- Veröffentlicht am
- • Politik
Staatsfeind Brise: Wenn Windräder zur Sicherheitsfrage werden**
- Autor
-
-
- Benutzer
- tmueller
- Beiträge dieses Autors
- Beiträge dieses Autors
-
Es ist ein seltener Moment politischer Klarheit: Eine Regierung tut exakt das, was sie jahrelang angekündigt hat. Die vorläufige Aussetzung von fünf großen Offshore-Windenergieprojekten an der US-Ostküste durch die Administration von Donald Trump ist kein Ausrutscher, kein Missverständnis, keine unglückliche Formulierung in einer Pressemitteilung. Sie ist die logische Konsequenz einer Weltanschauung, in der Wind nicht als Naturphänomen, sondern als persönliche Provokation gilt.
Offiziell geht es um nationale Sicherheit. Massive Turbinenblätter, so heißt es, könnten Radarsysteme stören. Reflektierende Türme könnten Signale verfälschen. Feindliche Bedrohungen könnten unentdeckt bleiben. Jahrzehntelange militärische Forschung, Tarnkappentechnologie, Satellitenüberwachung und Milliardenetats stehen plötzlich vor einem unerwarteten Endgegner: einer frischen Brise aus nordöstlicher Richtung.
Die Argumentation ist ebenso elegant wie flexibel. Wo früher Berge, Wälder oder Wetterphänomene im Weg standen, steht nun ein Windrad. Und wenn Sicherheit das stärkste aller politischen Argumente ist, dann lässt sich damit nahezu alles rechtfertigen – von Grenzmauern bis zu Baupausen mitten im Ozean. Wer will schon riskieren, dass ein Rotorblatt heimlich mit einem ausländischen Kampfjet paktiert?
Dabei ist die Abneigung des Präsidenten gegen Windkraft keineswegs neu. Bereits in früheren Jahren hatte Trump gegen Windparks in der Nähe seines schottischen Golfresorts geklagt. Die Anlagen ruinierten seine Aussicht, hieß es. Damals ging es noch um Landschaftsästhetik und persönliche Befindlichkeiten. Heute ist klar: Was den Blick vom Grün stört, kann unmöglich gut für die nationale Verteidigung sein.
Nun trifft es fünf große Projekte vor den Küsten von Massachusetts, Connecticut, New York und Virginia. Regionen, die bislang davon ausgegangen waren, dass Genehmigungen, Umweltprüfungen und sicherheitsrelevante Analysen irgendeine Bedeutung haben. Die Projekte sind teils im Bau, Milliarden sind investiert, Lieferketten stehen bereit. Doch all das wird nun pausiert, um Risiken zu prüfen, die offenbar erst dann sichtbar wurden, als sich die politischen Mehrheiten drehten.
Die Baupause ist zunächst auf 90 Tage angesetzt. In politischen Zeitdimensionen ist das eine Ewigkeit – oder gar nichts. 90 Tage sind lang genug, um Unsicherheit zu erzeugen, Investoren nervös zu machen und Strommärkte zu verunsichern. Kurz genug, um jederzeit behaupten zu können, man prüfe noch. Eine perfekte Schwebe zwischen Aktion und Stillstand.
Der Protest ließ nicht lange auf sich warten. Chuck Schumer, demokratischer Mehrheitsführer im Senat, sprach von einem irrationalen und ungerechtfertigten Vorgehen. Die Entscheidung werde Strompreise weiter erhöhen, Arbeitsplätze gefährden und die Stabilität des Stromnetzes untergraben. Das sind jene Bedenken, die normalerweise als sachlich gelten – was sie im politischen Alltag automatisch verdächtig macht.
Interessanterweise kam der Widerstand nicht nur von der Opposition. Auch republikanische Politiker aus Virginia meldeten sich zu Wort. Sie warnten vor negativen Folgen für Energieversorgung, Wirtschaft und sogar militärische Interessen. Ein früherer republikanischer Chef der Bundesenergieaufsicht bezeichnete den Schritt laut Politico als „unglaublich rücksichtslos“. In Washington ist das ungefähr die höflichste Form, jemandem völlige Realitätsferne zu attestieren.
Besonders pikant ist der Zeitpunkt. Der Strombedarf in den USA steigt rasant. Rechenzentren für Cloud-Dienste, Streamingplattformen und Künstliche Intelligenz wachsen schneller als jede politische Erklärung. Energie wird gebraucht – viel davon. Offshore-Windenergie galt bislang als ein Baustein, um diesen Bedarf zu decken, ohne die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen weiter zu vertiefen. Die betroffenen Anlagen könnten zusammen fast 2,7 Millionen Haushalte versorgen. Nun versorgen sie vor allem Debatten.
Umweltverbände sehen in dem Schritt eine politisch motivierte Belastung der Windenergiebranche. Schließlich haben die Projekte jahrelange Prüfungen durchlaufen, auch sicherheitsrelevante. Doch Sicherheit ist kein fixer Zustand, sondern ein politischer Aggregatzustand. Er wird fest, flüssig oder gasförmig – je nachdem, was gerade gebraucht wird. Branchenvertreter prüfen juristische Schritte, Investoren kalkulieren Risiken neu, Gewerkschaften sorgen sich um Arbeitsplätze. Planungssicherheit wird dabei zum seltenen Luxusgut.
Hinzu kommt der politische Kontext. Trumps Regierung steht ohnehin unter Druck. Steigende Lebenshaltungskosten sorgen für Unmut, Skandale belasten das Vertrauen, und die kommenden Kongresswahlen werfen ihre Schatten voraus. Energiepreise und Erschwinglichkeit sind zentrale Themen. In dieser Lage Milliardenprojekte zu stoppen, die bereits im Wasser stehen, wirkt weniger wie Vorsorge als wie ein energiepolitisches Experiment mit offenem Ausgang.
Am Ende bleibt das Bild einer Politik, die lieber gegen den Wind arbeitet, als ihn zu nutzen. Offshore-Windparks werden gestoppt, weil sie angeblich Radare stören. Ölbohrungen werden gefeiert, obwohl sie Abhängigkeiten vertiefen und Risiken verschärfen. Es ist eine Energiepolitik, die nicht auf Kilowattstunden setzt, sondern auf Symbolik. Und die zeigt: In den USA kann selbst der Wind zur Bedrohung erklärt werden – wenn er nicht in die gewünschte Richtung weht.