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Großartige Siege im Paralleluniversum: Wie der Krieg in Teherans Schlagzeilen täglich gewonnen wird
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- tmueller
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Kriege werden nicht nur mit Raketen, Drohnen und Kampfflugzeugen geführt. Sie werden auch mit Überschriften geführt. Und während über dem Nahen Osten echte Jets fliegen, hebt in einigen iranischen Staatsmedien täglich eine ganz andere Luftflotte ab: eine Armada aus Erfolgsmeldungen, heroischen Durchhalteparolen und erstaunlich robusten Fantasiezahlen.
Wer ausschließlich diese Berichte liest, könnte leicht zu dem Schluss kommen, der Iran befinde sich mitten in einem historischen Triumphzug. Israel stehe kurz vor dem Zusammenbruch, die Vereinigten Staaten hätten bereits mehrere strategische Nervenzusammenbrüche erlitten und der Krieg verlaufe ungefähr so erfolgreich wie ein perfekt geplantes Schachspiel.
Die Realität außerhalb dieser Schlagzeilen wirkt allerdings leicht anders.
Der Premierminister, der zu selten postet
Ein besonders kreativer Moment entstand, als eine regimetreue Nachrichtenagentur plötzlich über eine mögliche Verwundung oder sogar den Tod von Israels Premierminister Benjamin Netanjahu spekulierte.
Der Grund für diese dramatische Vermutung war so modern wie originell: Der Mann hatte mehrere Tage lang kein Video veröffentlicht.
Im Zeitalter sozialer Medien scheint ein Politiker offenbar offiziell gefährdet zu sein, sobald sein Instagram-Rhythmus nachlässt.
Diese journalistische Methode hätte allerdings weltweit weitreichende Folgen. Wenn drei Tage ohne Video ein Lebenszeichenproblem darstellen, müssten vermutlich Millionen Menschen täglich als verschollen gemeldet werden – darunter etwa alle, die ihr Smartphone über ein Wochenende vergessen.
Die Geschichte hatte jedoch einen kleinen Schönheitsfehler. Kurz nach der Meldung erschien Netanjahu sehr lebendig bei einem Besuch eines nationalen Gesundheitszentrums.
Mit Kameras.
Mit Mikrofonen.
Mit Puls.
Unsichtbarkeit als Zeichen der Stärke
Während der israelische Premier wegen Social-Media-Stille schon fast zum Phantom erklärt wurde, ging man bei der eigenen Führung deutlich großzügiger mit Abwesenheit um.
Der neue religiöse Führer Mojtaba Chamenei, Sohn des getöteten Vorgängers, ist seit seiner Ernennung kaum öffentlich zu sehen.
Doch hier greift eine andere Regel.
Wenn der Gegner nicht auftaucht, ist das verdächtig. Wenn der eigene Führer nicht auftaucht, ist das strategische Genialität.
In dieser Logik bedeutet Unsichtbarkeit offenbar Überlegenheit.
Man könnte fast sagen: Je weniger jemand erscheint, desto mächtiger wirkt er.
Der Krieg der Erfolgsmeldungen
Auch militärisch verläuft laut offiziellen Meldungen alles hervorragend.
Generäle verkünden regelmäßig, dass der Feind bald vollständig besiegt werde. Die Worte „totaler Sieg“ tauchen dabei ungefähr so häufig auf wie Salz in einer Tüte Chips.
Eine dieser martialischen Ankündigungen kam von einem General, der versprach, den Konflikt bis zum endgültigen Triumph fortzuführen.
Das klingt beeindruckend.
Allerdings hatte der betreffende Offizier kurz zuvor seinen eigenen Stabschef durch einen Luftangriff verloren – zusammen mit mehreren anderen hochrangigen Militärs.
Eine etwas ungewöhnliche Vorbereitung für den finalen Sieg.
Der verschwundene Luftraum
Ein weiteres Detail taucht in den triumphalen Berichten erstaunlich selten auf: die Tatsache, dass israelische und amerikanische Kampfflugzeuge inzwischen weitgehend ungehindert über iranischem Gebiet operieren.
Luftabwehrsysteme wurden schwer getroffen, militärische Infrastruktur beschädigt und zahlreiche militärische Führungsfiguren ausgeschaltet.
Doch wer nur die offiziellen Schlagzeilen liest, bekommt davon wenig mit.
Dort wirkt der Konflikt eher wie ein sorgfältig inszenierter Siegesspaziergang.
Die wunderbare Mathematik des Krieges
Besonders kreativ wird die Berichterstattung bei den Opferzahlen.
So wurde stolz gemeldet, dass angeblich 200 amerikanische Soldaten gefallen seien.
Die tatsächliche Zahl liegt bislang bei sieben.
Das ist ein mathematischer Unterschied, der ungefähr dem Vergleich zwischen einer Geburtstagsfeier und einem Rockfestival entspricht.
Doch Zahlen sind im Krieg offenbar dehnbar – besonders wenn sie als Symbol der Stärke dienen sollen.
Die Rückkehr der legendären Wunderwaffen
Ein weiteres Highlight sind regelmäßig angekündigte neue Waffen.
Modernisiert, revolutionär, technologisch überlegen – so werden sie beschrieben.
Diese Systeme sollen demnächst eingesetzt werden und den Verlauf des Konflikts drastisch verändern.
Historisch gesehen hat diese Strategie eine lange Tradition. Immer wieder wurden in schwierigen Kriegssituationen geheimnisvolle Superwaffen angekündigt, die das Blatt wenden sollten.
Das Muster ist meist identisch: Die Waffe kommt bald. Sehr bald. Ganz bestimmt bald.
Nur leider nie heute.
Die erstaunlich harmonische Medienlandschaft
Ein bemerkenswerter Unterschied zeigt sich im Vergleich zu Medien in Israel oder den USA.
Dort erscheinen regelmäßig kritische Berichte über militärische Probleme, politische Fehler oder strategische Zweifel.
Journalisten stellen unangenehme Fragen. Kommentatoren diskutieren Entscheidungen. Oppositionspolitiker greifen die Regierung an.
In den iranischen Staatsmedien herrscht hingegen eine beeindruckende Einigkeit.
Niemand zweifelt. Niemand widerspricht. Niemand fragt nach.
Man könnte meinen, dort arbeite eine Redaktion, die ausschließlich aus besonders optimistischen Menschen besteht.
Die verschwundenen Strategen
Ein besonders ironischer Moment der Geschichte betrifft einen hochrangigen Militärchef, der kurz vor Beginn des Konflikts öffentlich erklärte, der Krieg werde dem amerikanischen Präsidenten eine wichtige Lektion erteilen.
Die Realität entwickelte sich allerdings schneller als seine Rede.
Der General wurde bereits in den ersten Stunden der Kämpfe getötet.
Seine geplante Lektion musste daher leider abgesagt werden.
Die Realität bleibt hartnäckig
Propaganda kann vieles leisten: Sie kann Moral stärken, Zweifel überdecken und Niederlagen in rhetorische Erfolge verwandeln.
Doch sie hat ein grundlegendes Problem.
Die Realität hält sich selten an Schlagzeilen.
Satellitenbilder existieren. Internationale Beobachter existieren. Und manchmal tauchen Politiker plötzlich wieder lebendig im Fernsehen auf.
Das erschwert die Aufgabe erheblich, einen Krieg ausschließlich über Erfolgsmeldungen zu gewinnen.
Doch eines muss man den Propagandisten lassen: Wenn Optimismus eine militärische Waffe wäre, hätte der Iran diesen Konflikt vermutlich schon längst gewonnen.