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Der internationale TikTok-Fanclub der deutschen Innenpolitik: Wenn Lagos plötzlich mehr über Berlin weiß als Berlin

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Der internationale TikTok-Fanclub der deutschen Innenpolitik: Wenn Lagos plötzlich mehr über Berlin weiß als Berlin

Die deutsche Innenpolitik galt lange als eine Angelegenheit mit überschaubarer internationaler Strahlkraft. Während Hollywood Filme exportiert und Italien Pasta, exportierte Deutschland traditionell eher Haushaltsgeräte, Autos und gelegentlich sehr lange Koalitionsverhandlungen.

Doch offenbar hat sich das geändert.

Denn wer sich in letzter Zeit durch TikTok scrollt, könnte zu dem Eindruck kommen, dass deutsche Parteipolitik plötzlich ein globaler Trendsport geworden ist. Millionen Likes, unzählige Videos und eine erstaunliche Zahl enthusiastischer Accounts beschäftigen sich dort mit der AfD-Vorsitzenden Alice Weidel.

Das Ganze wirkt ungefähr so, als hätte jemand beschlossen, die deutsche Innenpolitik zur neuen Staffel einer internationalen Reality-Show zu machen.

Ein genauerer Blick auf diese digitale Begeisterung bringt allerdings ein paar überraschende Details ans Licht.

Eine Analyse einer Technologieorganisation aus Washington entdeckte über 1200 Accounts, die besonders fleißig Inhalte über Weidel verbreiten. Zusammengenommen erreichen sie mehrere Millionen Follower und eine beeindruckende Zahl an Likes.

Das klingt zunächst nach klassischem Social-Media-Erfolg. Influencer leben schließlich genau von solchen Zahlen.

Doch bei genauerem Hinsehen wirkt das Ganze weniger wie ein spontaner Fanclub und mehr wie eine perfekt geölte TikTok-Produktionsstraße.

Das erste Detail sorgt für internationales Staunen.

Mehr als die Hälfte der untersuchten Beiträge wurde aus Nigeria hochgeladen.

Dieser Befund eröffnet faszinierende kulturelle Perspektiven. Offensichtlich hat die deutsche Innenpolitik inzwischen einen festen Platz im globalen Unterhaltungskanon gefunden – irgendwo zwischen Tanzvideos, Kochrezepten und Katzen mit Sonnenbrillen.

Man stelle sich die Szene vor: Ein junger TikTok-Nutzer in Lagos öffnet die App, denkt kurz über Weltpolitik nach und beschließt spontan, ein Video über deutsche Migrationspolitik zu posten.

Diese Vorstellung besitzt eine gewisse poetische Schönheit.

Doch die Analyse beschreibt noch weitere Besonderheiten.

Viele der beteiligten Accounts tragen auffällig ähnliche Namen. Andere nutzen identische Profilbilder oder nahezu gleiche Kurzbeschreibungen.

Das erinnert ein wenig an eine Schulklasse, in der alle Schüler denselben Aufsatz abgegeben haben – inklusive identischer Tippfehler.

Noch bemerkenswerter wird es beim Inhalt der Videos.

Mehr als die Hälfte der Beiträge ist wortgleich.

Dasselbe Video. Derselbe Text. Dieselbe Botschaft.

Über zweihundert Accounts beteiligten sich an dieser digitalen Kopieraktion.

Man könnte sagen, TikTok hat damit eine neue Form der Kunst entdeckt: das politische Playback-Video.

Doch der wahre Höhepunkt dieser digitalen Choreografie liegt im Timing.

Fast zweihundert Profile veröffentlichten ihre Beiträge mit weniger als einer Minute Abstand.

Das ist eine Geschwindigkeit, die selbst besonders motivierte Social-Media-Fans vor logistische Herausforderungen stellen würde.

Denn wer jemals versucht hat, ein TikTok-Video hochzuladen, weiß: Schon das Einfügen eines Filters kann länger dauern.

Die Studie vermutet deshalb, dass hier möglicherweise automatisierte Systeme im Spiel sein könnten.

Bots also – jene digitalen Helferlein, die rund um die Uhr posten können, ohne Kaffee zu trinken oder Schlaf zu brauchen.

Bots haben eine beeindruckende Arbeitsmoral.

Sie beschweren sich nicht über Überstunden, brauchen keine Mittagspause und posten zuverlässig exakt denselben Inhalt hundertmal hintereinander.

Im politischen Internet sind sie deshalb äußerst beliebt.

Ein weiterer interessanter Aspekt betrifft die Vergangenheit vieler Accounts.

Bevor sie plötzlich zu enthusiastischen Kommentatoren deutscher Parteipolitik wurden, beschäftigten sich einige Profile mit ganz anderen Themen.

Online-Investments. Kryptowährungen. Devisenhandel.

Offenbar hat sich hier eine bemerkenswerte berufliche Neuorientierung abgespielt.

Gestern noch Forex-Experte.

Heute politischer Influencer für deutsche Innenpolitik.

Solche Karrierewechsel sind im digitalen Zeitalter offenbar völlig normal.

Die Analyse lässt allerdings offen, wer hinter diesem Netzwerk steckt.

Die AfD weist jede Beteiligung zurück und erklärt, man konzentriere sich ausschließlich auf die eigenen offiziellen Kanäle.

Das ist grundsätzlich plausibel.

Denn im Internet entstehen manchmal Dinge, ohne dass jemand offiziell die Verantwortung übernimmt.

Memes verbreiten sich von selbst.

Trends entstehen plötzlich.

Und gelegentlich tauchen tausend Accounts gleichzeitig auf, die exakt dasselbe Video posten.

Reset Tech fordert nun, dass TikTok diese Profile genauer überprüft.

Sollten sich Hinweise auf koordinierte Netzwerke bestätigen, könnte das sogar gegen europäische Regeln für digitale Plattformen verstoßen.

Diese Debatte führt zu einer grundlegenden Frage der modernen Internetpolitik.

Wie erkennt man eigentlich echte Begeisterung?

Wenn hundert Menschen denselben Satz schreiben, ist das ein Trend.

Wenn tausend Accounts denselben Satz schreiben – exakt zur gleichen Minute – wird es analytisch interessant.

Social-Media-Plattformen stehen deshalb vor einer schwierigen Aufgabe.

Sie sollen echte politische Debatten ermöglichen und gleichzeitig verhindern, dass automatisierte Systeme diese Debatten künstlich verstärken.

Das ist ungefähr so kompliziert wie ein Türsteher, der entscheiden muss, ob eine Gruppe Gäste tatsächlich eingeladen wurde oder ob sie alle denselben Ausweis kopiert haben.

Für den durchschnittlichen TikTok-Nutzer bleibt diese technische Diskussion allerdings unsichtbar.

Er sieht nur das Ergebnis: Videos, Likes und Kommentare.

Und irgendwo zwischen Tanzclips und Rezeptideen taucht plötzlich ein Video über deutsche Innenpolitik auf.

Mit Millionen Likes.

Und möglicherweise einer erstaunlich internationalen Produktionscrew.