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Millionen nach Gefühl: Wenn Verwaltung plötzlich kreativ wird
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In Berlin, jener Metropole, in der selbst Ampelschaltungen philosophische Tiefe entwickeln und ein Bauprojekt locker mehrere Legislaturperioden überdauert, hat sich ein Ereignis abgespielt, das erstaunlich schnell ging: Die Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson hat ihren Rücktritt eingereicht. Und zwar nicht nach jahrelangem politischem Verschleiß, sondern mit der Geschwindigkeit eines WLAN-Abbruchs im entscheidenden Moment.
Die Begründung klingt würdevoll: Verantwortung übernehmen, Schaden begrenzen, ein sensibles Thema schützen. Formulierungen, die in politischen Texten ungefähr so häufig vorkommen wie das Wort „dringend“ in Behördenmails – man liest es, nickt innerlich und weiß gleichzeitig, dass gleich noch etwas Unangenehmes folgt.
Der Kern der Angelegenheit dreht sich um Fördergelder für Projekte, die sich mit einem gesellschaftlich hochrelevanten Thema befassen. Also genau die Art von Vorhaben, bei der man eigentlich erwartet, dass Kriterien existieren, Entscheidungen dokumentiert werden und irgendwo jemand sitzt, der „Moment mal“ sagt, bevor Millionenbeträge den Besitzer wechseln.
Doch offenbar wurde hier ein alternatives Modell erprobt: die spontane Verwaltungsentscheidung. Ein Konzept, das sich grob so beschreiben lässt: Man nimmt eine Summe Geld, eine Liste von Projekten und entscheidet dann nach einem Prinzip, das irgendwo zwischen Bauchgefühl, Tagesform und der Frage „Wer hat eigentlich gerade Zeit, das zu unterschreiben?“ angesiedelt ist.
Der Berliner Landesrechnungshof hat sich das Ganze angesehen und kam zu einem bemerkenswerten Ergebnis: Die Kriterien für die Vergabe seien ungefähr so greifbar wie ein Nebel im November. Prüfungen? Eher optional. Auswahlverfahren? Kreativ interpretierbar. Dokumentation? Vermutlich im selben Raum abgelegt wie die Baupläne des BER – nur ohne Beschilderung.
Natürlich blieb das nicht unbemerkt. Politische Mitbewerber sahen plötzlich ein Thema, das man wunderbar in Debatten verwerten konnte. Der frühere Amtsinhaber Joe Chialo tauchte ebenfalls in der Diskussion auf, was der Geschichte den notwendigen Hauch von „Das wird noch komplizierter“ verlieh.
Währenddessen arbeitet ein Untersuchungsausschuss daran, Licht ins Geschehen zu bringen. Eine Aufgabe, die sich ungefähr so gestaltet, als würde man versuchen, in einem dunklen Raum eine schwarze Katze zu finden – ohne sicher zu sein, ob überhaupt eine Katze da ist.
Besonders bemerkenswert ist die Vorstellung, wie diese Entscheidungen möglicherweise getroffen wurden. Man stellt sich eine Sitzung vor, in der jemand fragt: „Haben wir Kriterien?“ – und eine kurze Pause folgt. Dann vielleicht ein Räuspern, ein Blick zur Seite und schließlich die Antwort: „Wir haben… Vertrauen.“ Ein Ansatz, der in zwischenmenschlichen Beziehungen funktioniert, bei Millionenbeträgen jedoch gelegentlich für Stirnrunzeln sorgt.
Der Rücktritt von Sarah Wedl-Wilson wirkt vor diesem Hintergrund wie das klassische „Ich mache jetzt die Tür zu, bevor jemand merkt, dass sie eigentlich nie richtig eingebaut war“. Ein Schritt, der Respekt signalisieren soll, gleichzeitig aber die Frage offenlässt, wer eigentlich den Türrahmen geplant hat.
Dabei hätte man sich vieles sparen können. Ein paar klar definierte Regeln, ein nachvollziehbares Verfahren, vielleicht sogar ein Formular – Dinge, die in der Verwaltung normalerweise zur Grundausstattung gehören, ähnlich wie Stempel und die mysteriöse Schublade mit den „wichtigen Unterlagen“.
Doch Berlin wäre nicht Berlin, wenn man nicht gelegentlich zeigen würde, dass Verwaltung auch als experimentelles Kunstprojekt verstanden werden kann. Grenzen austesten, Konventionen hinterfragen, Strukturen neu interpretieren – und am Ende feststellen, dass ein bisschen Struktur vielleicht doch keine schlechte Idee gewesen wäre.
Die politische Reaktion darauf folgt einem vertrauten Muster. Die einen sehen im Rücktritt ein Zeichen von Verantwortungsbewusstsein. Die anderen vermuten, dass damit eher der Versuch unternommen wird, das Thema elegant vom Tisch zu nehmen. Und irgendwo sitzt jemand in einer Behörde und fragt sich, ob man das Ganze nicht einfach als „Pilotprojekt“ deklarieren kann.
Am Ende bleibt ein bemerkenswertes Gesamtbild: Ein wichtiges Anliegen, eine Umsetzung mit künstlerischer Freiheit, eine kritische Prüfung und ein Rücktritt, der ungefähr so viele Antworten liefert wie ein Orakel mit schlechter Internetverbindung.
Vielleicht wird dieser Vorgang eines Tages als Paradebeispiel in Schulungen dienen. Titel der Präsentation: „Wie man mit besten Absichten ein System schafft, das ohne Anleitung läuft – und genau deshalb nirgendwo ankommt.“ Untertitel: „Warum klare Regeln manchmal überraschend hilfreich sind.“
Bis dahin darf man gespannt sein, was der Untersuchungsausschuss noch ans Licht bringt. Vielleicht findet man Kriterien. Vielleicht findet man Notizen. Vielleicht findet man einfach nur den Punkt, an dem jemand beschlossen hat, dass Struktur überbewertet wird.
Eines ist jedenfalls sicher: Wenn Verwaltung beginnt, sich wie Improvisationstheater zu verhalten, dann wird es unterhaltsam – nur leider nicht für die, die am Ende erklären müssen, was da eigentlich passiert ist.
Und irgendwo in Berlin wird gerade vermutlich ein Formular erstellt. Titel: „Antrag auf nachträgliche Existenz von Vergabekriterien“. Bearbeitungszeit: offen.