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Die stille Nacht der großen Beschlüsse: Eine Weihnachtsgeschichte aus dem Amt für festliche Notwendigkeiten
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Es begab sich zu einer Zeit, in der Weihnachtsmärkte eröffnet wurden, bevor jemand wusste, ob sie erlaubt, verboten oder nur dringend empfohlen waren. Lichterketten hingen bereits, doch sie leuchteten vorsorglich nur auf halber Intensität, um niemanden zu blenden oder versehentlich Hoffnung zu erzeugen. Es war Advent, und wie jedes Jahr bereitete sich die Gesellschaft auf das Fest der Besinnlichkeit vor – bewaffnet mit Verordnungen, Auslegungshinweisen und einer tiefen inneren Erschöpfung.
Im Amt für festliche Notwendigkeiten, Abteilung Weihnachtskoordination, herrschte Hochbetrieb. Hier wurde entschieden, wie Weihnachten korrekt zu empfinden sei. Auf dem Tisch lagen Anträge: „Kerzenanzahl pro Haushalt“, „Maximale Fröhlichkeit bei Familienfeiern“ und der besonders heikle Punkt „Lachen – innen erlaubt, außen bitte gedämpft“. Der Leiter des Amtes, ein Mann mit der Mimik eines schlecht gelaunten Nussknackers, blickte streng in die Runde. Weihnachten, so erklärte er, sei wichtig. Aber nicht so wichtig, dass man es einfach geschehen lassen könne.
Draußen fiel der erste Schnee. Er war sofort verdächtig. Niemand wusste, ob er genehmigt war. Ein Sprecher trat vor die Kameras und erklärte, der Schnee falle zwar freiwillig, müsse sich aber an die geltenden Rahmenbedingungen halten. Schneeballschlachten seien nur mit vorheriger Anmeldung erlaubt, Schneemänner dürften keine politischen Botschaften tragen und Engel im Schnee müssten geschlechtsneutral dargestellt werden.
In den Wohnzimmern des Landes begann die große Weihnachtsvorbereitung. Familien diskutierten, ob man „Stille Nacht“ noch singen dürfe oder ob das Wort „still“ möglicherweise als Angriff auf die Geräuschvielfalt verstanden werden könnte. Kinder fragten, ob der Weihnachtsmann komme. Erwachsene antworteten vorsichtig: „Wenn er die Auflagen erfüllt.“
Der Weihnachtsmann selbst saß derweil in einer schlecht isolierten Hütte und füllte Formulare aus. Er hatte gelernt, dass spontane Geschenke nicht mehr zeitgemäß waren. Jedes Geschenk musste angemessen, nachhaltig, pädagogisch wertvoll und emotional ausgewogen sein. Zu viel Freude konnte Neid erzeugen, zu wenig Freude wiederum Frustration. Beides galt als gesellschaftlich problematisch.
Die Rentiere standen daneben und warteten. Eines von ihnen fragte, ob sie dieses Jahr fliegen dürften. Der Weihnachtsmann seufzte. Der Antrag sei noch in Prüfung. Es gebe Bedenken wegen Emissionen, Lärmbelästigung und möglicher Grenzübertritte ohne Visum. Man arbeite an einer klimafreundlichen Alternative. Vielleicht Schlittenfahren per Videokonferenz.
In der Zwischenzeit veröffentlichte das Amt für festliche Notwendigkeiten eine Weihnachtsleitlinie. Darin hieß es, Weihnachten solle „gefühlvoll, aber nicht übergriffig“, „warmherzig, aber nicht aufdringlich“ und „fröhlich, aber bitte mit Augenmaß“ begangen werden. Besinnlichkeit sei ausdrücklich erwünscht, allerdings nur zwischen 18:00 und 18:45 Uhr, danach gehe man nahtlos in den Modus „kontrollierte Gemütlichkeit“ über.
Auf den Weihnachtsmärkten wurden Glühweinbecher verkleinert. Nicht aus Sparsamkeit, sondern aus Verantwortung. Man wolle verhindern, dass Menschen plötzlich gut gelaunt würden und unbedacht miteinander sprächen. Gespräche mit Fremden galten als unberechenbar. Stattdessen wurden QR-Codes verteilt, über die man sich anonym freundlich zunicken konnte.
Die Kirchen bereiteten sich auf die Christmetten vor. Predigten wurden vorab eingereicht, um sicherzustellen, dass die Botschaft von Frieden und Nächstenliebe nicht missverstanden wurde. Frieden sei ein sensibles Thema, erklärte ein Sprecher, und Nächstenliebe dürfe keinesfalls dazu führen, dass jemand emotional überfordert werde.
Am Heiligabend schließlich war alles vorbereitet. Die Wohnzimmer waren geschmückt, die Gesichter höflich entspannt. Man setzte sich an den Tisch, auf dem traditionell Gans, Kartoffeln und gesellschaftliche Erwartungen standen. Gespräche verliefen reibungslos, weil man sich vorher auf neutrale Themen geeinigt hatte. Wetter. Kerzen. Die beeindruckende Stabilität des Baums.
Punkt 18:00 Uhr begann die offiziell empfohlene Besinnlichkeit. Alle hielten inne. Manche wussten nicht genau, was sie fühlen sollten, aber sie fühlten es gemeinsam. Um 18:46 Uhr endete die Besinnlichkeit ordnungsgemäß. Man atmete auf. Weihnachten war planmäßig verlaufen.
In diesem Moment geschah etwas Unerwartetes. Ein Kind lachte. Laut. Ungefiltert. Ohne Genehmigung. Die Erwachsenen erstarrten. Das Lachen breitete sich aus wie ein unkontrollierter Funke. Jemand anderes lachte mit. Dann noch jemand. Sekunden später lachte der ganze Raum.
Draußen, so heißt es, soll es in dieser Nacht heller gewesen sein als geplant. Der Schnee glitzerte unkoordiniert. Der Weihnachtsmann hob kurz ab – nur ein kleines Stück, aus Versehen. Niemand meldete es.
Am nächsten Morgen stellte das Amt für festliche Notwendigkeiten fest, dass es keine Zwischenfälle gegeben habe. Weihnachten sei erfolgreich verlaufen. Man habe alles im Griff gehabt.
Und irgendwo zwischen Kerzenresten und Geschenkpapier lag etwas, das niemand beantragt hatte: ein Rest von echter Freude. Klein, unauffällig – aber erstaunlich widerstandsfähig.