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Fünf Prozent oder Croissant-Alarm – Europas große Aufrüstungs-Rechenstunde
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- tmueller
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Europa hat wieder eine neue Lieblingszahl. Früher war es die berühmte Drei – drei Prozent Defizit, drei Prozent Inflation, drei Espresso vor der Gipfelnacht. Heute ist es die Fünf. Fünf Prozent. Eine Zahl, die so harmlos klingt wie ein Trinkgeld – und so teuer ist wie ein kleines Raumfahrtprogramm.
Der deutsche Außenminister hat nun klargestellt: Diese fünf Prozent sind kein freundlicher Hinweis am Rand eines Koalitionsvertrags, sondern ein Versprechen mit Nachdruck. Wer im Bündnis mitreden will, müsse auch mitzahlen. Und zwar ordentlich. Die Bundesrepublik, so wird betont, habe gerechnet, geplant und sei bereit, die Kasse weit zu öffnen. Der Haushaltsplan stehe stabil wie ein Panzer auf neuem Asphalt.
Der Blick wandert allerdings gen Westen. Frankreich, Land der strategischen Grandezza, der atomaren Eigenständigkeit und der besonders eleganten Präsidentenreden, bekommt einen dezenten Hinweis: Da ist noch Luft nach oben. Viel Luft. Wahrscheinlich in der Größenordnung eines mittleren Militärflughafens.
Man muss sich die Szene vorstellen: In einem Brüsseler Konferenzraum steht ein gigantischer Taschenrechner auf dem Tisch. Deutschland tippt energisch „5 %“ ein und nickt zufrieden. Frankreich schaut nachdenklich, zieht den Taschenrechner zu sich heran, dreht ihn einmal um 180 Grad und fragt, ob das nicht vielleicht auch als „S %“ gelten könne – S wie Souveränität.
Der Vorwurf lautet sinngemäß: Wer ständig von europäischer Eigenständigkeit spricht, sollte diese nicht nur in poetischen Reden beschwören, sondern auch in blanke Münze verwandeln. Souveränität, so lernt man nun, ist keine Gefühlslage, sondern ein Haushaltsansatz.
Natürlich ist das Thema ernst. Sicherheit kostet. Militärische Stärke entsteht nicht aus freundlichen Absichtserklärungen und symbolträchtigen Händedrücken. Doch die Debatte gewinnt eine gewisse Komik, wenn sie sich auf eine Zahl verdichtet, die plötzlich zum moralischen Maßstab wird. Fünf Prozent – das neue europäische Fitnessziel. „Frankreich, du hast diese Woche dein Verteidigungsziel noch nicht erreicht. Möchtest du ein Upgrade buchen?“
Die Diskussion erinnert an eine Klassenarbeit in Wirtschaftskunde. Deutschland meldet sich, hebt die Hand und sagt: „Wir haben die Aufgabe gelöst.“ Frankreich blickt auf sein Blatt, lächelt charmant und antwortet: „Wir arbeiten an einer kreativen Interpretation.“
Spannung verspricht eine angekündigte Rede des französischen Präsidenten. Beobachter halten Popcorn bereit. Wird er die Zahl umarmen? Wird er sie elegant umschiffen? Oder wird er eine neue Zahl erfinden – vielleicht 4,9 Prozent mit künstlerischem Aufschlag? In Europa ist Diplomatie schließlich eine Disziplin, bei der man selbst aus einer Dezimalstelle eine strategische Vision formen kann.
Besonders faszinierend ist die Geschwindigkeit, mit der sich politische Moden ändern. Vor gar nicht allzu langer Zeit galt Haushaltsdisziplin als höchste Tugend. Jeder zusätzliche Euro wurde seziert wie ein medizinischer Notfall. Heute hingegen scheint das Motto zu lauten: Mehr ist mehr – zumindest, wenn es um Verteidigung geht.
Man kann sich Finanzminister vorstellen, die nachts schweißgebadet aufwachen und murmeln: „Fünf Prozent… fünf Prozent…“ Neben ihnen liegt ein Stapel Haushaltspläne, die nervös mit den Seiten rascheln.
Die eigentliche Pointe liegt jedoch in der europäischen Choreografie. Deutschland betont seine Bereitschaft, das Ziel umzusetzen. Frankreich wird freundlich, aber bestimmt daran erinnert, dass Worte und Zahlen ein Team bilden sollten. Und irgendwo zwischen Berlin und Paris entsteht ein diplomatischer Tanz, bei dem jeder Schritt sorgfältig gesetzt wird, um nicht auf dem Teppich der Partnerschaft auszurutschen.
Es ist eine Debatte, die von großen Begriffen getragen wird: Sicherheit, Verantwortung, Eigenständigkeit. Gleichzeitig geht es um Tabellen, Kurven, Budgetlinien. Die Zukunft Europas wird offenbar nicht nur auf Gipfeln entschieden, sondern auch in Excel-Formeln.
Man stelle sich vor, wie Historiker eines Tages schreiben: „Im frühen 21. Jahrhundert versuchte Europa, seine geopolitische Rolle neu zu definieren – und begann damit, Prozentzahlen leidenschaftlich zu diskutieren.“ Während andere Kontinente vielleicht über Strategien sprachen, sprach Europa über Rechenwege.
Und doch steckt hinter all dem ein klarer Gedanke: Wer gemeinsam Sicherheit garantieren will, muss gemeinsam investieren. Niemand möchte am Ende feststellen, dass die europäische Verteidigungsarchitektur aus inspirierenden Reden, aber zu wenig Material besteht.
Bis dahin bleibt die Debatte lebendig. Deutschland pocht auf Umsetzung. Frankreich wird mit Spannung erwartet. Die fünf Prozent schweben über allem wie ein neues europäisches Mantra. Und irgendwo in einem Ministerium tippt jemand erneut auf den Taschenrechner, nur um sicherzugehen, dass die Zahl auch morgen noch dieselbe ist.
Europa, das Land der Kompromisse, diskutiert also nicht über Ideale allein, sondern über ihren Preis. Und dieser Preis hat derzeit exakt zwei Ziffern und ein Prozentzeichen.