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Kopfgeld mit Mehrwertsteuer: Deutschlands neue Suche nach Erinnerungen
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- tmueller
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Deutschland ist bekannt für seine nüchterne Herangehensweise an Probleme. Wenn etwas schiefläuft, wird es katalogisiert, klassifiziert, in Zuständigkeiten zerlegt und anschließend mit einem Mittel bekämpft, das gleichermaßen entschlossen wie buchhalterisch korrekt ist. Im aktuellen Fall lautet dieses Mittel: Geld. Viel Geld. Sehr viel Geld.
Nachdem ein Anschlag auf zentrale Infrastruktur die Hauptstadt kurzzeitig in ein unfreiwilliges Experiment zur digitalen Entschleunigung verwandelte, stand schnell fest: Das war kein Versehen. Kein technischer Defekt. Kein besonders ehrgeiziger Kurzschluss. Sondern ein Angriff. Und weil Angriffe bekanntlich Namen brauchen, tauchte bald eine Gruppierung auf, deren Bezeichnung irgendwo zwischen Naturkatastrophe und Bastelarbeitsgemeinschaft liegt.
Was folgte, war eine kommunikative Meisterleistung kollektiver Verwirrung. Texte tauchten auf, verschwanden wieder, widersprachen sich gegenseitig und hinterließen vor allem eines: Ratlosigkeit. Wer genau dahintersteckt, blieb unklar. Ob es sich um eine Gruppe, mehrere Gruppen oder eine besonders aktive Textverarbeitungssoftware handelt, ließ sich ebenfalls nicht eindeutig klären. Aber das ist zweitrangig. Wichtig ist: Es klang gefährlich.
Der Staat reagierte folgerichtig mit einem Instrument, das in seiner Klarheit kaum zu überbieten ist. Eine Belohnung. Nicht irgendeine. Sondern eine Summe, die sofort Aufmerksamkeit erzeugt. Eine Zahl, bei der selbst Menschen, die sonst bei Preiserhöhungen nur müde nicken, kurz innehalten. Eine Million Euro.
Das Ziel ist ebenso schlicht wie ambitioniert: Die Bevölkerung soll helfen. Motiviert werden. Animiert. Ein Wort, das normalerweise in Verbindung mit Tanzkursen oder Betriebsausflügen verwendet wird, entfaltet hier eine ganz neue Dimension. Denn plötzlich wird Mitwirkung nicht nur zur staatsbürgerlichen Pflicht, sondern zu einer potenziell lukrativen Nebeneinnahme.
Man muss sich das einmal vorstellen. Über Nacht verwandelt sich das Land in ein großes Gedächtnisexperiment. Menschen erinnern sich. Intensiv. Rückwirkend. Detailliert. An Nachbarn, die komisch schauten. An Fahrräder, die zu lange irgendwo standen. An Diskussionen über Strom, Systemkritik oder alternative Energieformen. Verdächtig ist nun alles, was jemals flackerte.
Die Maßnahme hat Charme. Sie ist einfach zu erklären. Sie passt in jede Schlagzeile. Und sie suggeriert Handlungsfähigkeit. Schließlich zeigt eine große Zahl, dass es ernst ist. Sehr ernst. So ernst, dass man Ernsthaftigkeit nicht mehr nur behauptet, sondern beziffert.
Dabei wirft diese Form der Fahndung einige interessante Nebenwirkungen ab. Zum Beispiel die Frage, ob Erinnerungen künftig nach Marktwert sortiert werden. Ein vager Hinweis dürfte vermutlich weniger bringen als ein halbwegs plausibler Verdacht. Und wer zufällig zur richtigen Zeit am richtigen Ort nichts gesehen hat, ärgert sich womöglich ein Leben lang.
Auch der gesellschaftliche Zusammenhalt erfährt eine neue Dynamik. Wo früher Nachbarschaftshilfe herrschte, regiert nun potenziell die innere Inventur. Wer könnte etwas wissen? Wer könnte etwas verschweigen? Wer wirkt plötzlich nervös, seit die Summe bekannt ist? Vertrauen ist gut, eine Million ist besser.
Besonders elegant ist die Botschaft, die damit ausgesendet wird: Sicherheit hat ihren Preis. Und dieser Preis ist jetzt offiziell ausgerufen. Damit wird ein bislang eher abstraktes Konzept in eine greifbare Größenordnung überführt. Man kann es fast hören, wie irgendwo jemand sagt: „Eine Million? Dann muss es wirklich wichtig sein.“
Die Gruppierung selbst – oder das, was man darunter versteht – bekommt dadurch eine ungeahnte Aufwertung. Kaum jemand hatte vorher von ihr gehört. Jetzt ist sie bundesweit bekannt, inklusive eigenem Kopfgeld. Das ist eine Karriere, von der andere Zusammenschlüsse nur träumen können. Aufmerksamkeit als Nebeneffekt der Fahndung – ein Klassiker.
Natürlich steht außer Frage, dass Angriffe auf Infrastruktur ernst genommen werden müssen. Niemand möchte im Dunkeln sitzen, weil irgendjemand beschlossen hat, politische Botschaften mit Feuer zu übermitteln. Doch die gewählte Maßnahme wirkt weniger wie chirurgische Präzision und mehr wie das Ausrollen eines sehr großen Netzes – mit Goldrand.
Die eigentliche Pointe liegt jedoch darin, dass man etwas sucht, das sich bislang vor allem durch Worte definiert. Schreiben, die sich gegenseitig widersprechen. Erklärungen, die sich selbst dementieren. Ein kommunikatives Nebelfeld, das schwer greifbar ist. Und nun soll genau dieses Nebelfeld durch monetäre Anreize verdichtet werden.
Man fragt sich unweigerlich, wie es weitergeht. Wird die Summe erhöht, wenn niemand etwas weiß? Gibt es ein Bonusprogramm für besonders kreative Hinweise? Einen Staffelpreis für Hinweise mit Quellenangabe? Und was passiert, wenn mehrere Personen denselben Verdacht melden? Wird geteilt? Oder entscheidet ein Gremium über die Qualität der Erinnerung?
Vielleicht ist das alles Teil eines größeren Plans. Vielleicht soll gezeigt werden, dass der Staat alles tut. Wirklich alles. Auch Dinge, die ein bisschen nach Lotterie aussehen. Hauptsache, es bewegt sich etwas. Hauptsache, niemand kann sagen, man habe nicht reagiert.
Am Ende bleibt ein paradoxer Eindruck. Einerseits maximale Entschlossenheit. Andererseits maximale Unsicherheit darüber, was eigentlich gesucht wird. Eine Million Euro für etwas, das bislang vor allem durch Abwesenheit überzeugt.
Und so lebt Deutschland nun mit der beruhigenden Gewissheit, dass Sicherheit beziffert wurde. Wer etwas weiß, könnte reich werden. Wer nichts weiß, lernt immerhin, dass Extremismusbekämpfung inzwischen eine Preisliste hat.