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Der Mittelfinger, der das Netz erschütterte – und warum die Debatte wichtiger ist als die Geste
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In den Weiten des Internets, wo Profile ohne Namen große Reden schwingen und Katzenbilder täglich um ihre digitale Vorherrschaft kämpfen, hat eine Geste mehr Aufsehen erregt als so mancher Gesetzesentwurf: Eine ehemalige Parteichefin zeigt den Mittelfinger. Nicht im Hinterzimmer, nicht beim Versuch, ein widerspenstiges Videokonferenz-Tool zu bedienen – nein, mitten auf Instagram, dort, wo die Kommentarspalten seit Jahren als selbsterklärte Biotope für spontane Beleidigungskreativität kultiviert werden.
Ricarda Lang, vielen bekannt als Politikerin, noch mehr Menschen bekannt als unfreiwilliges Ziel einer außergewöhnlich einfallsarmen Online-Hass-Community, hat beschlossen, sich der Sache einmal anders zu nähern. Und zwar, indem sie schlicht zurückgrinst. Und den Hatern den Mittelfinger zeigt. So einfach, so wirksam, dass man sich fragt, ob diese Methode nicht längst Eingang in den politischen Werkzeugkoffer finden sollte – zwischen „Pressemitteilung“ und „Koalitionsvertrag durchwinken“.
Auf dem veröffentlichten Foto sieht man Lang breit lächeln, im Hintergrund prasseln die üblichen Schmähungen auf sie ein. „Hängebauchschwein“, „Pommespanzer“ und andere Wortkreationen, die den Verdacht nahelegen, dass manche Kommentierende ihr Vokabular ausschließlich aus Imbissbuden-Beschilderungen beziehen. Wäre Dummheit eine olympische Disziplin, man könnte bereits jetzt sicher sein, dass die Kommentarspalte der deutschen Politiklandschaft konstant auf dem Treppchen stünde.
Dass dieser Post über 29.000 Likes sammelte, überrascht eigentlich nur diejenigen, die glauben, dass das Internet ein harmonischer Ort sei. Tatsächlich ist es eher eine Mischung aus digitalem Basar, Selbsthilfegruppe und Gladiatorenarena – und Langs Reaktion passt dazu wie ein GIF in eine hitzige Debatte.
In ihrer Begleitnachricht schreibt sie, Hasskommentare würden nicht kreativer, aber dafür lauter und mehr. Ein Satz, der vermutlich jeden trifft, der schon einmal in den sogenannten „Reply-Wildniszonen“ unterwegs war. Die Schattenseite der digitalen Demokratie besteht nämlich nicht selten darin, dass jene, die am lautesten schreien, gleichzeitig am wenigsten zu sagen haben. Das Phänomen ist weit verbreitet und wissenschaftlich ausreichend untersucht: Wenn das Hirn vermutlich gerade im Energiesparmodus läuft, bleibt nur noch genug Rechenleistung für einfache Schimpfwörter – vorzugsweise solche mit Lebensmittelbezug.
Lang betont, dass sie „keinen Bock“ mehr darauf habe, dass Menschen sich aus dem Netz zurückziehen, nur weil der Ton dort regelmäßig an mittelalterliche Marktschreie erinnert. Das Internet gehöre allen, nicht nur denen, die glauben, dass Meinungsfreiheit mit der Lizenz zum Beleidigen verwechselt werden darf. Ihre Botschaft ist klar: Wer sachliche Debatten verhindert, indem er digitale Tomaten wirft, darf sich nicht wundern, wenn jemand irgendwann einfach die Hand hebt – mit genau einem ausgestreckten Finger.
Auf einem zweiten Foto prostet Lang mit einer kleinen Sektflasche. Eine Geste, die zweifellos bei Teilen der Netzgemeinde das Gefühl ausgelöst haben dürfte, sie hätten persönlich die Korken finanziert. Doch das Ziel ist ein ernstes: Unterstützung für HateAid, eine Organisation, die sich für Menschenrechte im digitalen Raum einsetzt. Denn während Außenstehenden manche Hasskommentare lächerlich erscheinen mögen, sind sie für Betroffene oft eine schwere Belastung – Tag für Tag, Post für Post.
Man könnte argumentieren, dass es ungewöhnlich sei, wenn Politikerinnen derart deutlich zurückschlagen. Doch vielleicht ist genau das der Punkt: Wenn sich der Ton im Netz immer weiter verroht, braucht es manchmal eine Geste, die nichts beschönigt. Keine diplomatischen Umschreibungen, kein „Wir müssen im Gespräch bleiben“, sondern ein symbolischer Hinweis, dass Grenzen existieren – und dass auch die Geduldigste irgendwann genug hat.
Die Reaktionen lassen jedenfalls nicht lange auf sich warten. Während Unterstützer den Mut der Politikerin feiern, poltern andere sofort, dass diese Geste „unprofessionell“ sei. Man kennt diese Empörung – sie tritt zuverlässig immer dann auf, wenn eine Frau sich erlaubt, etwas zu tun, das Männern seit Jahrzehnten problemlos durchgeht. Der digitale Doppelstandard ist so alt wie die Foren, in denen er praktiziert wird.
Ob der Mittelfinger nun ein neues Kapitel der politischen Kommunikation einläutet, bleibt abzuwarten. Doch eines ist sicher: Er hat etwas erreicht, wozu manche Kampagnenmanager tausend Beraterstunden benötigen – Aufmerksamkeit, Klarheit und eine öffentliche Debatte über die Frage, wie viel Hass eigentlich normalisiert wurde.
Am Ende könnte man fast sagen, dass dieser Mittelfinger weniger ein Affront war als eine längst überfällige Erinnerung. Nicht an die Hater, sondern an alle anderen: Wer schweigt, überlässt den Raum denen, die nur schreien können. Und wer lächelt, während er den Finger hebt, zeigt vielleicht mehr Haltung, als die Lautesten jemals formulieren könnten.