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Mutti, Vaterland ruft! – Wie Russland mit Rubel, Register und Rhetorik gegen den Bevölkerungsschwund kämpft

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Mutti, Vaterland ruft! – Wie Russland mit Rubel, Register und Rhetorik gegen den Bevölkerungsschwund kämpft

Russland hat ein Problem. Nicht mit der Rhetorik, nicht mit der Realität, sondern mit der Reproduktion. Die Bevölkerung schrumpft, die Kriegsverluste steigen, und die Geburtenrate fällt schneller als die Zustimmungswerte für die Duma in Nichtwahlzeiten. Doch der Kreml wäre nicht der Kreml, wenn er nicht aus einem demografischen Dilemma eine nationale Mission machen würde – patriotisch verpackt als „Freude der Mutterschaft“.

Was nach einem Werbeslogan für Babynahrung klingt, ist in Wahrheit die neueste Offensive im Kampf um mehr kleine Russinnen und Russen. Präsident Wladimir Putin hat es persönlich verkündet – mit jener stoischen Wärme, die er sonst für Bären und Geopolitik reserviert: „Die Entscheidung, ein Kind zu bekommen, ist eine persönliche Angelegenheit jeder Familie. Aber wir müssen sicherstellen, dass junge Menschen aufrichtig danach streben, die Freude der Mutterschaft zu finden.“

Ein Satz, der irgendwo zwischen Gebetskreis, Geburtenplan und Gesellschaftsexperiment schwebt. Man möchte fast applaudieren – wenn man nicht gleichzeitig ahnte, dass diese „Freude“ künftig staatlich überwacht, finanziert und möglicherweise auch vorgeschrieben wird.

Cashback für den Nachwuchs: 100.000 Rubel Babybonus

Die ersten Pilotprojekte klingen wie eine Mischung aus Casting-Show und Familienpolitik: In einigen Regionen gibt’s jetzt Prämien für Nachwuchs. 100.000 Rubel – also rund 1000 Euro – für schwangere Studentinnen, und, man höre und staune, auch für minderjährige Schülerinnen.

Das ist kein Scherz. Russland belohnt nun Teenager dafür, schwanger zu werden – ein Konzept, das jedem Sozialpädagogen die Tränen in die Augen treibt. Die Maßnahme wird als „Unterstützung junger Familien“ verkauft, wirkt aber eher wie ein staatlich finanziertes Frühschwangerschaftsprogramm.

Es fehlt nur noch ein Werbespot im Staatsfernsehen:

„Sei kein westlicher Egoist! Werde Mutter für dein Land – und kassiere bar auf die Hand!“

Wenn der Trend anhält, dürfen wir uns bald auf neue TV-Shows freuen:

„Geburtskampf Russland – Wer bringt mehr Patriotismus zur Welt?“ „The Voice of Motherhood – präsentiert von Rosneft.“

Die Rückkehr der Gebärmutterpolizei

Doch das wahre Herzstück des Plans liegt in der Kontrolle. Ab März 2026 sollen sämtliche Daten über Schwangerschaften, Geburten und Neugeborene zentral gespeichert werden – ein „Mutterschaftsregister“, wie es der stellvertretenden Ministerpräsidentin Tatjana Golikowa so schön über die Lippen kam.

Offiziell, um „medizinische Versorgung zu verbessern“. Inoffiziell, um zu wissen, wer den nationalen Soll-Ist-Abgleich gefährdet. Vielleicht wird das Register bald mit einer Ampel versehen: • Grün: Schwangerschaft läuft patriotisch. • Gelb: Patientin zögert – Überzeugungsgespräch empfohlen. • Rot: Abtreibungsverdacht – sofortige ideologische Nachschulung.

In der Region Swerdlowsk sollen Ärzte bereits in „Überzeugungstechniken“ geschult werden. Also nicht mehr nur in Geburtsmedizin, sondern auch in psychologische Kriegsführung. „Wie man eine Frau von der Abtreibung abbringt, ohne die Zange zu benutzen“ könnte das neue Pflichtseminar heißen.

Wer eine Abtreibung verhindert, bekommt Prämien. Wer sie durchführt, riskiert Strafen. Die Ärzteschaft befindet sich somit in einem ethischen Spagat zwischen Hippokrates und Hypokrit.

Schocktherapie gegen Verhütung

Wie ernst es einigen Eiferern ist, zeigt ein bizarrer Vorfall in Jekaterinburg: Ein Mitarbeiter des regionalen Gesundheitsministeriums trat in einer Klinik auf eine Verhütungswerbung ein – vor laufender Kamera! Seine Erklärung: Er habe „unter Schock gestanden“. Vermutlich über die Vorstellung, dass Prävention Schwangerschaften verhindern könnte – ein Gedanke, der in Russland inzwischen als staatsfeindlich gilt.

Vielleicht folgt als Nächstes ein Bann auf Tampons wegen „potenzieller Geburtenverweigerung“. Schließlich ist alles erlaubt, was die Statistik verbessert – nur nicht gesunder Menschenverstand.

Geburtenkontrolle? Ja. Aber andersherum.

Die demografische Krise hat längst wirtschaftliche Konsequenzen. Selbst der mächtige Sberbank-Chef German Gref warnt: Ohne Zuwanderung drohe Stillstand. Er forderte, „Millionen qualifizierter Fachkräfte“ ins Land zu holen. In Russland ein politisches Minenfeld – denn Migration ist dort ungefähr so beliebt wie kalter Borschtsch im Januar.

Das führt zu einer grotesken Situation: Während Banker über Zuwanderung reden, predigt der Kreml Geburtenmaximierung. Russland will offenbar beides – neue Menschen, aber bitte möglichst russisch geboren und am besten direkt mit Geburtsurkunde und Uniform.

Ein Land zwischen Wiege und Wahnsinn

Die neue Familienpolitik ist kein politisches Programm, sondern ein nationales Theaterstück – eine Mischung aus Bibel, Bürokratie und Babypolitik. Mutterschaft wird zur Waffe im Kampf gegen die Statistik, Abtreibung zur „unpatriotischen Handlung“, Verhütung zum moralischen Verrat.

Putins Russland verwandelt sich langsam in eine Mischung aus Handmaid’s Tale und Mutti Russland Reloaded: Der Bauch der Frau als Produktionsstätte für den Patriotismus.

Vielleicht sollten die neuen Slogans gleich auf die Landesflagge: „Russland – wo Liebe Pflicht, Mutterschaft Bonus und Freiheit optional ist.“

Oder in der Kurzversion: „Make Motherland Fertile Again.“