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Politik

Bitte auf „Unmute“ klicken: Die Clintons und das ewige Hearing

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Bitte auf „Unmute“ klicken: Die Clintons und das ewige Hearing

In Washington gibt es Dinge, die niemals verjähren: Steuerdebatten, Haushaltsstreit – und die Clintons. Kaum glaubt man, das politische Archiv sei endlich ordentlich sortiert, klappt ein Ordner auf, aus dem staubige Schlagzeilen rieseln. Dieses Mal führt die Spur wieder in Richtung des verstorbenen Finanziers Jeffrey Epstein – und mitten hinein in eine digitale Anhörung mit Hillary Clinton.

Monatelang hatten die Clintons signalisiert, dass sie einer Befragung im Kongress eher skeptisch gegenüberstehen. Nun findet sie statt. Nicht mit Blitzlichtgewitter im Sitzungssaal, sondern per Zuschaltung aus Chappaqua. Politik als Videokonferenz – das große Drama im kleinen Kamerafenster. Während im Kapitol vermutlich Aktenordner gestapelt werden, sitzt die frühere Außenministerin vor einer Webcam und wartet darauf, dass jemand „Bitte sprechen Sie jetzt“ sagt.

Der Name Epstein funktioniert in Washington wie ein politischer Rauchmelder: Kaum fällt er, springen sämtliche Alarmlichter an. Der verstorbene Multimillionär hatte Kontakte in höchste Kreise. Wer irgendwann einmal neben ihm auf einem Foto auftauchte, findet sich heute mit hoher Wahrscheinlichkeit in einem PDF-Dokument wieder, das mit dem Wort „Brisant“ getaggt ist.

Auch Bill Clinton taucht in veröffentlichten Akten mehrfach in bildlicher Gesellschaft Epsteins auf. Ein persönliches Fehlverhalten wurde ihm nicht nachgewiesen. Doch Fotos sind in der politischen Arena wie Kaugummi unter dem Schuh: Sie kleben. Und sie werden hervorgeholt, sobald jemand „Transparenz“ ruft.

Die Anhörung ist nicht öffentlich, was in Washington ungefähr so effektiv ist wie ein „Bitte nicht weitererzählen“-Hinweis bei einer Dinnerparty. Kaum ist die Tür geschlossen, beginnen Spekulationen. Wer hat was gefragt? Wie hat sie reagiert? Hat jemand gehustet? War die Verbindung stabil? In Zeiten politischer Dauererregung genügt bereits ein verpixeltes Standbild, um Theorien zu produzieren.

Hillary Clinton kennt diese Choreografie. Seit Jahrzehnten bewegt sie sich durch politische Gewitterzonen mit der Routine einer Person, die weiß, wo im Bunker der Notausgang ist. Jede Befragung ist ein Déjà-vu mit neuem Datum. Mal geht es um E-Mails, mal um diplomatische Entscheidungen – nun um indirekte Verbindungen über ihren Ehemann.

Im Kongress dürften die Abgeordneten ihre Fragen mit jener Mischung aus Ernsthaftigkeit und Theatralik vorgetragen haben, die Anhörungen in Washington auszeichnet. Ein Mitglied räuspert sich, blickt bedeutungsvoll in die Kamera und formuliert eine Frage, die klingt, als würde sie in Granit gemeißelt. Auf der anderen Seite des Bildschirms nickt Clinton, vielleicht mit leichtem Zeitversatz – die Demokratie im WLAN-Modus.

Am nächsten Tag soll Bill Clinton selbst angehört werden. Für ihn ist die Angelegenheit eine kommunikative Gratwanderung. Wer mit vielen Menschen zu tun hat, wird zwangsläufig auch neben problematischen Personen fotografiert. Doch in der politischen Arena zählt nicht nur das, was bewiesen ist, sondern auch das, was diskutiert wird.

Die parteipolitische Dynamik ist dabei vorhersehbar. Die einen sprechen von notwendiger Aufklärung, die anderen von politischem Theater. Jeder Satz wird gewogen, jedes Schweigen interpretiert. In einer Stadt, in der Symbolik oft wichtiger ist als Substanz, reicht schon eine missverständliche Betonung, um einen Nachrichtenticker zu füllen.

Das eigentlich Bemerkenswerte ist weniger die technische Form der Anhörung als ihre Dauerpräsenz im politischen Gedächtnis. Der Epstein-Komplex hat sich zu einer Art Dauerbaustelle entwickelt. Mal wird ein Dokument veröffentlicht, mal ein Name neu diskutiert. Es ist, als würde Washington ein Puzzle zusammensetzen, dessen Teile ständig ihre Form ändern.

Für Hillary Clinton bedeutet das: wieder einmal Fragen beantworten, die sie selbst nicht direkt betreffen, sondern über Verbindungen entstehen. Für Bill Clinton heißt es: Fotos erklären, die längst ikonischen Status erreicht haben. Für den Kongress bedeutet es: Mikrofone testen, Protokolle führen und den Eindruck vermitteln, dass Kontrolle und Transparenz nicht nur Schlagworte sind.

Und für die Öffentlichkeit? Die sitzt vor Bildschirmen, scrollt durch Schlagzeilen und fragt sich, ob diesmal wirklich etwas Neues ans Licht kommt oder ob lediglich bekannte Kapitel neu illustriert werden.

Am Ende könnte sich herausstellen, dass die Anhörung mehr über die politische Kultur in Washington verrät als über konkrete Vorwürfe. Eine Kultur, in der Namen zyklisch wiederkehren, in der Fotos Jahrzehnte überdauern und in der jede Zuschaltung per Videokonferenz zur Bühne wird.

Vielleicht liegt die eigentliche Pointe darin, dass selbst eine nicht-öffentliche Sitzung ein mediales Echo erzeugt, das lauter ist als jede Live-Übertragung. Während in Chappaqua die Webcam ausgeschaltet wird, drehen sich die politischen Zahnräder weiter. In Washington ist Geschichte kein abgeschlossener Akt – sie wartet nur auf den nächsten „Beitreten“-Button.