssen.