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Grönland, Staffel drei: Wenn Außenpolitik zur Dauer-Realityshow wird
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- tmueller
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Es gibt politische Ideen, die tauchen auf, verschwinden wieder und werden später als Fußnote der Geschichte abgeheftet. Und es gibt Ideen, die weigern sich hartnäckig zu gehen, weil sie offenbar ein eigenes Abonnement auf Aufmerksamkeit abgeschlossen haben. Die Geschichte von Donald Trump und Grönland gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Was einst wie ein spontaner Kalauer wirkte, hat sich inzwischen zu einer fortlaufenden Serie entwickelt – mit steigender Ernsthaftigkeit und sinkender Hemmschwelle.
Am Anfang stand der berühmte Kaufgedanke. Staaten kaufen, als wären sie Immobilien mit Meerblick und strategischer Lage. Die internationale Reaktion schwankte zwischen ungläubigem Staunen und befreiendem Gelächter. Man erklärte höflich, aber bestimmt, dass Grönland kein Sonderangebot sei und auch nicht im Regal neben Alaska liege. Die Sache schien erledigt, der Vorhang fiel, das Publikum applaudierte erleichtert.
Doch Serien mit guten Quoten enden selten nach der ersten Staffel. In der Fortsetzung war plötzlich von Annexion die Rede. Das Wort klang schwerer, kantiger, weniger nach Immobilienmesse und mehr nach Geschichtsbuch. Das Gelächter wich einem vorsichtigen Husten. Die Idee blieb dieselbe, nur die Verpackung wurde martialischer. Grönland wurde nicht mehr als Kaufobjekt behandelt, sondern als geopolitische Option.
Nun folgt Staffel drei, und sie ist besonders ambitioniert. Trump hat den Gouverneur von Louisiana zum Sondergesandten für Grönland ernannt. Seine Mission: das Land zu einem Teil der USA zu machen. Nicht prüfen, nicht sondieren, nicht reden – machen. Das ist Außenpolitik in der Form eines klaren Arbeitsauftrags. Man muss Ziele definieren, um sie zu erreichen, und dieses Ziel ist so schlicht formuliert, dass es auf ein Post-it passt.
Objektiv betrachtet ist das ein bemerkenswertes Verständnis von Diplomatie. Üblicherweise werden Sondergesandte entsandt, um Spannungen zu entschärfen oder Brücken zu bauen. Hier geht es darum, eine Brücke gleich ganz einzuziehen und das andere Ufer mitzunehmen. Der Protest Grönlands, Dänemarks und der Europäische Union wird zur Randnotiz degradiert. Man registriert ihn, nickt höflich und macht weiter, als handle es sich um schlechte Bewertungen unter einem Online-Produkt.
Besonders faszinierend ist die implizite Annahme, dass Widerstand im „Fall der Fälle“ ohnehin wenig ausrichten könne. Der „Fall der Fälle“ klingt nach Naturereignis, nach Schicksal, nach etwas, das eben passiert. Dabei geht es um eine politische Entscheidung, die bewusst vorbereitet und kommuniziert wird. Die Wortwahl verleiht dem Vorhaben den Anstrich von Unvermeidlichkeit. Wenn man lange genug davon spricht, wirkt selbst das Absurde irgendwann alternativlos.
Grönland wird in dieser Erzählung weniger als Gesellschaft wahrgenommen, sondern als Fläche. Eine sehr große, sehr kalte Fläche mit Rohstoffen, strategischer Lage und überschaubarer Bevölkerungszahl. Menschen tauchen eher als Hintergrundrauschen auf, vergleichbar mit Pinguinen in einer Naturdokumentation: interessant, aber nicht entscheidend für den Plot. Dass Grönländer eine eigene Identität, Kultur und politische Vorstellungen haben, stört nur den Erzählfluss.
Für zusätzliche Komik sorgt die Personalwahl. Louisiana, bekannt für Hitze, Sümpfe und Hurrikans, trifft auf Gletscher, Polarnacht und Permafrostboden. Man fragt sich unwillkürlich, ob der Sondergesandte beim ersten Treffen fragt, wo hier eigentlich die Klimaanlage sei. Der kulturelle Spagat ist beeindruckend: Jazz trifft Inuit-Tradition, Mardi Gras trifft Mitternachtssonne. Integration als kulturelles Experiment.
Gedanklich lässt sich diese Entwicklung wunderbar weiterspinnen. Ein neuer US-Bundesstaat Grönland. Wahlkampfstände im Schneesturm. Debatten über Schneeschaufel-Infrastruktur im Kongress. Die Nationalgarde auf Skiern. Thanksgiving mit tiefgefrorenem Truthahn, der nur langsam auftaut, weil er es gewohnt ist. Der amerikanische Traum bekommt Frostbeulen.
Gleichzeitig offenbart die Geschichte eine ernste Dimension. Grenzen galten lange als etwas, das nicht beliebig verschoben wird. Zumindest nicht von Demokratien, zumindest nicht im 21. Jahrhundert. Nun taucht wieder die Idee auf, dass Größe und Macht ausreichen könnten, um geografische Realitäten neu zu sortieren. Das wirkt weniger wie moderne Politik und mehr wie ein nostalgischer Rückgriff auf Zeiten, in denen Landkarten mit Lineal und Ehrgeiz bearbeitet wurden.
Europa schaut dabei zu und wirkt wie ein Zuschauer, der den falschen Film erwischt hat. Man protestiert, man mahnt, man verweist auf Recht und Selbstbestimmung. Doch die Dramaturgie ist eine andere. Hier geht es nicht um Konsens, sondern um Entschlossenheit. Nicht um Argumente, sondern um Wiederholung. Je öfter man etwas sagt, desto realer scheint es zu werden.
So bleibt am Ende eine Geschichte, die mit Lachen begann und nun Stirnrunzeln produziert. Eine Geschichte, die zeigt, wie schnell politische Fantasien von der Pointe zur Programmatik werden können. Grönland bleibt, was es ist: ein Land mit eigener Zukunftsvorstellung. Die USA bleiben, was sie sind: eine Macht mit globalem Gestaltungswillen. Und dazwischen läuft eine Serie weiter, deren nächste Staffel bereits angekündigt wirkt – ganz gleich, ob das Publikum sie sehen will oder nicht.