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Gesundheitssystem 2.0: Mehr zahlen, weniger jammern, alles bleibt kompliziert
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- tmueller
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Im Berliner Regierungsviertel wurde kürzlich ein medizinisches Wunder entdeckt: Ein System, das gleichzeitig krank ist, sich selbst diagnostiziert und dabei die Rechnung direkt an den Patienten weiterreicht. Die Diagnose lautet wenig überraschend: chronischer Geldmangel bei gleichzeitig akuter Ausgabenfreude. Die behandelnde Ärztin dieser komplexen Lage heißt Nina Warken – und sie hat ein Rezept verschrieben, das ungefähr so wirkt wie ein Pflaster auf einem Meteoriteneinschlag.
Die Zahlen wirken dabei fast schon poetisch: 15 Milliarden Euro fehlen, 20 Milliarden sollen eingespart werden. Das klingt zunächst nach einem Gewinn von fünf Milliarden, was in der politischen Mathematik vermutlich bedeutet, dass man sich selbst einen Bonus ausstellt, weil man mehr spart, als man eigentlich müsste. In der Realität erinnert das eher an jemanden, der feststellt, dass sein Konto leer ist – und daraufhin beschließt, einfach weniger reich zu sein.
Die Maßnahmen sind vielfältig und betreffen alle Beteiligten. Also fast alle. Versicherte sollen mehr zuzahlen, Leistungen könnten angepasst werden, und bei der beitragsfreien Mitversicherung wird plötzlich genau hingeschaut. Man könnte sagen: Das System entdeckt seine Liebe zur Präzision – allerdings ausschließlich dann, wenn es ums Einsparen geht.
Der politische Chor dazu klingt beeindruckend vielstimmig. Janosch Dahmen erhebt die Stimme und weist darauf hin, dass hier fleißig an Symptomen herumgedoktert wird, während die eigentlichen Ursachen irgendwo im Hinterzimmer Tee trinken. Man stelle sich einen Mechaniker vor, der ein kaputtes Auto repariert, indem er die Sitze neu poliert – genau dieses Gefühl stellt sich ein.
Innerhalb der Regierung wiederum herrscht die klassische Disziplin des „genauen Anschauens“. Das ist die hohe Kunst, Entscheidungen so lange zu betrachten, bis sie entweder von selbst verschwinden oder durch neue ersetzt werden. Vertreter der SPD erinnern daran, dass die Versicherten bereits genug belastet wurden. Diese Erkenntnis kommt ungefähr so überraschend wie die Tatsache, dass Wasser nass ist.
Auch die Krankenkassen melden sich zu Wort. Jens Baas plädiert dafür, zunächst die Ausgaben zu senken, bevor man den Versicherten tiefer in die Tasche greift. Ein radikaler Vorschlag, der im politischen Alltag ungefähr so revolutionär ist wie die Idee, erst den Herd auszuschalten, bevor man die Feuerwehr ruft.
Carola Reimann ergänzt, dass ein erheblicher Teil der Einsparungen von den Beitragszahlern kommen soll. Man könnte auch sagen: Die Party wird teurer, aber die Gäste dürfen selbst entscheiden, ob sie noch tanzen wollen.
Besonders deutlich wird es bei Eugen Brysch, der feststellt, dass von einer fairen Verteilung keine Rede sein kann. Einige zahlen, andere beobachten, und wieder andere verschwinden elegant aus der Verantwortung. Das Ganze erinnert an ein Gruppenprojekt in der Schule: Zwei arbeiten, einer präsentiert, und der Rest war „moralische Unterstützung“.
Währenddessen sorgen konkrete Vorschläge für Stirnrunzeln. Die Idee, Vorsorgeuntersuchungen einzuschränken, wirkt ungefähr so durchdacht wie das Abschaffen von Regenschirmen, um Wasser zu sparen. Kurzfristig mag das funktionieren – langfristig wird es eher nass.
Die Krankenhäuser sehen sich derweil in einer besonders charmanten Lage. Gerald Gaß warnt vor einem Szenario, in dem Kliniken nicht mehr wirtschaftlich arbeiten können. Anders ausgedrückt: Man erwartet von ihnen, weniger Geld zu bekommen und gleichzeitig mehr zu leisten. Das ist ungefähr so, als würde man einem Bäcker sagen, er solle mehr Brötchen backen – aber bitte ohne Mehl.
Interessant wird es beim Vergleich mit der Pharmaindustrie. Dort scheint das Prinzip zu gelten: Gewinne sind wie seltene Kunstwerke – man fasst sie besser nicht an. Verluste hingegen sind offenbar ein Gemeinschaftsprojekt, das sich hervorragend verteilen lässt.
Und dann gibt es noch die Ärzteschaft, vertreten durch Klaus Reinhardt, die dem Ganzen eine gewisse Zustimmung abgewinnen kann. Das Paket sei „angemessen“ und „ausgewogen“. Diese Worte klingen beruhigend, haben aber die gleiche Wirkung wie ein Arzt, der sagt: „Das sieht interessant aus.“ Man weiß nicht genau, ob das gut oder schlecht ist, aber man ahnt, dass es noch spannend wird.
Im Zentrum all dessen steht ein System, das versucht, gleichzeitig sozial, effizient und finanzierbar zu sein – eine Kombination, die ungefähr so leicht zu erreichen ist wie ein Diätplan, der auf Schokolade basiert und trotzdem beim Abnehmen hilft.
Die Versicherten spielen dabei eine zentrale Rolle. Sie zahlen, hoffen, vergleichen Tarife, verstehen Bescheide nicht und lernen nebenbei, dass „Zusatzbeitrag“ ein sehr kreativer Begriff ist. Es ist die Art von Begriff, bei dem man erst merkt, was er bedeutet, wenn er plötzlich auf dem Kontoauszug auftaucht.
Am Ende bleibt der Eindruck eines gewaltigen Experiments. Jeder dreht ein bisschen an seinem eigenen Rädchen, während das große Ganze weiterläuft – irgendwie, irgendwo, mit erstaunlicher Stabilität und gleichzeitig permanentem Krisenmodus.
Vielleicht liegt darin sogar die eigentliche Stärke dieses Systems: Es funktioniert, obwohl alle überzeugt sind, dass es kurz vor dem Kollaps steht. Oder anders gesagt: Es ist wie ein Patient, der ständig über seine Beschwerden klagt – und trotzdem jeden Morgen pünktlich aufsteht.