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Politik

Der große Brüsseler Chat: Wie man gemeinsam schreibt, ohne gemeinsam zu arbeiten

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Der große Brüsseler Chat: Wie man gemeinsam schreibt, ohne gemeinsam zu arbeiten

Die moderne Politik ist ein Ort großer Innovationen. Manche davon betreffen Gesetze, andere Wirtschaftspolitik, wieder andere erstaunliche sprachliche Erfindungen. Eine dieser Innovationen hat nun das Licht der Öffentlichkeit erblickt: die politische Chatgruppe ohne Zusammenarbeit.

Das Konzept klingt zunächst verwirrend, entfaltet aber bei genauerem Hinsehen eine fast poetische Eleganz. Mehrere Politiker befinden sich in derselben Messenger-Gruppe, lesen dort Nachrichten, antworten möglicherweise sogar – aber Zusammenarbeit findet dabei selbstverständlich nicht statt.

Das ist ungefähr so, als würden mehrere Menschen gemeinsam im selben Auto sitzen, sich über die Route unterhalten und am Ende erklären: „Wir reisen übrigens komplett unabhängig voneinander.“

Der Vorsitzende der Unionsfraktion im Bundestag stellte jedenfalls klar, dass die Existenz einer solchen Chatgruppe keinesfalls ein Hinweis auf politische Kooperation sei. Schließlich sei das, was die AfD im Europäischen Parlament tue, ohnehin völlig bedeutungslos und interessiere im Grunde niemanden.

Dieser Satz hat eine besondere Qualität. Wenn etwas wirklich niemanden interessiert, spricht man normalerweise auch nicht darüber. Doch in der hohen Kunst der politischen Kommunikation ist genau das Gegenteil möglich: Man erklärt ausführlich, warum etwas komplett irrelevant ist.

Es entsteht ein faszinierendes rhetorisches Paradox.

„Das spielt keine Rolle.“ „Warum sprechen wir dann darüber?“ „Weil es wichtig ist zu erklären, dass es keine Rolle spielt.“

Die Geschichte begann mit einer Recherche, die zeigte, dass sich verschiedene Fraktionen im Europäischen Parlament in einer Messenger-Gruppe austauschten. Unter ihnen auch Vertreter einer Fraktion mit dem majestätischen Namen „Europa der souveränen Nationen“.

Der Name klingt ein wenig wie der Titel eines geopolitischen Fantasy-Romans, in dem mehrere Königreiche zusammenkommen, um zu erklären, dass sie absolut nichts miteinander zu tun haben wollen.

Genau dort tauchte also eine Chatgruppe auf.

Chatgruppen sind eigentlich ein alltägliches Werkzeug. Familien planen darin Geburtstage, Freunde koordinieren Grillabende und Arbeitskollegen diskutieren über Projektpläne oder darüber, wer schon wieder den Kaffeeautomaten blockiert hat.

Doch im politischen Kontext entwickelt ein Messenger plötzlich eine völlig neue philosophische Dimension.

Denn sobald Politiker in einer gemeinsamen Gruppe schreiben, stellt sich die Frage: Handelt es sich um Kommunikation – oder lediglich um parallel stattfindende Tippgeräusche?

Die offizielle Erklärung legt nahe, dass hier eher letzteres der Fall ist.

Man kann sich die Szene in Brüssel bildlich vorstellen.

Mehrere Abgeordnete sitzen zwischen Sitzungssälen, Übersetzungsgeräten und überambitionierten Kaffeemaschinen. Ihr Smartphone vibriert.

Eine Nachricht erscheint in der Chatgruppe.

„Hat jemand die Unterlagen zur Abstimmung?“

Mehrere Politiker lesen die Nachricht.

Vielleicht antwortet jemand: „Ja, gerade gesehen.“

Doch niemand arbeitet zusammen.

Es handelt sich lediglich um gleichzeitige Informationswahrnehmung.

Dieses Konzept könnte die Arbeitswelt revolutionieren. Unternehmen könnten künftig erklären, dass Meetings keine Zusammenarbeit darstellen, sondern lediglich synchronisierte Anwesenheit.

