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Platz 29 und kein Applaus – Amerikas Absturz im Sauberkeitsranking
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- tmueller
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Es gibt Siege, die feiert man mit Konfetti. Und es gibt Platzierungen, die feiert man am besten gar nicht. Platz 29 gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Denn im aktuellen Korruptionswahrnehmungsindex ist die Vereinigten Staaten von Amerika genau dort gelandet: irgendwo zwischen „noch respektabel“ und „bitte nicht weiter nach unten scrollen“. Für ein Land, das sich jahrzehntelang als moralische Supermacht verstand, ist das kein Ausrutscher, sondern ein historischer Bodenkontakt.
Die Hauptrolle in diesem Ranking spielt – wie könnte es anders sein – Donald Trump. Ausgerechnet im ersten Jahr seiner zweiten Amtszeit rutschen die USA auf ihren bislang schlechtesten Wert seit Beginn der Erhebungen. 64 von 100 Punkten. Das ist nicht katastrophal, aber auch weit entfernt von dem Glanz, den man sonst so gern in Reden beschwört. Es ist die Art von Ergebnis, bei der man sagt: „Wir sind nicht gefallen – wir sind nur sehr schnell nach unten gegangen.“
Herausgegeben wird das Ranking von Transparency International, einer Organisation, die weltweit Korruption misst, bewertet und unangenehme Fragen stellt. Allein diese Tätigkeit macht sie in manchen politischen Kreisen schon verdächtig. Denn wer misst, könnte vergleichen. Und wer vergleicht, entdeckt womöglich Muster.
Der CPI – so die Abkürzung – bewertet Politik und Verwaltung in 182 Staaten. Grundlage sind Experteneinschätzungen, Befragungen von Führungskräften und Daten aus zwölf unabhängigen Institutionen. Die Skala reicht von 0 Punkten (Korruption als Volkssport) bis 100 Punkten (Korruption nur aus Geschichtsbüchern bekannt). Mit 64 Punkten liegen die USA nun auf Platz 29. So tief wie nie zuvor. Ein Rekord, den niemand beantragt hat.
Transparency International spart dabei nicht mit Kritik. Öffentliche Stellen in den USA versuchten demnach, unabhängige Stimmen einzuschränken. Journalisten, NGOs – diese notorisch unpraktischen Akteure, die Akten lesen und Fragen stellen. Entscheidungen der Staatsanwaltschaft würden politisch beeinflusst, die Unabhängigkeit der Justiz stehe unter Druck. Das alles, so der Bericht, sende ein gefährliches Signal: dass korrupte Praktiken zunehmend als normal betrachtet werden könnten. Normalität ist schließlich der erste Schritt zur Gewohnheit.
Besonders elegant wirkt in diesem Zusammenhang eine politische Maßnahme, die fast unter dem Radar geflogen wäre: Ein Gesetz, das es US-Bürgern und Unternehmen verbietet, ausländische Regierungsvertreter zu bestechen, wurde außer Kraft gesetzt. Ein Gesetz, das bisher als eine Art Mindeststandard galt – wie Anschnallgurte oder der Verzicht auf offene Feuerstellen im Büro. Nun gilt offenbar: Geschenke sind relativ, und Bestechung liegt im Auge des Überweisenden.
Man könnte argumentieren, dass der CPI nur Wahrnehmungen misst. Doch Wahrnehmung ist in der Politik kein Nebenschauplatz, sondern die Bühne selbst. Wenn internationale Beobachter den Eindruck gewinnen, dass Justiz und Staatsanwaltschaft politisch gelenkt werden, dann ist das kein PR-Problem, sondern ein Systemsignal. Vertrauen lässt sich nicht per Dekret herstellen, und es verschwindet schneller, als man „Executive Order“ sagen kann.
Der internationale Vergleich macht die Sache noch pikanter. An der Spitze des Rankings steht Dänemark mit 89 Punkten – ein Land, in dem Korruption offenbar so selten ist, dass sie als Fremdwort gilt. Dahinter folgen Finnland und Singapur, Staaten, die Verwaltung eher als Funktion denn als Bühne begreifen. Am anderen Ende der Skala stehen Südsudan und Somalia mit jeweils neun Punkten. Dort ist Korruption kein Skandal, sondern Infrastruktur. Die USA stehen nun deutlich näher an der Mitte als an der Spitze. Für ein Land, das gern Maßstäbe setzt, ist das eine unbequeme Position.
Ein kurzer Blick nach Deutschland sorgt für zusätzliche Ironie. Die Bundesrepublik verbessert sich um fünf Plätze und landet auf Rang zehn. 77 Punkte, zwei mehr als im Vorjahr. Klingt nach Fortschritt, ist aber laut Transparency Deutschland eher ein relativer Erfolg. Die Vorsitzende Alexandra Herzog weist darauf hin, dass Deutschland im Zehn-Jahres-Vergleich selbst vier Punkte verloren hat. Der Aufstieg sei vor allem darauf zurückzuführen, dass andere Länder sich stärker verschlechtert hätten. Ein Podestplatz, weil die Konkurrenz gestolpert ist.
Genau dieser Mechanismus macht das US-Ergebnis so aussagekräftig. Niemand ist über Nacht korrumpiert. Es ist ein schleichender Prozess. Erst wird Kritik als lästig dargestellt. Dann als feindlich. Dann als illegitim. Irgendwann ist die Unabhängigkeit von Institutionen nur noch ein Wort aus Lehrbüchern. Der CPI bildet diesen Prozess nicht ab, er registriert seine Wirkung.
Trump dürfte dieses Ranking dennoch nicht gefallen. Rankings sind für ihn normalerweise Dinge, die man gewinnt – oder anzweifelt, wenn man sie nicht gewinnt. Platz 29 lässt sich schwer als Erfolg verkaufen, selbst mit sehr kreativer Zahleninterpretation. Natürlich kann man behaupten, die Organisation sei voreingenommen, die Experten seien parteiisch oder das Ausland habe keine Ahnung von amerikanischer Größe. Doch Zahlen haben eine unangenehme Eigenschaft: Sie lassen sich zitieren.
Und so steht am Ende ein Land, das sich selbst gern als Leuchtturm der Integrität sieht, plötzlich mit gedimmtem Licht da. Nicht im Dunkeln, aber auch nicht mehr strahlend. Die USA sind nicht korrupt im klassischen Sinne, aber sie wirken angreifbarer, verletzlicher, weniger immun gegen Versuchungen. Das ist die eigentliche Aussage dieses Rankings.
Vielleicht ist Platz 29 kein Absturz, sondern eine Warnmarkierung. Ein Hinweis darauf, dass Rechtsstaatlichkeit kein Naturzustand ist, sondern gepflegt werden muss. Wer sie vernachlässigt, rutscht. Manchmal langsam. Manchmal historisch.