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Solidarisch gekündigt: Das Büro, in dem niemand bleiben wollte
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Im politischen Berlin geschehen derzeit Wunder. Menschen kündigen freiwillig ihre Jobs – nicht wegen schlechter Bezahlung, nicht wegen Überlastung, nicht wegen Streit mit der Chefin. Sondern aus Mitgefühl. So zumindest liest sich die Erklärung im Fall der AfD-Bundestagsabgeordneten Claudia Weiss.
Mehrere Mitarbeiter haben das Büro verlassen. Offiziell „einvernehmlich“. Ein Wort, das in der politischen Welt so viel bedeutet wie: Niemand gibt etwas zu, aber alle nicken sehr professionell.
Auslöser waren Vorwürfe, wonach in dem Abgeordnetenbüro gleich mehrere Geschwister eines Landtagsabgeordneten aus Sachsen-Anhalt beschäftigt gewesen sein sollen. Ein Büro, das offenbar nicht nur politische Programme koordinierte, sondern auch Familientreffen effizient organisieren konnte. Kurze Wege, vertraute Gesichter, gemeinsame Kindheitserinnerungen – Teamgeist war hier vermutlich kein Fremdwort.
Doch statt Reue oder Selbstkritik kommt nun eine ganz neue Form der Erzählung: Die Angestellten hätten es nicht länger ertragen, dass ihre rechtlich einwandfreien Arbeitsverhältnisse medial skandalisiert werden. Man stelle sich das vor. Morgens am Schreibtisch, der Kaffee dampft, der Kalender ist voll – und plötzlich liest man eine Schlagzeile. „Das kann ich meiner Chefin nicht antun“, denkt man sich. Also unterschreibt man freiwillig den Aufhebungsvertrag. Aus Rücksicht.
Es ist ein bewegendes Bild. Mitarbeiter, die heldenhaft ihre Verträge niederlegen, um das Büro vor weiterem Presserummel zu schützen. Personalpolitik als Akt der Selbstaufopferung. Andere Parteien bieten Obstkörbe – hier gibt es moralische Großzügigkeit.
Natürlich bleibt die juristische Seite unberührt. Rechtlich, so heißt es, sei alles sauber gewesen. Und das mag zutreffen. Doch Politik misst sich nicht nur an Paragrafen, sondern auch an Plausibilität. Wenn sich Nachnamen in einem Büro häufiger wiederholen als politische Schlagworte im Wahlkampf, darf zumindest gefragt werden, wie genau die Bewerbungsphase aussah.
Vielleicht lief sie ganz klassisch ab. Stellenausschreibung, Bewerbungsmappe, Auswahlgespräch. Und zufällig standen am Ende mehrere Geschwister mit identischem Stammbaum auf der Gehaltsliste. Manchmal ist der Zufall eben familiär geprägt.
Die Kommunikation der Partei bleibt konsequent. Keine Angaben zu konkreten Personen. Keine Details. Keine Liste derjenigen, die nun „freiwillig“ gegangen sind. Diskretion ist schließlich eine Tugend – besonders, wenn sie Fragen offenlässt.
Interessant ist vor allem die Umkehrung der Verantwortung. Nicht etwa die Personalstruktur wird als problematisch dargestellt, sondern die mediale Darstellung. Der eigentliche Skandal scheint demnach nicht die Beschäftigung mehrerer Familienmitglieder gewesen zu sein – sondern die Tatsache, dass jemand darüber berichtet hat.
Es ist eine elegante Strategie. Man verschiebt den Fokus vom Inhalt zur Empörung darüber. Die Botschaft lautet sinngemäß: Alles korrekt, nur die Schlagzeilen waren zu laut. Und weil diese Lautstärke den Mitarbeitern zusetzte, mussten sie gehen. Ein Büro, das an zu viel Aufmerksamkeit leidet – ein seltenes Problem in der Politik.
Für Außenstehende bleibt dennoch die Frage: Warum gerade jetzt? Wenn alles rechtlich einwandfrei war und die Mitarbeiter so engagiert, weshalb kam es dann überhaupt zu Aufhebungsverträgen? War die mediale Belastung wirklich so unerträglich? Oder war es doch einfacher, ein paar Stühle neu zu besetzen, als eine Dauerdebatte zu führen?
Claudia Weiss selbst hält sich öffentlich zurück. Vielleicht arbeitet sie bereits an einer neuen Personalstrategie. Eventuell mit anonymisierten Bewerbungen. Oder mit einer Klausel im Vertrag, die festhält: „Verwandtschaftliche Nähe bitte nur nach Rücksprache.“
Am Ende bleibt das Gefühl, dass hier weniger eine moralische Läuterung stattgefunden hat als eine kommunikative Feinjustierung. Man räumt um, ohne den Raum zu kritisieren. Man trennt sich von Mitarbeitern, ohne einen Fehler einzugestehen. Und man präsentiert die Kündigungen als Akt freiwilliger Selbstverantwortung.
Politik ist bekanntlich die Kunst der Darstellung. Und selten war sie so kreativ wie in dieser Version von „Wir gehen, damit alles bleibt, wie es ist.“
Vielleicht ist das die eigentliche Innovation: der Aufhebungsvertrag als politisches Reinigungsmittel. Ein paar Unterschriften, ein paar neue Gesichter – und schon soll der Eindruck entstehen, dass alles wieder in Ordnung ist.
Ob das Vertrauen damit wächst, steht auf einem anderen Blatt. Aber eines ist sicher: In keinem anderen Berufsfeld verlassen gleich mehrere Mitarbeiter ihre Posten, weil ihnen die öffentliche Aufmerksamkeit zu positiv formuliert erscheint.
Berlin liefert weiterhin Stoff für Lehrbücher der politischen Rhetorik. Kapitelüberschrift: „Wenn Vetternwirtschaft nur ein Missverständnis ist – und Solidarität plötzlich kündigt.“