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Wenn Gleichheit zu viel wird: Der große Feldzug gegen das Offensichtliche
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Es war ein gewöhnlicher Tag im politischen Paralleluniversum, in dem Probleme nicht gelöst, sondern elegant umetikettiert werden. Dort, wo man nicht fragt „Wie schaffen wir mehr Gerechtigkeit?“, sondern „Wie schaffen wir es, dass sich niemand mehr über Ungerechtigkeit beschwert, weil sie offiziell gar nicht existiert?“.
In genau diesem Universum wurde nun ein bahnbrechender Plan vorgestellt. Ein Plan, der so kühn ist, dass er vermutlich zuerst für einen Aprilscherz gehalten wurde, dann für ein Missverständnis – und schließlich für einen ernst gemeinten Vorschlag, was die Sache nur noch beeindruckender macht.
Die Grundidee ist einfach: Wenn Firmen versuchen, Menschen fairer zu behandeln, dann ist das verdächtig. Vielleicht sogar gefährlich. Denn wer weiß schon, was passiert, wenn plötzlich alle die gleichen Chancen haben? Chaos! Ordnung! Vielleicht sogar Kompetenz!
Also hat man beschlossen, dem ein Ende zu setzen. Unternehmen, die sich zu sehr bemühen, niemanden zu benachteiligen, sollen künftig von lukrativen Staatsaufträgen ausgeschlossen werden. Eine klare Botschaft: Wer sich zu sehr anstrengt, es allen recht zu machen, macht es offenbar falsch.
Besonders faszinierend ist die zugrunde liegende Logik. Sie funktioniert ungefähr so: Wenn jemand versucht, Diskriminierung abzubauen, dann bevorzugt er zwangsläufig andere Gruppen. Und wer andere Gruppen bevorzugt, benachteiligt wiederum die, die vorher bevorzugt wurden. Und schon ist die Welt wieder in Ordnung – zumindest, wenn man ein sehr flexibles Verständnis von Logik hat.
Die eigentliche Meisterleistung liegt jedoch in der sprachlichen Konstruktion. Aus Programmen, die ursprünglich dafür gedacht waren, Ungleichheiten zu reduzieren, werden plötzlich verdächtige Aktivitäten. Fast wie bei einem Zaubertrick: Man nimmt etwas Positives, nennt es negativ – und schon ist es ein Problem. Houdini hätte seine Freude daran gehabt.
Damit das Ganze auch ordentlich umgesetzt wird, gibt es natürlich Regeln. Viele Regeln. Sehr viele Regeln. So viele Regeln, dass man sich fragt, ob nicht irgendwann ein eigenes Ministerium gegründet wird, das ausschließlich dafür zuständig ist, Regelwerke zu verwalten, die verhindern sollen, dass andere Regelwerke zu fair sind.
Unternehmen müssen künftig versichern, dass sie sich nicht an bestimmten Programmen beteiligen. Und zwar nicht nur sie selbst, sondern auch alle, mit denen sie zusammenarbeiten. Es ist ein bisschen wie bei einer Party, bei der man nicht nur selbst keinen Kuchen essen darf, sondern auch sicherstellen muss, dass niemand in seinem Umfeld jemals darüber nachgedacht hat, einen Kuchen zu mögen.
Die praktische Umsetzung verspricht ebenfalls große Unterhaltung. Man kann sich lebhaft vorstellen, wie in den Chefetagen plötzlich neue Strategien entwickelt werden. „Also, wir haben hier dieses Programm, das dafür sorgt, dass alle gleich behandelt werden. Wie nennen wir das jetzt, damit es nicht mehr so klingt?“ – „Vielleicht ‚Abteilung für zufällige Gleichverteilung von Glück‘?“ – „Perfekt. Klingt komplett harmlos.“
Auch die Personalabteilungen dürften sich neu erfinden. Bewerbungsgespräche könnten künftig etwa so verlaufen: „Wir stellen Sie natürlich ausschließlich aufgrund Ihrer Qualifikation ein. Also… nicht ausschließlich. Also… eigentlich gar nicht ausschließlich. Wissen Sie was? Wir werfen einfach eine Münze.“
Die Kontrolle der neuen Regeln könnte ebenfalls spannend werden. Denkbar wären speziell geschulte Prüfer, die durch Büros laufen und darauf achten, dass niemand verdächtig gleich behandelt wird. „Entschuldigung, ich habe gesehen, dass hier zwei Personen unabhängig voneinander befördert wurden, obwohl sie ähnliche Leistungen erbracht haben. Das ist höchst verdächtig.“
Währenddessen versuchen andere Länder weiterhin, Vielfalt als Stärke zu verkaufen. Sie investieren in Programme, fördern Talente aus unterschiedlichen Hintergründen und hoffen, dadurch innovativer zu werden. Ein netter Ansatz – aber offenbar viel zu kompliziert. Warum Vielfalt fördern, wenn man sie einfach zur optionalen Nebenerscheinung erklären kann?
Natürlich hat das Ganze auch eine gesellschaftliche Dimension. Es entsteht eine neue Art von Wettbewerb: Wer schafft es am überzeugendsten zu beweisen, dass er absolut nichts unternimmt, um Ungleichheiten auszugleichen? Der Gewinner erhält – ironischerweise – einen staatlichen Auftrag. Leistung muss sich schließlich wieder lohnen.
Gleichzeitig eröffnet sich ein ganz neues Feld für Berater. Spezialisten für „diskrete Gleichbehandlung“ könnten Unternehmen dabei helfen, Programme so umzubauen, dass sie offiziell nicht existieren, aber trotzdem irgendwie wirken. Eine Art unsichtbare Gerechtigkeit – wie WLAN, nur mit moralischem Signal.
Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass sich die Realität manchmal wie eine besonders ambitionierte Comedy-Show anfühlt. Mit dem Unterschied, dass niemand sicher ist, ob gerade gelacht werden darf oder ob das bereits als unzulässige Form der Gleichbehandlung gilt.
Und während all das passiert, lehnt sich irgendwo jemand zufrieden zurück und denkt: Problem gelöst. Denn wenn man lange genug behauptet, dass etwas nicht existiert, besteht immerhin die Chance, dass es irgendwann niemand mehr überprüfen will.