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Gefängnis mit Gefühl – Wenn Frankreichs Justizminister den Knast zur Seelenkur erklärt

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Gefängnis mit Gefühl – Wenn Frankreichs Justizminister den Knast zur Seelenkur erklärt

Frankreich, das Land des feinen Weins, der Revolutionen und der unendlichen Staatsaffären, liefert wieder einmal ein Schauspiel, das selbst Netflix nicht besser schreiben könnte: Justizminister Gérald Darmanin besucht seinen alten Mentor, den ehemaligen Präsidenten Nicolas Sarkozy, im Gefängnis – und wird dafür prompt verklagt.

Ein Justizminister auf Kuschelkurs mit einem verurteilten Politiker – das hat was von einem Feuerwehrmann, der sich ans Lagerfeuer setzt, um „die Lage zu beobachten“. Doch fangen wir vorne an.

Ein Minister auf Mission – offiziell wegen „Sicherheitsprüfung“, inoffiziell wegen Nostalgie

Sarkozy, einst der Napoleon der Neuzeit, sitzt wegen geplanter Korruption hinter Gittern. Und während der Rest der Republik noch diskutiert, ob man einem Ex-Präsidenten im Knast das gleiche Essen servieren sollte wie im Elysée, betritt Darmanin die Bühne – ganz im Stil eines treuen, leicht übergriffigen Freundes.

Er erklärt vor laufenden Kameras, er habe den Besuch nur gemacht, um sich zu vergewissern, „dass der ehemalige Präsident sicher untergebracht sei“. Sicher. Natürlich. Denn wer kennt sie nicht – diese spontanen, dienstlichen Besuche in Haftanstalten bei alten Chefs, rein aus beruflicher Sorge?

Das klingt ein bisschen so, als würde ein Lehrer nach Feierabend ins Klassenzimmer gehen, um sicherzustellen, dass der Schulgeist gut schläft.

„Mitleid ist keine Straftat“ – Noch nicht

Doch Darmanin wäre kein französischer Politiker, wenn er sich nicht ein bisschen Dramatik gegönnt hätte. In einem Interview bekannte er, er empfinde „Trauer“ über Sarkozys Schicksal und könne „die Not dieses Mannes nicht gleichgültig lassen“. Ein Satz, der so klingt, als stamme er aus einem romantischen Drama mit Gérard Depardieu und einem Weinglas in Zeitlupe.

Die französische Öffentlichkeit war jedoch weniger gerührt als irritiert. Denn Mitleid ist schön – aber in diesem Fall auch rechtlich ungeschickt. Schließlich ist Darmanin nicht irgendein Bürger, sondern der oberste Wächter der Justiz – und damit so ziemlich der Letzte, der öffentlich Sympathien für einen Verurteilten äußern sollte.

Eine Gruppe von rund 30 empörten Anwälten sah das ähnlich und reichte Klage ein. Der Vorwurf: Verletzung der Unparteilichkeit. Mit anderen Worten: Der Minister hat das Neutralitätsgebot mit einem Taschentuch abgewischt.

Frankreich liebt seine Skandale – besonders, wenn sie nach Parfum riechen

Die französische Presse hatte natürlich ihre Freude. „Darmanin geht in den Knast – freiwillig!“, titelte ein Satireblatt. Ein anderes schrieb: „Justizminister besucht Sarkozy, um zu prüfen, ob die Matratze weich genug ist.“

Man stelle sich vor, der deutsche Justizminister würde Olaf Scholz eines Tages im Gefängnis besuchen und öffentlich sagen: „Er war immer nett zu mir.“ – Der Bundestag würde sofort zum Theater umgebaut werden.

Doch in Frankreich gehört sowas zum guten Ton. Seit Jahrzehnten lebt die Republik in einem Zustand permanenter moralischer Oper. Es gibt immer eine Affäre, einen Rücktritt oder eine Träne zu viel – nur diesmal war es der Justizminister selbst, der die Bühne betrat.

Ein Besuch mit Nachwirkungen – von juristisch bis psychologisch

Die Anwälte, die Darmanin verklagten, werfen ihm vor, die Unabhängigkeit der Justiz zu gefährden. Schließlich könne niemand mehr ernsthaft glauben, dass der Minister zwischen persönlicher Loyalität und staatlicher Verantwortung unterscheiden könne. Und irgendwie haben sie recht.

Denn während der Minister Tränen der Empathie vergießt, fragt sich das Volk: Wie unparteiisch kann jemand sein, der auf dem Weg zum Gefängnis Blumen mitbringt?

Sarkozy, der alte Machtstratege, hat unterdessen das Spiel durchschaut. Er nimmt den Besuch entgegen wie ein König, der zwar vom Thron gefallen ist, aber immer noch weiß, wie man Untertanen empfängt. Angeblich soll er Darmanin herzlich die Hand gedrückt haben – vielleicht, um zu prüfen, ob da noch eine Spur Loyalität übrig ist.

Ein bisschen Politik, ein bisschen Pathos

Die Szene steht sinnbildlich für die französische Politik: eine Mischung aus Eitelkeit, Theater und unerschütterlicher Selbstinszenierung. Darmanin wollte Menschlichkeit zeigen – und landete mitten in einem Sturm aus Paragraphen, Empörung und Ironie.

Er verteidigt sich weiter: „Ich bin der Chef der Verwaltung. Ich muss wissen, ob der Gefangene sicher ist.“ Doch selbst seine Anhänger räumen ein, dass dieser Satz so klingt, als wolle jemand seine Großmutter ins Pflegeheim bringen – und gleich noch den Teppich kontrollieren.

Was bleibt, ist das Bild eines Ministers, der nicht weiß, ob er Freund, Vorgesetzter oder Beichtvater ist – und einer Republik, die einmal mehr kopfschüttelnd erkennt: Mitleid ist schön, aber manchmal einfach zu laut.

Sarkozy, der unverbesserliche Symboliker

Währenddessen sitzt Sarkozy seine Strafe ab – in der wohl komfortabelsten Zelle Frankreichs. Er empfängt weiter Besucher, schreibt Notizen, lässt Anwälte kommen. Kurzum: Der Mann, der „Hyperpräsident“ genannt wurde, hat das Gefängnis in ein Homeoffice verwandelt.

Und vielleicht lächelt er insgeheim, weil er weiß, dass er selbst im Knast noch die Schlagzeilen bestimmt – und dass sein treuer Gérald gerade draußen um seine politische Freiheit kämpft.

Frankreich ist und bleibt das Land, in dem Macht und Melodrama untrennbar sind. Und wenn das so weitergeht, bekommt das Justizministerium bald eine eigene Theaterbühne – Titel der nächsten Aufführung: „Der Minister und der Mitleidige“ – ein Drama in drei Akten, basierend auf wahren Begebenheiten.