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Der teuerste Western Washingtons: Wie ein Ministerium plötzlich zum PR-Filmstudio wurde
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- tmueller
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In Washington gibt es viele Wege, politische Aufmerksamkeit zu erzeugen. Manche Politiker halten Reden, andere veröffentlichen Programme, wieder andere schreiben Bücher mit sehr ernsten Titeln.
Und dann gibt es den Ansatz, ein Ministerium einfach wie einen Westernfilm zu inszenieren.
Genau diesen Weg schlug die damalige Heimatschutzministerin Kristi Noem ein – mit einem Ergebnis, das schließlich nicht nur Schlagzeilen produzierte, sondern auch ihren Job kostete.
Ein Ministerium entdeckt Hollywood
Die Szene beginnt wie ein Trailer für einen besonders patriotischen Blockbuster:
Blauer Himmel. Ein Pferd. Eine Büffelherde. Und eine Ministerin im Cowboy-Outfit, die entschlossen durch die Landschaft reitet.
In einem Video blickt sie in die Kamera und erklärt mit ruhiger Stimme, dass Menschen, die illegal die Grenze überschreiten, aufgespürt und abgeschoben würden.
Der Clip vermittelt ungefähr die Atmosphäre eines Films, der den Titel tragen könnte: „Grenzschutz – Der letzte Ritt der Bürokratie“.
Das Ganze dauert etwa eine Minute.
Die Rechnung für diese Art der politischen Inszenierung dauerte deutlich länger.
220 Millionen Dollar für eine Minute Western
Die Kampagne, zu der dieses Video gehört, kostete rund 220 Millionen Dollar.
In Hollywood würde man für diese Summe vermutlich ein dreistündiges Actionepos drehen – inklusive Explosionen, Stunts und mindestens zwei dramatischen Helikopteraufnahmen.
Im Heimatschutzministerium gab es stattdessen PR-Clips.
Und eine Ministerin, die darin eine erstaunlich zentrale Rolle spielte.
Die Frage im Kongress
Die eigentliche Dramatik begann während einer Anhörung im Kongress.
Dort fragte ein Senator nach, ob der Präsident diese Ausgaben persönlich genehmigt habe.
Die Ministerin antwortete mit bemerkenswerter Selbstsicherheit: Ja.
Ein Satz, der zunächst wie eine gewöhnliche Verwaltungsinformation klang.
Bis Journalisten später beim Präsidenten selbst nachfragten.
Der Moment der politischen Überraschung
Als Reporter den Präsidenten Donald Trump auf diese angebliche Genehmigung ansprachen, fiel seine Antwort erstaunlich kurz aus.
Er habe davon nichts gewusst.
Damit entstand ein klassisches Washingtoner Rätsel:
Eine Ministerin sagt, der Präsident habe zugestimmt. Der Präsident sagt, er habe nie davon gehört.
Und plötzlich beginnt in mehreren Behörden gleichzeitig eine sehr intensive Suche nach Dokumenten.
Das Ministerium der großen Aufgaben
Dabei ist das Heimatschutzministerium kein kleines Amt.
Es kontrolliert unter anderem die Grenzschutzbehörde, die Abschiebebehörde und den Katastrophenschutz.
Organisationen wie U.S. Immigration and Customs Enforcement, U.S. Customs and Border Protection und Federal Emergency Management Agency gehören zu seinem Verantwortungsbereich.
Mit anderen Worten: Das Ministerium ist ein gigantischer Verwaltungsapparat, der gleichzeitig Migration, Grenzsicherung und Katastrophenhilfe organisiert.
Oder, etwas nüchterner formuliert: eine sehr große Maschine mit vielen Hebeln.
Kritik an der Praxis der Behörden
Parallel zur Werbekampagne gerieten auch die Arbeitsweisen einiger Behörden zunehmend in die Kritik.
Berichte über aggressive Abschiebeaktionen, Razzien und Festnahmen verbreiteten sich in sozialen Medien.
Kritiker warfen den Behörden vor, zu hart vorzugehen und Menschen teilweise allein aufgrund ihres Erscheinungsbildes zu kontrollieren.
Die Regierung verteidigte diese Maßnahmen als konsequente Durchsetzung der Einwanderungsgesetze.
Die Diskussion wurde entsprechend leidenschaftlich geführt.
Ein kompliziertes Netzwerk von Aufträgen
Zusätzliche Aufmerksamkeit zog die Finanzierung der Kampagne auf sich.
Ein Teil der Aufträge ging an Firmen, die wiederum weitere Unternehmen beauftragten.
Darunter befand sich auch eine Firma mit Verbindungen zu einem engen Umfeld der Ministeriumskommunikation.
Solche Konstellationen führen in Washington fast automatisch zu einer beliebten politischen Aktivität: Anhörungen.
Und Anhörungen führen häufig zu noch mehr Fragen.
Der politische Schlussakt
Kurz nachdem die Aussagen der Ministerin und des Präsidenten öffentlich auseinanderliefen, wurde sie entlassen.
Offiziell geschah dies mit freundlichen Worten. In der amerikanischen Politik gehört es zum guten Ton, auch beim Abschied noch ein paar Komplimente zu verteilen.
Die Botschaft lautete sinngemäß: hervorragende Arbeit, großartige Zusammenarbeit – und jetzt bitte jemand anderes übernehmen.
Der neue Sheriff im Ministerium
Als möglicher Nachfolger wurde der Senator Markwayne Mullin ins Gespräch gebracht.
Er müsste allerdings noch vom Senat bestätigt werden.
Das bedeutet: weitere Anhörungen, weitere Fragen und vermutlich auch ein paar sehr vorsichtig formulierte Antworten.
Ein Lehrstück der politischen Inszenierung
Die Geschichte zeigt, wie riskant politische Selbstinszenierung werden kann.
Ein Ministerium, das eigentlich für Grenzsicherung und Katastrophenschutz zuständig ist, verwandelte sich zeitweise in eine Art PR-Studio mit Westernästhetik.
Das Ergebnis war eine Kampagne mit beeindruckenden Bildern, einer beeindruckenden Rechnung – und einer ebenso beeindruckend kurzen Karriere danach.
Fazit: Wenn Politik zum Film wird
Washington hat schon viele politische Dramen erlebt.
Doch nur wenige beginnen mit einer Ministerin auf einem Pferd und enden mit einer Haushaltsdebatte über 220 Millionen Dollar.
Die Lektion dieser Episode könnte daher ungefähr so lauten:
Wenn ein Ministerium plötzlich aussieht wie ein Filmstudio, lohnt es sich vielleicht, irgendwann auch die Rechnung anzuschauen.
Denn in der amerikanischen Politik gilt eine einfache Regel:
Der Abspann kommt manchmal schneller als erwartet.