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Schwärzer als die Wahrheit – Wenn Transparenz zum Balkenlauf wird

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Schwärzer als die Wahrheit – Wenn Transparenz zum Balkenlauf wird

Es gibt Transparenz, und es gibt die amerikanische Version davon. Letztere funktioniert nach dem Prinzip: Man öffnet den Vorhang, schaltet das Licht an – und malt dann vorsorglich alles schwarz, was interessant sein könnte. Genau dieses Erlebnis hatten nun jene Abgeordneten, die monatelang Druck gemacht hatten, um die Epstein-Akten ans Tageslicht zu zerren. Sie erwarteten Erkenntnisse. Bekommen haben sie einen grafischen Designkurs in „Schwärzung als Staatskunst“.

Eine parteiübergreifende Allianz, bestehend aus dem Demokraten Ro Khanna und dem Republikaner Thomas Massie, hatte das eigentlich Unmögliche geschafft: Republikaner und Demokraten arbeiteten zusammen. Nicht für eine Gedenkminute, nicht für ein Selfie, sondern für Transparenz. Man zwang das Weiße Haus zur Freigabe der Akten rund um Jeffrey Epstein – ein Vorgang, der in Washington ungefähr so selten ist wie ehrliche Wahlkampfversprechen.

Sogar Donald Trump unterschrieb das Gesetz. Eine Geste, die viele als historischen Moment feierten: der Präsident mit dem Stift, der Kongress zufrieden, die Öffentlichkeit erwartungsvoll. Kurz vor Weihnachten erschienen die ersten Dokumente, Ende Januar folgten Millionen weitere. Ein Datenberg, so groß, dass man ihn vom Mond aus sehen könnte – zumindest theoretisch.

Dann kam der Montag der Ernüchterung. Khanna und Massie durften erstmals die ungeschwärzten Versionen einsehen. Oder genauer gesagt: das, was offiziell als „unredigiert“ gilt, in der Praxis aber eher an moderne Kunst erinnerte. Schwarze Balken dominierten die Seiten, als hätte jemand beschlossen, Jackson Pollock in den Staatsdienst zu holen.

Besonders ärgerlich: Mindestens sechs Namen waren geschwärzt, die nach Auffassung der Abgeordneten hätten lesbar sein müssen. Sechs. Nicht zweihundert. Nicht ein geheimes Alphabet. Sechs Namen, die offenbar so explosiv sind, dass sie selbst durch dickste Balken gesichert werden müssen. Khanna und Massie fanden sie dennoch heraus. Recherche, Vergleich, Kontext – klassische Werkzeuge der Aufklärung. Das Ergebnis: Sie kennen die Namen. Sie sagen sie nur (noch) nicht.

Stattdessen geben sie Hinweise, die in Washington sofort Puls und Blutdruck steigen lassen. Ein US-Amerikaner. Ein Nicht-US-Amerikaner. Drei oder vier weitere mit ungeklärter Staatsangehörigkeit. Einer davon hochrangig in einer ausländischen Regierung. Ein anderer „ziemlich bekannt“. Diese Beschreibung allein dürfte in mehreren Hauptstädten gleichzeitig hektische Telefonate ausgelöst haben. Diplomatie als Ratespiel.

Die Abgeordneten könnten die Namen jederzeit im Plenum nennen. Parlamentarische Immunität ist ein wunderbares Instrument: Man sagt etwas, und niemand kann einen dafür belangen. Dass sie es bislang nicht getan haben, ist weniger Zurückhaltung als Spannungskurve. Politisches Storytelling auf Netflix-Niveau.

Am Mittwoch soll Pam Bondi vor dem Justizausschuss erscheinen. Erwartet wird kein gemütlicher Austausch, sondern eher ein politischer Showdown mit Fragestellung: „Warum sieht Transparenz bei Ihnen aus wie ein geschwärzter Sudoku-Zettel?“ Viele Demokraten sind überzeugt, dass das Justizministerium mit seinen Balken gegen das Veröffentlichungsgesetz verstößt. Dieses erlaubt Schwärzungen nur zum Schutz von Opfern oder laufenden Ermittlungen. Prominente Kontakte Epsteins fallen eigentlich nicht darunter – es sei denn, man interpretiert „laufende Ermittlungen“ sehr kreativ.

Die Bedingungen der Einsichtnahme tragen ihr Übriges zur Absurdität bei. Vier Computer. Keine Handys. Keine Mitarbeiter. Keine Kopien. Der Demokrat Jamie Raskin rechnete vor, dass eine vollständige Durchsicht unter diesen Umständen etwa siebeneinhalb Jahre dauern würde. Ein Zeitraum, in dem man problemlos ein Studium abschließen, ein Haus bauen und wieder verkaufen könnte – oder eine neue Partei gründen.

Raskin berichtete von zahlreichen Schwärzungen, die nichts mit Opferschutz zu tun hätten. Sein Fazit: Man wollte keine Vertuschung. Eine Formulierung, die in Washington ungefähr so subtil ist wie ein Presslufthammer. Auch Jared Moskowitz wurde deutlich: Es gebe viele Namen, viele Mitverschwörer, und sie betrieben weltweit Mädchenhandel. Das ist keine Fußnote, sondern der Kern des Skandals.

Der stellvertretende Justizminister Todd Blanche versicherte unterdessen, sein Ressort „verstecke nichts“. Eine Aussage, die ungefähr so überzeugend wirkt wie „Ich habe nichts gegessen“, während der Mund noch voller Kuchen ist. Technisch korrekt vielleicht, gefühlt aber schwer vermittelbar.

Über allem schwebt der alte politische Sturm um Epstein. Ein Fall, der längst nicht mehr nur juristisch, sondern kulturell ist. Verschwörungstheorien, Misstrauen, der Verdacht, dass Macht schützt, wer Macht hat. Epsteins Netzwerk, seine Insel, seine Kontakte – all das hat sich tief ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Seine Komplizin Ghislaine Maxwell sitzt im Gefängnis, doch das Gefühl bleibt: Das Puzzle ist unvollständig.

Nun steht das Justizministerium unter Zugzwang. Bis zum 15. Februar muss es erklären, warum welche Stellen geschwärzt wurden. Ein Protokoll über schwarze Balken – Bürokratie in Reinform. Vielleicht der einzige Moment, in dem Transparenz wirklich transparent werden könnte.

Bis dahin bleibt der Eindruck eines politischen Thrillers. Die Abgeordneten wissen mehr, als sie sagen. Die Öffentlichkeit sieht weniger, als sie sollte. Und irgendwo zwischen Millionen Seiten Papier und dicken schwarzen Linien stellt sich die Frage, ob Transparenz hier wirklich das Ziel ist – oder nur ein sehr gut getarntes Versprechen.

Am Ende ist es eine perfekte Parabel auf moderne Politik: Man öffnet die Akten, schließt die Augen der Öffentlichkeit und nennt das Ganze Offenlegung. Wer wissen will, was wirklich drinsteht, muss entweder Abgeordneter sein – oder sehr gut im Lesen zwischen schwarzen Balken.