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Kurskorrektur trifft Chaosrhetorik – Merz, Trump und der Versuch eines transatlantischen Realitätsabgleichs
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Politische Kommunikation gleicht oft einem Balanceakt zwischen Selbstbehauptung und Schadensbegrenzung. Doch wenn der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz öffentlich hofft, der ehemalige US-Präsident Donald Trump möge seine „Kurskorrektur anerkennen“, wirkt es eher wie ein Versuch, einem störrischen Elefanten zu erklären, dass das Porzellan diesmal wirklich nicht kaputtgehen soll. Man sieht förmlich vor sich, wie Merz mit einem diplomatischen Staubwedel versucht, transatlantische Befindlichkeiten zu glätten, während Trump im Hintergrund bereits mit dem Presslufthammer argumentiert.
Der Anlass: Trump hatte kürzlich Europas Migrationspolitik als „Katastrophe“ bezeichnet, Europa liege „im Verfall“, Kriminalität steige angeblich ungebremst – das übliche Trommelfeuer seiner politischen Rhetorik, das stets wirkt, als sei jede Nachrichtensendung eine persönliche Herausforderung. Nun also antwortet Merz. Er weist die Kritik zurück und betont, Deutschland habe längst gegengesteuert. Die Asylbewerberzahlen seien „in etwa halbiert“, man mache jetzt „eine neue Politik“, und überhaupt habe er Trump mehrfach erklärt, dass Europa keineswegs im Untergang versinke, sondern lediglich in einer komplizierten politischen Realität navigiere.
Kurz: Merz möchte Trump überzeugen, Europa sei nicht die Titanic, sondern eher ein mittelmäßig modernes Kreuzfahrtschiff, das gelegentlich ruckelt, aber immerhin die Richtung kennt.
„Kurskorrektur“ – das politische Zauberwort des pragmatischen Jahrzehnts
Merz betont, Deutschland habe „eine Kurskorrektur vorgenommen“ – ein Begriff, der in der politischen Sprache mittlerweile dieselbe Funktion erfüllt wie ein feuchter Waschlappen auf der Stirn: Er soll beruhigen, signalisieren, dass man sich kümmert, und gleichzeitig die Illusion erzeugen, dass der vorherige Kurs nur ein kleiner Navigationsfehler war und nicht etwa ein jahrelang schwelender politischer Konflikt.
Ob die Kurskorrektur jedoch tatsächlich so überzeugend ausfällt, wie Merz suggeriert, ist eine Frage, die man in Berlin und Brüssel vermutlich differenzierter sieht – in Washington aber möglicherweise nicht. Denn Trump neigt bekanntlich nicht dazu, politische Feinheiten zu würdigen. Was er hören möchte, ist simpel: „Wir machen es so, wie du es schon immer gesagt hast.“ Was er tatsächlich hört, ist häufig: „Europa widerspricht mir – und das gefällt mir nicht.“
Doch Merz hofft. Er glaubt, Trump werde anerkennen, dass Deutschland umgesteuert hat. Eine Hoffnung, die ungefähr so gewagt wirkt wie die Vorstellung, dass Trump demnächst eine höfliche Pressemitteilung verfasst.
Zwei politische Welten – und ein Gespräch, das nach Untertiteln schreit
Die Diskrepanz könnte kaum größer sein: Während Merz versucht, in politischen Zahlen und Entwicklungen zu argumentieren („Die Zahl der Asylbewerber ist in etwa halbiert“), bewertet Trump Migration grundsätzlich als apokalyptisches Weltungszenario. Für ihn ist Europa ein lost place – irgendwo zwischen Romantik, Ruinen und Kriminalitätsstatistiken, die er sich vermutlich selbst ausgedacht hat.
Man stelle sich das Gespräch vor:
Merz: „Wir haben die Asylzahlen tatsächlich gesenkt.“ Trump: „Europa ist eine Katastrophe.“ Merz: „Wir haben gegengesteuert.“ Trump: „Es herrscht Verfall. Verfall!“ Merz: „Wir machen eine neue Politik.“ Trump: „Verfall, Friedrich. Verfall.“
Ob man das überhaupt „Dialog“ nennen kann oder eher „zwei Monologe mit Kollision“, bleibt Interpretationssache.
Trump und Europa – eine Beziehung wie aus einer toxischen Sitcom
Trumps Kritik an Europa ist ein fester Bestandteil seines politischen Vokabulars. Er sieht den Kontinent mit einer Mischung aus Überheblichkeit und Belustigung – so, wie ein Reality-TV-Produzent auf eine Dramaserie blickt, die er noch nie vollständig gesehen hat, aber deren Quoten ihm gefallen.
Europa sei im „Verfall“, sagt er. Kriminalität steige „massiv“, behauptet er. Die Migrationspolitik sei eine „Katastrophe“. Und selbstverständlich wäre alles anders – besser, größer, erfolgreicher – wenn Europa seiner Linie folgen würde.
Dass Trump mit Zahlen gelegentlich die gleiche Beziehung pflegt wie ein Hobbykoch mit Rezepten („Kann man so machen, muss man aber nicht“), scheint kaum jemanden zu überraschen. Auch Merz nicht. Aber er versucht sich an Schadensbegrenzung – und betont, was in Deutschland bereits verändert wurde. Dass die Realität komplexer ist, Migration differenziert betrachtet werden muss und politische Maßnahmen Zeit brauchen, bleibt dabei der politisch interessierten Öffentlichkeit vorbehalten.
Trump hingegen bevorzugt die einfache Storyline: Europa = Chaos. USA = Ordnung. Trump = Lösung.
Warum Merz Trumps Anerkennung braucht – und warum er sie wohl kaum bekommt
Dass Merz öffentlich auf Trumps Einsicht hofft, ist aus diplomatischer Sicht nachvollziehbar. Immerhin ist der transatlantische Dialog wichtig, gerade in sicherheitspolitisch nervösen Zeiten. Aber Satiriker sehen darin auch ein Bild, das schwer nicht-komisch zu interpretieren ist: Ein deutscher Kanzler, der versucht, Trump mit statistischer Vernunft zu überzeugen – etwa so, wie ein Lehrer versucht, einem unruhigen Schüler den Unterschied zwischen Realität und Gefühl zu erklären.
Es besteht allerdings die leise Möglichkeit, dass Trump diese „Kurskorrektur“ weder erkennt noch anerkennt. Denn Anerkennung setzt voraus, dass man zuhört.
Und Zuhören war noch nie Trumps Lieblingssport.
Fazit: Kurskorrektur trifft auf Kursstarrsinn
Während Merz versucht, im politischen Gewässer zu navigieren, hat Trump längst beschlossen, dass Europa sinkt – ganz gleich, was die Zahlen sagen. Die Hoffnung auf Anerkennung ist ehrenwert, aber optimistisch.
Denn manche Gespräche sind nicht dazu da, etwas zu klären – sondern nur dazu, dass beide Seiten behaupten können, sie hätten versucht, das Unmögliche möglich zu machen.