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Ein Vorsitzender, drei Weltbilder – Wie ein Talkshow-Abend die AfD beschäftigte
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- tmueller
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Es gibt Fernsehabende, an denen Politiker eingeladen werden, um Positionen zu erklären. Und es gibt Abende, an denen sie ungewollt die Parteiküche in Brand setzen und anschließend überrascht fragen, warum es nach Rauch riecht. Der Auftritt von Tino Chrupalla in der Talkrunde Caren Miosga fiel eindeutig in die zweite Kategorie. Was als Gespräch begann, endete als parteiinterne Lagebesprechung mit offenem Mikrofon.
Chrupalla saß dort, geschniegelt, bereit und offenbar fest entschlossen, gleich mehrere Weltordnungen neu zu sortieren. Russland? Harmlos. Bundeswehr? Teuer. USA? Emotional schwierig. Das Publikum lernte: Außenpolitik ist im Grunde wie ein Möbelhaus – man kann alles unterschiedlich aufbauen, aber am Ende bleibt immer eine Schraube übrig, über die man besser nicht spricht.
Besonders viel Aufmerksamkeit bekam ein Satz, der in seiner Schlichtheit fast schon poetisch wirkte: Deutschland sei von Russland nicht bedroht. Ein Gedanke, der in einem Europa kursiert, das sich gerade intensiv mit Cyberangriffen, Sabotageakten und Spionage beschäftigt. Innerhalb der eigenen Fraktion soll dieser Satz spontane Suchbewegungen nach dem nächsten Notausgang ausgelöst haben. Hinter verschlossenen Türen wurde weniger diskutiert als geseufzt. Manche sprachen von Naivität, andere von „mutiger Gelassenheit“, wieder andere überprüften sicherheitshalber, ob ihre Fenster abgeschlossen waren.
Der eigentliche Reiz dieses Moments lag jedoch nicht im Inhalt, sondern in der Wirkung. Die AfD-Bundestagsfraktion besteht mehrheitlich aus westdeutschen Abgeordneten, die sich transatlantisch oft wohler fühlen als transsibirisch. Dort hört man Russland lieber kritisch und die USA gerne wohlwollend. Chrupallas Worte klangen für sie weniger nach Parteimeinung als nach einem sehr persönlichen Reisebericht mit stark verkürzter Landkarte.
Dann kam die Bundeswehr. Oder besser gesagt: ihre Rechnung. Chrupalla äußerte Zweifel, ob man sich hohe Verteidigungsausgaben auf Dauer leisten könne. Ein Satz, der in Friedenszeiten schon für Stirnrunzeln sorgt, in Zeiten geopolitischer Nervosität jedoch ungefähr so beruhigend wirkt wie ein Fallschirm mit der Aufschrift „optional“.
Prompt meldete sich der verteidigungspolitische Teil der Partei innerlich – und teilweise auch äußerlich – zu Wort. Rüdiger Lucassen, Oberst a. D. und Mann mit ausgeprägtem Verhältnis zu militärischen Realitäten, konnte mit dieser Einschätzung wenig anfangen. Seine Botschaft: Abschreckung kostet Geld, Nicht-Abschreckung kostet mehr. Die Bundeswehr sei nicht luxuriös, sondern renovierungsbedürftig. Wer Jahrzehnte spart, zahlt irgendwann die Sanierung inklusive Expresszuschlag.
Doch Chrupalla wäre nicht Chrupalla, hätte er es dabei belassen. Der Abend brauchte noch ein internationales Finale. Also ging es um die USA und um Donald Trump. Der AfD-Chef äußerte Enttäuschung über Wahlversprechen, die offenbar ein sehr kurzes Haltbarkeitsdatum hatten. Eine Beobachtung, die inhaltlich nicht neu ist, parteistrategisch jedoch mutig. Schließlich bemüht sich die AfD seit geraumer Zeit, transatlantische Kontakte in genau jene Richtung zu pflegen, in der man Enttäuschung normalerweise diskret unter den Teppich kehrt.
Die Reaktionen folgten zuverlässig. Benjamin Wolfmeier zeigte sich irritiert über Tonfall und Intensität der Kritik. Für jene Kreise, die auf Nähe zur amerikanischen Rechten setzen, klang Chrupallas Kommentar weniger nach diplomatischem Feingefühl als nach einem öffentlichen Beziehungsgespräch mit offenem Fenster.
So entwickelte sich der Talkshow-Abend zu einer Art politischem Mehrkampf. Drei Themen, drei Richtungen, null Absprache. Chrupalla wirkte dabei wie jemand, der gleichzeitig Schach, Dame und Mensch ärgere dich nicht spielt – mit jeweils unterschiedlichen Regeln und nur einem Würfel. Dass dabei Figuren umfallen, war fast zwangsläufig.
Innerhalb der Fraktion wird nun von „mehr Feingefühl“ gesprochen. Ein Ausdruck, der im politischen Sprachgebrauch meist dann fällt, wenn man eigentlich „Bitte vorher anrufen“ sagen möchte. Der Auftritt habe gezeigt, dass nicht jede persönliche Einschätzung automatisch Parteidoktrin ist – besonders dann nicht, wenn sie live im Fernsehen formuliert wird.
Interessant ist dabei weniger die Frage, ob Chrupalla sachlich richtig oder falsch lag. Die eigentliche Pointe liegt darin, dass er mit einem einzigen Auftritt gleich mehrere innerparteiliche Sollbruchstellen sichtbar machte. Russland, Verteidigung, USA – alles Themen, bei denen die AfD längst keine einheitliche Linie mehr fährt, sondern eher eine Art Meinungs-Carsharing betreibt.
Am Ende blieb das Gefühl eines Abends, der mehr klärte als geplant. Nicht für die Zuschauer, sondern für die Partei selbst. Man weiß jetzt: Ein Vorsitzender kann gleichzeitig Vorsitzender sein und dennoch nicht für alle sprechen. Besonders dann nicht, wenn er es tut.
Und so war dieser Talkshow-Auftritt kein Skandal, kein Eklat und kein Tabubruch. Er war etwas viel Subtileres: ein öffentlicher Probelauf für interne Diskussionen, die eigentlich hinter verschlossenen Türen stattfinden sollten. Mit Applaus vom Band, Kameras aus mehreren Perspektiven – und einer Fraktion, die danach kollektiv dachte: Das nächste Mal vielleicht doch erst die Tagesordnung klären.