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Politik

Jugend, Speere und Overton-Fenster – Wie eine Bewerbungsrede die Staatsanwaltschaft weckte

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Jugend, Speere und Overton-Fenster – Wie eine Bewerbungsrede die Staatsanwaltschaft weckte

Es gibt politische Reden, die so ambitioniert sind, dass man merkt: Da möchte jemand Großes werden. Und dann gibt es Reden, bei denen man merkt: Da möchte jemand Großes spielen. Die Bewerbungsrede des AfD-Jungpolitikers Kevin Dorow beim Gründungstreffen der neuen Jugendorganisation „Generation Deutschland“ in Gießen fällt eindeutig in letztere Kategorie – allerdings in der Version mit historischem Beigeschmack und einem Soundtrack, der eher nach Weimarer Republik als nach jugendpolitischem Aufbruch klingt.

Die Staatsanwaltschaft Gießen wurde inzwischen auf den Plan gerufen. Ein Sprecher teilte mit: Der Vorfall sei bekannt, man prüfe. Was immer eine Staatsanwaltschaft prüft, bevor sie prüft. Ein „Vortrag unter Beobachtung“, sozusagen. Dorow selbst nimmt es „gelassen“. Womöglich deshalb, weil die Distanz zwischen Redeabsicht und öffentlicher Wirkung in politischen Debatten inzwischen größer ist als das Overton-Fenster, das er selbst so gerne verschieben möchte.

Eine Rede wie eine Zeitkapsel – und niemand weiß, wer den Deckel geöffnet hat

Dorow rief seine zukünftigen Mitstreiter dazu auf, sich nicht vom sogenannten „Vorfeld“ zu distanzieren – also jenen politischen Milieus, die man höflich als „nahe stehende Kräfte“ bezeichnet oder weniger höflich als „Kontaktschuld auf zwei Beinen“. Im gleichen Atemzug plädierte er dafür, das Overton-Fenster zu verschieben. Ein legitimes rhetorisches Konzept – normalerweise verwendet von Politstrategen, Kommunikationsprofis und Menschen, die mindestens ein Buch über strategische Kommunikation gelesen haben. In Dorows Variante wirkte es jedoch eher wie die Einladung, den politischen Diskurs in eine Achterbahnfahrt ohne Sicherheitsbügel zu schicken.

Die Pointe: Der Satz „Jugend wird durch Jugend geführt“, den Dorow aus voller Überzeugung zitierte, stammt aus Traditionen der sogenannten „Bündischen Jugend“ – und wurde später auch von der Hitlerjugend aufgegriffen und propagandistisch ausgeschlachtet. Es ist ein Satz, der historisch so aufgeladen ist, dass man ihn selbst in einem Geschichtspodcast nur mit Warnsignal verwenden würde.

Doch Dorow tat es. In einer Bewerbungsrede. Vor laufenden Kameras. Und sagte, er habe das von Björn Höcke.

Man muss schon ein gewisses Talent haben, gleichzeitig die Gegenwart, die Geschichte und die eigene politische Zukunft mit einem einzigen Satz zum Stolpern zu bringen.

Von der Vision zur Version – und die Staatsanwaltschaft liest mit

Die Staatsanwaltschaft Gießen prüft nun den Vorfall. Nicht zu verwechseln mit einem Ermittlungsverfahren – nur eine Vorprüfung, die in der Sprache deutscher Behörden ungefähr das bedeutet: „Wir schauen uns das an. Wir wissen auch nicht, was wir finden. Aber wir schauen.“

Dorow wiederum behauptet, die Interpretation seiner Aussagen sei „weder inhaltlich noch rechtlich haltbar“. Eine Formulierung, die in der politischen Kommunikation gerne genutzt wird, wenn man sagen möchte:

„Das habe ich so nicht gemeint, und wenn doch, dann nur aus literarischer Freiheit, und wenn nicht, dann sind Sie schuld.“

Doch Worte haben eine Eigenschaft, die in der Politik erstaunlich häufig vergessen wird: Sobald sie ausgesprochen wurden, gehören sie nicht mehr dem Redner, sondern dem Publikum. Und das Publikum war in diesem Fall sehr aufmerksam.

„Speerspitze der jungen Rechten“ – Der Moment, in dem Metaphern Waffenscheinpflicht bekommen

Dorow erklärte außerdem, die neue Jugendorganisation werde die „Speerspitze der jungen Rechten in Deutschland“ sein. Eine Metapher, die irgendwo zwischen militaristisch und unbeabsichtigt komisch pendelt. Zumal Jugendliche heute normalerweise nicht mit Speeren hantieren, sondern mit Smartphones, Powerbanks und dem Kampf gegen die Deutsche Bahn-App.

Doch das martialische Selbstbild passt offenbar zur Ausrichtung des Vereins: vorn, kämpferisch, symbolträchtig – und leider rhetorisch so wenig reflektiert, dass Historiker vermutlich gleichzeitig lachen und weinen möchten.

Denn sobald ein politischer Funktionär im Jahr 2025 Begriffe wie „Speerspitze“ und „Jugend wird durch Jugend geführt“ kombiniert, klingeln in Deutschland nicht nur die Telefone der Staatsanwaltschaft, sondern auch die Alarmanlagen der Erinnerungskultur.

Das Overton-Fenster: geöffnet oder eingetreten?

Dorow sprach davon, das Overton-Fenster zu verschieben – also den gesellschaftlichen Rahmen des Sagbaren zu erweitern. Eine durchaus bekannte Strategie in politischen Rändern, bei der radikale Positionen erst salonfähig, dann akzeptiert und irgendwann normal werden sollen.

Nur: Wer das Overton-Fenster verschieben will, sollte vorher prüfen, ob auf der anderen Seite nicht die Geschichte steht – mit verschränkten Armen, hochgezogenen Augenbrauen und der Frage: „Wirklich jetzt?“

Dorows Rede war weniger ein Versuch, ein Fenster zu öffnen, als vielmehr ein Versuch, eine Wand einzutreten – mit einem historischen Presslufthammer, der in Deutschland schon einmal sehr schlechte Innenarchitekten hatte.

Eine Rede als Lehrmaterial – für Rhetorikseminare und Staatsbürgerkunde

Ob Dorow strafrechtliche Konsequenzen zu befürchten hat, bleibt offen. Ob er politisch aus seiner Rede etwas gelernt hat, bleibt fraglich. Ob die Öffentlichkeit erneut darüber diskutieren muss, wo Rhetorik endet und Ideologie beginnt, bleibt wahrscheinlich.

Fest steht:

Diese Rede wird vermutlich noch in vielen Seminaren auftauchen – als Beispiel dafür, wie man es nicht macht. Sie ist ein Musterfall dafür, wie historische Unschärfe, übermotivierte Jugendrethorik und mangelnde Distanzfähigkeit zusammenwirken – und wie schnell eine Bewerbungsrede zur Staatsaffäre werden kann.