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Der genehmigte Aufbruch – Eine Silvesternacht in Bürokratia
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Es war Silvester in Bürokratia, jenem Land, in dem selbst der Jahreswechsel eine Genehmigungsnummer trug. Punkt 23:59 Uhr begann offiziell die Phase „Vorläufiger Übergang ins neue Jahr“, genehmigt vom Amt für Zeitabschnitte und Kalenderangelegenheiten. Die Menschen standen auf Balkonen, in Hinterhöfen und an Fenstern, bewaffnet mit Sektflaschen, Wunderkerzen und einem leichten Gefühl administrativer Erschöpfung.
In Bürokratia war dieses Gefühl normal. Es gehörte zum Jahreswechsel wie der muffige Kartoffelsalat und die Frage, ob das alte Jahr nun „herausfordernd“, „bewegend“ oder doch nur „komplex“ gewesen war. Man einigte sich meist auf alle drei.
Über den Dächern der Stadt hing bereits der Rauch vergangener Jahre. Nicht realer Rauch, sondern Erwartungsrauch. Der stammte von all den Vorsätzen, die nie gezündet hatten, und von all den Ankündigungen, die irgendwo zwischen Pressekonferenz und Wirklichkeit verdampft waren.
Im Zentrum der Stadt stand der Große Platz der Erneuerung. Dort war eine einzige Rakete aufgebaut, offiziell zugelassen, mehrfach geprüft und mit einem Zertifikat versehen, das bestätigte, dass sie sowohl symbolisch als auch inhaltlich startklar sei. Auf ihr stand in großen, roten Lettern: „AUFBRUCH 2026“. Warum 2026, fragte niemand mehr. Das hatte sich irgendwann ergeben und war seitdem alternativlos.
Die Rakete war nicht besonders groß, aber sehr bedeutungsvoll. Sie enthielt keine Sprengladung, sondern Versprechen. Reformversprechen, Zuversichtsversprechen, Sicherheitsversprechen. Ein Insider behauptete, sie sei randvoll mit Hoffnung gefüllt, ein anderer sagte, es handele sich überwiegend um heiße Luft. Beides konnte stimmen.
Kurz vor Mitternacht trat der Zeremonienmeister auf den Balkon des Rathauses. Er trug einen dunklen Mantel, einen ernsten Blick und die Miene eines Mannes, der wusste, dass er gleich etwas Wichtiges sagen würde, ohne etwas Konkretes zu sagen. Er hob die Hand, und das Gemurmel verstummte.
„Liebe Bürgerinnen und Bürger“, begann er, „wir blicken auf ein Jahr zurück, das uns viel abverlangt hat.“ Die Menge nickte reflexhaft. Das tat sie jedes Jahr. „Doch wir blicken auch nach vorn. Mit Zuversicht. Mit Mut. Und mit der festen Absicht, im kommenden Jahr entscheidende Entscheidungen vorzubereiten.“
Ein Raunen ging durch die Reihen. Entscheidende Entscheidungen vorbereiten – das klang ambitioniert, aber machbar. Jemand klatschte vorsichtig, ein anderer notierte sich den Satz für später, um ihn bei Bedarf zu zitieren.
Der Zeremonienmeister sprach weiter von Sicherheit, die vorhanden sei, aber verbessert werden müsse. Von Freiheit, die geschützt sei, aber erneuert werden müsse. Von Wohlstand, der da sei, aber gerechter verteilt werden müsse. Jede Aussage war in sich rund, vollständig und zugleich vollkommen offen.
Währenddessen stand neben der Rakete ein kleines Team vom Amt für symbolische Akte. Sie überprüften zum zwölften Mal den Zünder. „Er funktioniert“, sagte der eine. „Aber nur im vorgesehenen Rahmen“, ergänzte der andere. „Natürlich“, antworteten beide gleichzeitig.
In der Menge diskutierten die Menschen leise. Manche waren optimistisch. „Dieses Jahr wird alles anders“, sagte eine Frau und hielt ihr Glas hoch. „Das sagen sie jedes Jahr“, antwortete ihr Nachbar, „aber diesmal meinen sie es bestimmt ernst.“ Ein dritter mischte sich ein: „Spätestens 2026.“
Die Uhr schlug 23:59:30. Der Countdown begann, offiziell genehmigt und synchronisiert mit der Zentraluhr für nationale Emotionen.
„Zehn!“ Neun – jemand zündete eine Wunderkerze an, die sofort erlosch. Acht – ein Mann fragte, ob er das Feuerwerk auch ohne Antrag abbrennen dürfe. Sieben – niemand antwortete. Sechs – irgendwo fiel ein Vorsatz um. Fünf – die Rakete stand still. Vier – jemand murmelte „Aufbruch“. Drei – jemand anderes fragte „Wohin eigentlich?“ Zwei – der Zünder blinkte. Eins!
Nichts geschah.
Die Menschen schauten irritiert. Dann nickten viele verständnisvoll. Das passte irgendwie. Der Zeremonienmeister räusperte sich. „Wie Sie sehen“, sagte er, „beginnt der Aufbruch nicht mit einem Knall, sondern mit Besonnenheit.“
In diesem Moment zischte die Rakete leise. Ganz langsam hob sie sich ein paar Zentimeter vom Boden, blieb stehen, sank wieder ab und verharrte schließlich exakt dort, wo sie gestartet war. Ein amtlicher Erfolg.
Applaus brandete auf. Nicht euphorisch, aber anerkennend. Die Rakete hatte geliefert, was man von ihr erwartete: Bewegung ohne Veränderung. Dynamik ohne Richtung. Fortschritt ohne Risiko.
Der Zeremonienmeister hob erneut die Hand. „Das neue Jahr“, sagte er, „liegt nun vor uns. Es wird ein Jahr der Herausforderungen, aber auch der Chancen. Wir werden nicht alles sofort spüren, aber eines ist sicher: Es wird sich lohnen. Irgendwann.“
Die Menschen stießen an. Sekt spritzte, Gläser klirrten, und irgendwo im Hintergrund explodierte ein nicht genehmigter Böller. Die Menge zuckte kurz zusammen, dann lachte sie. Ein bisschen Chaos gehörte schließlich dazu.
Über Bürokratia senkte sich das neue Jahr. Es sah aus wie das alte, roch wie das alte und fühlte sich an wie das alte – aber mit neuer Jahreszahl. Die Rakete „AUFBRUCH 2026“ wurde vorsichtig wieder gesichert und für den nächsten Einsatz vorbereitet.
„Nächstes Jahr dann richtig“, sagte jemand. „Oder übernächstes“, antwortete ein anderer.
Und so ging man auseinander, zufrieden, dass nichts schiefgegangen war, und voller Hoffnung, dass irgendwann etwas passieren würde. Vielleicht nicht heute. Vielleicht nicht morgen. Aber ganz sicher bald.