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Zollissimo! Wie aus zehn Prozent ein politisches Krafttraining wurde

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Zollissimo! Wie aus zehn Prozent ein politisches Krafttraining wurde

Es gibt Staatsoberhäupter, die auf Urteile mit Demut reagieren. Und es gibt jene, die auf „Zurück auf Start“ mit „Doppelt oder nichts“ antworten. Kaum hatte das höchste Gericht des Landes eine frühere Abgaben-Offensive kassiert, wurde aus dem angekündigten Sparmenü ein XXL-Combo-Deal. Aus zehn wurden fünfzehn. Warum? Weil fünf mehr sind als zehn. Und mehr ist bekanntlich besser.

Die Verkündung erfolgte standesgemäß über das hauseigene Netzwerk, das Wahrheit nicht nur verspricht, sondern in Großbuchstaben ausliefert. Zwischen virtuellen Fanfaren und digitalen Trommelwirbeln erschien die neue Zahl wie eine Offenbarung: 15 %. Das klingt nicht nur entschlossener, es sieht auch auf Wahlkampfplakaten besser aus. Zehn ist ein Schulnoten-Mittelmaß. Fünfzehn hingegen hat Charakter – es steht für „Ich meine es ernst, wirklich!“

Die Logik hinter der Erhöhung ist bestechend schlicht. Wenn ein Gericht sagt: „So nicht“, dann ist die angemessene Antwort offenbar: „Dann eben mehr.“ Fünf Prozentpunkte als politisches Krafttraining. Man spürt förmlich, wie irgendwo in einem Oval Office ein Taschenrechner triumphierend piept: +5 %. Der Sound der Souveränität.

Ökonominnen und Ökonomen weltweit dürften in diesem Moment kollektiv ihren Kaffee verschüttet haben. Lieferketten, Inflationsprognosen, Wechselkurse – alles plötzlich in der Kategorie „Überraschungsei“. Währenddessen wurde die Erzählung vom lange benachteiligten Giganten neu poliert. Jahrzehntelang habe man zugesehen, nun werde aufgeräumt. Und zwar mit der Eleganz eines Presslufthammers im Porzellanladen.

Die neue Abgabe trifft – so der Eindruck – die gesamte Welt mit der Feinfühligkeit eines Gießkannenprinzips. Keine komplizierten Differenzierungen, keine filigranen Handelsabkommen, sondern ein kräftiger Prozentsatz für alle. Globalisierung? Gern, aber bitte mit Eintrittskarte.

Besonders faszinierend ist die rhetorische Dramaturgie. Das Urteil des Gerichts wurde zur epischen Fehlentscheidung erklärt, ein monumentaler Irrtum, der nur durch beherztes Hochskalieren korrigiert werden könne. Man könnte fast glauben, dass Prozentpunkte eine Art politisches Allheilmittel sind. Kritik? Mehr Prozent. Zweifel? Noch mehr Prozent. Widerstand? Vielleicht zwanzig?

Während die Börsen hektisch ihre Diagramme aktualisierten, dürfte so mancher Handelsminister im Ausland begonnen haben, Zoll-Notfallpläne zu entstauben. Denn Handelsbeziehungen sind ein bisschen wie Nachbarschaften: Wenn einer plötzlich den Zaun erhöht, denkt der andere über eine Mauer nach. Und Mauern sind selten das Symbol für günstige Einkaufspreise.

Im Inland stellt sich derweil eine ganz praktische Frage: Wer zahlt eigentlich? Die Antwort ist weniger spektakulär als die Ankündigung. Zölle sind keine magischen Geldmaschinen, die ausschließlich ausländische Kassen klingeln lassen. Sie schlagen sich häufig im Preis nieder – beim Auto, beim Toaster, beim Ersatzteil für die Kaffeemaschine. Das ist weniger heroisch als eine digitale Kampfansage, aber deutlich realer.

Doch die große Erzählung lebt von Symbolen. Fünfzehn Prozent sind ein Signal. Ein Banner im Wind. Ein politischer Muskel, der vor laufender Kamera angespannt wird. Dass Muskeln ohne Aufwärmen manchmal zerren, gehört nicht ins Drehbuch.

Die Ankündigung weiterer Maßnahmen in den kommenden Monaten wirkt dabei wie der Trailer zur Fortsetzung. Heute 15 %, morgen vielleicht die Director’s Cut Edition mit Bonusmaterial. Wer braucht schon komplexe Handelsarchitektur, wenn man mit einer Zahl Schlagzeilen produzieren kann?

Man stelle sich das Szenario als Wirtschaftstheater vor: Der Vorhang hebt sich, ein Präsident tritt auf, schwenkt den Zollhammer und ruft: „Mehr!“ Im Publikum sitzen Investoren, die ihre Taschenrechner wie Gebetsbücher halten. Hinter der Bühne proben Juristen bereits den nächsten Akt.

Was bleibt, ist eine politische Choreografie aus Trotz und Zahlen. Eine Entscheidung, die weniger nach Feinjustierung klingt als nach Lautstärkeregler. Wenn das System knirscht, dreht man eben auf. Fünf Prozentpunkte lauter.

Ob diese Strategie tatsächlich Wohlstand beflügelt oder eher Preise aufbläst, wird sich zeigen. Wirtschaft ist bekanntlich ein empfindliches Ökosystem, kein Fitnessstudio, in dem man einfach Gewichte erhöht, bis es beeindruckend aussieht. Aber beeindruckend ist es allemal.

Am Ende steht die Erkenntnis: In der Ära der Prozentpolitik ist jede juristische Bremse nur eine Einladung zum Beschleunigen. Und wenn die Welt nicht sofort applaudiert, kann man ja noch ein paar Punkte drauflegen. Schließlich ist fünfzehn eine schöne Zahl. Rund genug für Entschlossenheit, hoch genug für Schlagzeilen – und flexibel genug für die nächste Erhöhung.