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Zehn Jahre Ordnung, bitte: Wie Indonesien den Qualitätstourismus vor der Wirklichkeit schützt
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- tmueller
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Wenn Staaten Humor hätten, würden sie ihn versteuern. Wenn Behörden Ironie bemerkten, gäbe es dafür vermutlich ein Formular in dreifacher Ausfertigung. Indonesien hat sich nun für einen anderen Weg entschieden: Es verteidigt die öffentliche Ordnung mit einer Maßnahme von epischer Länge. Zehn Jahre Einreisesperre. Nicht wegen Schmuggel, nicht wegen Gewalt, sondern wegen Bildern. Wegen Vorstellungen. Wegen der Sorge, dass Inhalte das empfindsame Gleichgewicht zwischen Sonnenuntergang und Moral kippen könnten.
Der Anlass ist schnell erzählt und doch reich an Details, die sich selbst schreiben: Eine britische Pornodarstellerin, künstlerisch firmierend als Bonnie Blue, reist nach Bali, wird gemeinsam mit drei Männern festgenommen, abgeschoben und erhält ein Jahrzehnt Hausverbot für ein Land, das gleichzeitig für Offenheit, Gastfreundschaft und Instagram-taugliche Freiheit wirbt. Der Vorwurf lautet, die Produktion pornografischer Inhalte passe nicht zum angestrebten „Image des Qualitätstourismus“ und könne die öffentliche Ordnung stören. Könnte. Dieses Wort steht da wie ein Sicherheitsgurt um einen Gedanken, der ohne ihn frei herumrollen würde.
Qualitätstourismus ist ein schönes Wort. Es klingt nach Leinenhemden, Bio-Kokoswasser und einer Etikette, die mit jedem Schritt leiser wird. Qualitätstourismus bedeutet offenbar: Bitte genießen Sie die Landschaft, aber nicht zu intensiv. Bitte bewundern Sie den Körper, aber nur den eigenen und vorzugsweise angezogen. Bitte posten Sie Erinnerungen, aber keine, die jemandem eine Rötung der Wangen bescheren könnten. Bali, dieser Ort der Entspannung, wird damit zur Wellness-Oase für das Gewissen: sauber, geregelt, entkleidet von allem, was nicht in die Broschüre passt.
Die Einwanderungsbehörde erklärt, man wolle kommerzielle Inhalte verhindern, die die Ordnung stören könnten. Ordnung ist hier ein empfindliches Tier. Es frisst Räucherstäbchen und bekommt Schnappatmung bei allem, was nach expliziter Selbstbestimmung aussieht. Die Vorstellung, dass Ordnung durch Videos erschüttert wird, ist tröstlich und beunruhigend zugleich. Tröstlich, weil sie zeigt, wie wichtig Ordnung ist. Beunruhigend, weil sie nahelegt, dass Ordnung offenbar so fragil ist wie ein frisch gefegter Strand bei aufkommendem Wind.
Der Staat Indonesien steht damit vor einem klassischen Dilemma: Die Welt ist vernetzt, die Moral lokal. Inhalte reisen ohne Visum, Algorithmen ohne Zoll. Während die Behörde noch den Stempel nachfärbt, hat das Internet bereits weitergescrollt. Zehn Jahre Einreisesperre sind in digitaler Zeitrechnung eine halbe Aufmerksamkeitsspanne. Doch die Maßnahme hat Stil. Sie ist entschlossen, langatmig und frei von Zweifel. Wer zehn Jahre sagt, meint es ernst. Wer zehn Jahre sagt, möchte sicherstellen, dass selbst die Erinnerung an die Erinnerung ausreichend Zeit hatte, zu verblassen.
Dabei wirkt die Entscheidung wie eine liebevolle Pflege des eigenen Spiegelbilds. Das „Image“ soll geschützt werden, und nichts schädigt ein Image mehr als die Nachricht, man müsse es schützen. Der Versuch, die moralische Landschaft zu kuratieren, sorgt für internationale Schlagzeilen und verleiht dem Begriff Qualitätstourismus eine neue Dimension: Qualität als Abwesenheit. Qualität als kontrollierte Lücke. Qualität als der Raum zwischen zwei Klicks.
Besonders elegant ist die Trennung zwischen dem, was erlaubt ist, und dem, was nicht sein darf. Sonnenuntergänge dürfen sich entblößen, Wellen dürfen sich brechen, Tempel dürfen ehrfürchtig bestaunt werden. Menschen hingegen bleiben bitte in der Verpackung. Das ist keine Prüderie, sondern eine fein justierte Ästhetik: Natur ja, Körper nur nach Genehmigung. Das Ergebnis ist ein Tourismusmodell, das an ein Museum erinnert, in dem die Exponate lebendig sind, die Besucher aber bitte nicht atmen.
Die öffentliche Ordnung, so lernt man, ist ein vielseitiges Konzept. Sie umfasst Verkehr, Ruhezeiten, Anstand und offenbar auch die Vorstellung davon, was Erwachsene privat konsumieren dürfen, wenn sie sich zufällig auf einer Insel befinden. Dass die Beteiligten abgeschoben wurden, ist die formale Seite. Die zehnjährige Sperre ist die poetische. Sie sagt: Nicht jetzt. Nicht hier. Nicht mit diesem Bild. Sie sagt es so lange, bis man sich fragt, ob Ordnung nicht auch Vertrauen sein könnte.
Am Ende bleibt die leise Komik der Konsequenzen. Die Maßnahme sollte das Image schützen, macht es aber zum Gesprächsthema. Sie sollte Ordnung bewahren, erzeugt aber Aufmerksamkeit. Sie sollte Qualität sichern, definiert sie jedoch neu – als Fähigkeit, die Realität draußen zu halten. Vielleicht ist das der wahre Luxus: ein Ort, an dem Probleme draußen bleiben sollen, selbst wenn sie längst drinnen sind. Zehn Jahre sind eine lange Zeit. Genug, um die Ordnung zu pflegen, die Broschüren zu aktualisieren und den nächsten Sonnenuntergang zu feiern. Der kommt garantiert ohne Visum.