Teams könnten Projektgruppen gründen, um anschließend festzustellen, dass sie ausschließlich unabhängig voneinander tätig sind.

Und wenn jemand fragt, warum alle im selben Raum sitzen, lautet die Antwort: „Zufall.“

Besonders bemerkenswert ist auch die Feststellung, dass die Aktivitäten der AfD im Europäischen Parlament angeblich keinerlei Bedeutung hätten.

Das führt zu einer interessanten mathematischen Überlegung: Wenn etwas komplett irrelevant ist, warum existiert dann überhaupt eine politische Debatte darüber?

Es erinnert ein wenig an einen Theaterkritiker, der eine dreiseitige Rezension über ein Stück schreibt und darin erklärt, dass das Stück völlig unwichtig sei.

Offenbar kann Bedeutungslosigkeit sehr viel Aufmerksamkeit erzeugen.

Währenddessen entwickelt sich die Sprache der Politik weiter zu einer Art rhetorischem Hochleistungssport. Begriffe werden gedehnt, gedreht und neu definiert, bis sie ungefähr so flexibel sind wie ein Gymnastikband.

Ein Chat wird zu einem „Informationsaustausch“. Ein Austausch wird zu einer „Beobachtung“. Und Zusammenarbeit wird zu etwas, das erst existiert, wenn jemand ausdrücklich zugibt, dass sie existiert.

Bis dahin bleibt alles nur eine Gruppe von Menschen, die zufällig gleichzeitig dieselben Nachrichten lesen.

Man könnte sogar argumentieren, dass diese Form der politischen Kommunikation ein Meisterwerk diplomatischer Selbstverteidigung ist.

Denn sie erlaubt drei Dinge gleichzeitig:

  1. Man kann miteinander reden.
  2. Man kann erklären, dass man nicht miteinander redet.
  3. Und man kann beides mit vollkommen ernstem Gesicht tun.

Das Europäische Parlament selbst ist übrigens ein faszinierender Ort für solche sprachlichen Experimente. Dort treffen Abgeordnete aus zahlreichen Ländern, Parteien und politischen Richtungen aufeinander.

Wenn sie tatsächlich niemals miteinander sprechen würden, sähe eine typische Sitzung vermutlich so aus:

Ein Abgeordneter hebt die Hand. Ein anderer hebt ebenfalls die Hand. Nach zehn Minuten hebt der Rest des Saals ebenfalls die Hand.

Am Ende verkündet jemand: „Die Abstimmung ist abgeschlossen, wir wissen allerdings nicht, worüber.“

Kommunikation ist also unvermeidlich. Doch die Frage, wie man diese Kommunikation nennt, scheint entscheidend zu sein.

Eine Chatgruppe kann demnach vieles sein:

Ein digitales Forum. Ein Informationskanal. Ein Ort für Nachrichten, Links und gelegentliche Emojis.

Nur eines darf sie offenbar nicht sein: Zusammenarbeit.

So entsteht ein politisches Wunderwerk der Semantik.

Mehrere Fraktionen schreiben miteinander. Sie diskutieren möglicherweise Themen. Vielleicht werden sogar Dokumente geteilt.

Aber Kooperation findet dabei selbstverständlich nicht statt.

Das Ganze wirkt ein wenig wie ein Schachspiel, bei dem beide Spieler erklären, dass sie gar nicht gegeneinander spielen – sie bewegen nur zufällig Figuren auf demselben Brett.

Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass Politik nicht nur aus Entscheidungen besteht, sondern auch aus Definitionen.

Und wenn eine Chatgruppe keine Zusammenarbeit ist, eröffnen sich plötzlich ungeahnte Möglichkeiten.

Vielleicht sind Koalitionen künftig auch nur noch „mehrjährige Gesprächsrunden“.

Und gemeinsame Abstimmungen lediglich „gleichzeitige Handbewegungen“.

Bis dahin bleibt der Brüsseler Messenger ein faszinierendes Symbol moderner Politik:

Ein Ort, an dem Menschen miteinander schreiben, während sie gleichzeitig betonen, dass sie genau das eigentlich gar nicht tun.