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Heißluft per Gesetz – Wenn CO₂ zur Randnotiz erklärt wird

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Heißluft per Gesetz – Wenn CO₂ zur Randnotiz erklärt wird

In Washington wurde offenbar beschlossen, ein physikalisches Phänomen per Verwaltungsakt umzudeklarieren. Die zuständige Umweltbehörde plant, eine alte Feststellung aus dem Archiv zu ziehen – genauer gesagt: herauszureißen. Damals hatte man festgehalten, dass Treibhausgase der öffentlichen Gesundheit schaden können. Eine kühne These, gestützt von Wissenschaft, Messreihen und einem gewissen Grundverständnis von Atmosphäre.

Nun soll diese Grundlage verschwinden. Nicht das Gas. Nur der Satz darüber.

Man könnte sagen: Wenn das Thermometer stört, erklärt man es zur Meinungsäußerung.

Kapitel 1: Der juristische Staubsauger

Die betreffende Feststellung aus dem Jahr 2009 war bislang das juristische Fundament, um Emissionen unter dem Luftreinhaltegesetz zu regulieren. Eine Art Bauanleitung für Klimapolitik.

Ohne Fundament wird es schwierig mit der Regulierung. Also greift man nicht zum Hammer, sondern zum Textmarker.

Der Plan lautet sinngemäß: Wenn wir die Grundlage entfernen, müssen wir uns nicht mehr damit befassen. Das ist ungefähr so, als würde man den Feueralarm abschrauben, weil er bei Rauch zu laut piept.

Kapitel 2: Energie mit Enthusiasmus

Der politische Hintergrund ist klar: Weniger Regulierung, mehr Produktion. Mehr Produktion bedeutet mehr Öl, mehr Gas, mehr Export. Und mehr Export bedeutet – nun ja – mehr Export.

Der Bundesumweltminister Carsten Schneider nannte das ideologisch getrieben. In Berlin versucht man Emissionen zu bepreisen, in Washington offenbar, sie zu befreien.

Es ist ein transatlantisches Kontrastprogramm. Hier CO₂-Zertifikate, dort CO₂-Zertifikatsvermeidung.

Kapitel 3: Die Atmosphäre liest keine Verordnungen

Das Besondere an Treibhausgasen ist ihre Gleichgültigkeit gegenüber politischen Narrativen. Sie reagieren nicht auf Wahlkampfparolen. Sie sind auch nicht beeindruckt von Pressekonferenzen.

Sie steigen einfach auf.

Die Vorstellung, man könne durch juristische Anpassung eine physikalische Wirkung mildern, ist faszinierend. Vielleicht folgt als Nächstes eine Umbenennung von „Erderwärmung“ in „temperaturbezogene Flexibilität“.

Kapitel 4: Wirtschaft mit Weitblick – bis zur nächsten Wahl

Die Argumentation ist nicht neu: Regulierung bremst Wachstum. Wachstum braucht Freiheit. Freiheit braucht weniger Vorschriften.

Das klingt wie ein Motivationsposter für Raffinerien.

Und tatsächlich: Weniger Klimaregulierung erleichtert die Förderung und den Verkauf fossiler Energieträger. Die Pipeline freut sich, der Bohrturm nickt zustimmend.

Nur das Klima bleibt, nun ja, unbeeindruckt.

Kapitel 5: Europa schaut auf die Wetterkarte

Während die USA an der juristischen Basis der Emissionsregulierung sägen, diskutiert Europa über Emissionshandel, CO₂-Preise und Grenzausgleichsmechanismen.

Man könnte sagen: Zwei Kontinente, zwei Thermostate.

In Brüssel wird am Temperaturregler gedreht. In Washington wird geprüft, ob man den Regler überhaupt noch braucht.

Kapitel 6: Der große Unsichtbarkeits-Trick

Die vielleicht beeindruckendste Leistung dieser Entscheidung ist ihre Eleganz: Man streicht nicht das Gas, sondern die Gefahr.

Wenn CO₂ offiziell keine Bedrohung mehr darstellt, ist es politisch leichter zu handhaben. Es wird von einem Risiko zu einer Randnotiz.

Das ist ungefähr so, als würde man Regen zur optionalen Feuchtigkeit erklären.

Kapitel 7: Physik vs. Politik

Die Politik kann Gesetze ändern. Sie kann Definitionen anpassen. Sie kann Berichte umschreiben.

Was sie nicht kann: die Eigenschaften von Molekülen modifizieren.

CO₂ bleibt CO₂. Es speichert Wärme. Es wirkt global. Es hat kein Parteibuch.

Finale: Das Klima als Nebenrolle

Die Entscheidung, die wissenschaftliche Grundlage zur Regulierung von Treibhausgasen infrage zu stellen, ist mehr als eine juristische Feinjustierung. Sie ist ein Signal.

Ein Signal, dass wirtschaftliche Interessen Priorität haben. Ein Signal, dass Regulierung als Belastung gilt. Ein Signal, dass man die Diskussion neu rahmen möchte.

Doch während die politische Bühne umgebaut wird, bleibt das Publikum – die Atmosphäre – unverändert.

Man kann Begriffe streichen. Man kann Paragraphen ändern. Man kann Definitionen neu formulieren.

Aber man kann nicht verhindern, dass warme Luft aufsteigt.