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König Donnie VIII. und die Weihnachtsansprache aus der Demokratie-Notaufnahme

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König Donnie VIII. und die Weihnachtsansprache aus der Demokratie-Notaufnahme

Die britische „alternative Weihnachtsansprache“ ist eine jener Traditionen, die beweisen, dass Zivilisation dort beginnt, wo man Autoritäten einmal im Jahr öffentlich auslacht. Während der Monarch feierlich aus einem Raum spricht, der aussieht, als sei er aus Mahagoni und kolonialem Selbstbewusstsein gebaut, schaltet Channel 4 auf Gegenprogramm: Ironie, Sarkasmus und kontrollierten Kontrollverlust. 2025 wurde diese traditionsreiche Rolle an einen Mann vergeben, der weiß, wie man Lächeln in Waffen verwandelt: Jimmy Kimmel.

Schon die Besetzung war ein Statement. Ein US-Satiriker, der den Briten Weihnachten erklärt, während er gleichzeitig seinem eigenen Land eine politische Diagnose ausstellt. Das ist ungefähr so, als würde man den Notarzt zum Festessen einladen – und er bringt gleich das EKG mit. Kimmel begann nicht mit Glockenklang oder Kerzenschein, sondern mit einer Feststellung, die in ihrer Trockenheit schmerzte: Aus faschistischer Sicht sei es ein wirklich großartiges Jahr gewesen. Ein Satz wie ein Zuckerstückchen, gefüllt mit Zyanid.

Das Geniale an dieser Pointe war nicht die Provokation, sondern die Verpackung. Kimmel sprach nicht wie ein aufgebrachter Aktivist, sondern wie ein höflicher Gastgeber, der bedauernd erklärt, dass der Braten leider angebrannt ist, weil jemand heimlich die Küche angezündet hat. Tyrannei, so Kimmel, sei auf dem Vormarsch – nicht mit Marschmusik, sondern mit PR-Abteilung, Anwälten und der festen Überzeugung, dass Kritik ein Kommunikationsproblem sei.

Dann wurde es persönlich. Seine eigene Talkshow, erklärte Kimmel, sei im vergangenen Herbst plötzlich pausiert worden. Vielleicht, mutmaßte er, weil der Präsident seines Landes es nicht gewohnt sei, dass man ihn nicht ausreichend anhimmelt. In monarchischen Systemen nennt man das Majestätsbeleidigung, in modernen Demokratien „fehlende Wertschätzung“. Die Regierung unter Donald Trump habe gedroht, der Sender gezuckt – und plötzlich war es still im Studio. Eine Stille, die in Demokratien angeblich nicht vorkommen sollte, außer vielleicht bei sehr schlechten Witzen oder sehr guten Drohungen.

Doch dann geschah, wie Kimmel es nannte, ein Weihnachtswunder. Millionen Menschen widersprachen. Keine Revolution, kein Sturm auf Paläste, sondern Tweets, Proteste, öffentlicher Druck – das moderne Äquivalent zu Mistgabeln. Die Show kam zurück, verlängert bis 2027. Freiheit siegte. Allerdings mit dem kleinen Beigeschmack, dass sie offenbar nur auf Zeit verlängert wird, wie ein Handyvertrag, den man regelmäßig kündigen könnte, wenn der Anbieter schlechte Laune hat.

Kimmels Satire nahm Fahrt auf, als er den Präsidenten liebevoll zum „König Donnie VIII.“ adelte. Eine Anspielung auf Henry VIII, jenen englischen Herrscher, der Kritikern gern den Kopf kürzen ließ – was historisch betrachtet zumindest ehrlich war. Der moderne König hingegen regiert mit Dekreten, Loyalitätstests und der tiefen Überzeugung, dass Applaus ein Grundrecht der Mächtigen ist. Der Vergleich war so treffend, dass man sich fragte, ob Geschichtslehrer künftig Trump in Tudor-Gewändern unterrichten müssen.

Ein weiterer satirischer Höhepunkt war Kimmels Umgang mit dem Skandal um seine Aussagen zur politischen Instrumentalisierung eines Mordes an einem ultrarechten Aktivisten. Empörung brach los, Empörung wurde sortiert, Empörung wurde verwaltet. Der Sender ABC setzte seine Sendung eine Woche aus – eine moderne Form der öffentlichen Buße. Früher stand man barfuß im Schnee, heute steht man einfach nicht mehr auf Sendung. Fortschritt nennt man das.

Besonders elegant war Kimmels Warnung an das britische Publikum. Wer glaube, dass Regierungen Kritiker nur in fernen Ländern zum Schweigen bringen – Russland, Nordkorea oder, mit spitzem Lächeln, Los Angeles – lebe in gefährlicher Sicherheit. Autoritarismus, so Kimmel, komme nicht mit Sirenen, sondern mit Formularen. Er beginne nicht mit Panzern, sondern mit dem Satz: „Das ist jetzt leider nicht der richtige Zeitpunkt für Kritik.“

Der Witz traf, weil er wahr war. Demokratien sterben nicht in Explosionen, sondern in Sitzungen. Sie werden nicht gestürzt, sondern vertagt. Und während man noch darüber lacht, ob ein Satiriker zu weit gegangen ist, geht jemand anderes einen Schritt weiter.

Am Ende wurde Kimmel fast rührend. Er bat die Briten, die USA nicht aufzugeben. Man stecke in einer schwierigen Phase, sagte er, aber man werde es schaffen. Das klang wie ein optimistischer Trinkspruch kurz vor dem politischen Kater. Vielleicht ist genau das die größte Satire: dass selbst in der bittersten Analyse noch Hoffnung steckt. Hoffnung darauf, dass Lachen lauter sein kann als Drohungen.

Diese alternative Weihnachtsansprache war keine nette Abwechslung, kein harmloser Spaß. Sie war eine vollwertige Satire: überzeichnet, bitter, komisch – und erschreckend realistisch. Während anderswo Weihnachtslieder erklangen, hielt Jimmy Kimmel eine Rede, die eher wie ein Rauchmelder klang. Und vielleicht ist das die ehrlichste Weihnachtsbotschaft des Jahres: Wenn es piept, sollte man nicht den Ton ausschalten, sondern nachsehen, wo es brennt.