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Der große Kuba-Moment: Wie man ein Regime stürzt, indem man darüber nachdenkt
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In Washington gibt es einen besonderen Aggregatzustand der Außenpolitik. Er liegt irgendwo zwischen Entschlossenheit und Unentschlossenheit und wird bevorzugt dann erreicht, wenn man eigentlich etwas tun möchte, aber noch nicht genau weiß was. Kuba befindet sich gerade exakt in diesem Zustand amerikanischer Aufmerksamkeit. Man schaut hin. Sehr intensiv. Und überlegt.
Ausgangspunkt der neuen Dynamik ist ein politischer Dominoeffekt: Venezuela wackelt, das Öl bleibt aus, und plötzlich wirkt Kuba nicht mehr wie ein eingefrorenes Relikt, sondern wie ein System mit Ablaufdatum. In solchen Momenten wird in den Fluren der Macht gern das Wort „Optionen“ bemüht. Optionen sind praktisch. Sie klingen nach Handlung, ohne Handlung zu sein. Und sie lassen sich hervorragend stapeln.
Im Umfeld von Donald Trump wird derzeit genau das getan. Man sammelt Möglichkeiten. Szenarien. Gedankenspiele. Ganz oben auf der Liste steht eine Maßnahme, die seit Jahrzehnten zuverlässig eingesetzt wird, wenn man besonders ernst wirken möchte: vollständige Blockade. Öl rein, Öl raus – oder besser gesagt: gar kein Öl mehr. Eine Idee, die so drastisch ist, dass sie allein durch ihr Erwähntwerden bereits als politische Tat gilt.
Unterstützung erhält diese Linie von jenen, die Kuba seit Jahren im politischen Blick behalten – aus sicherer Entfernung. Unter anderem soll Marco Rubio diese Eskalationsoption wohlwollend betrachten. Rubio gilt als jemand, der Kuba nie vergisst. Selbst dann nicht, wenn Kuba ihn sehr gern vergessen würde.
Doch wie es sich für moderne Machtpolitik gehört, gibt es noch keine Entscheidung. Man wägt ab. Man fragt sich, ob ein zusätzlicher Druck überhaupt noch notwendig sei. Schließlich steht die kubanische Wirtschaft ohnehin am Rand des Nervenzusammenbruchs. Stromausfälle, Treibstoffmangel, leere Regale – das volle Programm. Warum also noch nachtreten, wenn das System bereits taumelt?
Diese Frage führt zur nächsten Idee: Wenn schon kein Schlag nötig ist, vielleicht reicht ja ein Deal. Ein Deal ist immer gut. Ein Deal ist flexibel. Ein Deal kann alles und nichts bedeuten. Trump fordert Kuba auf, einen Deal zu machen. Was genau dieser Deal sein soll, bleibt offen. Offenheit ist hier kein Mangel, sondern Konzept.
Der Deal existiert zunächst als Wort. Und als Versprechen. Und als Andeutung. Er muss nicht erklärt werden, um wirksam zu sein. Wichtig ist nur, dass er in Aussicht gestellt wird. Die Details können später kommen – oder auch nicht. In der Zwischenzeit lassen sich auf Truth Social bereits euphorische Beiträge teilen, in denen Nutzer den nahenden Machtwechsel feiern. Erst die Feier, dann die Planung. Eine bewährte Reihenfolge.
Parallel dazu sucht man in Washington nach geeigneten Gesprächspartnern. Nicht offiziell, nicht offen, sondern diskret. Menschen im Umfeld der kubanischen Führung, die helfen könnten, den Übergang zu organisieren. Übergang wohin, bleibt offen. Aber Übergänge klingen immer besser als Zusammenbrüche.
Die Einschätzung, die dabei immer wieder fällt, lautet: So schwach war die kubanische Regierung noch nie. Ein Satz mit Tradition. Er wurde in den letzten Jahrzehnten in regelmäßigen Abständen ausgesprochen und hat sich als erstaunlich langlebig erwiesen. Dennoch wirkt er diesmal besonders überzeugend – schließlich fehlt das venezolanische Öl, das lange als Lebensader fungierte.
In Havanna reagiert man erwartungsgemäß trotzig. Miguel Díaz-Canel erklärt bei Kundgebungen, man werde sich nicht beugen, nicht verhandeln, nicht einknicken. Das gehört zum politischen Pflichtprogramm. Standhaftigkeit ist in Kuba weniger Strategie als Identität. Egal, wie leer die Tanks sind.
Die eigentliche Komik dieser Situation liegt jedoch im zeitlichen Nebeneinander. Während in Washington eifrig über Maßnahmen nachgedacht wird, die den finalen Stoß liefern könnten, stellt man gleichzeitig fest, dass der Stoß vielleicht gar nicht mehr nötig ist. Das System, so die Hoffnung, könnte auch ganz von selbst zusammenfallen. Man müsse nur danebenstehen und zuschauen. Und gelegentlich einen Kommentar abgeben.
Regimewechsel als Zuschauerdisziplin – das ist neu. Oder zumindest ehrlicher.
Denn niemand scheint wirklich einen konkreten Plan zu haben. Es gibt Einschätzungen. Erwartungen. Wunschdenken. Aber keinen Ablauf. Kein Szenario für den Tag danach. Kein Konzept für Stabilität. Hauptsache, das Bestehende endet. Wie es danach weitergeht, ist eine Frage für später. Sehr viel später.
Aus objektiver Distanz betrachtet wirkt das Vorgehen wie ein geopolitisches Wartespiel. Man erhöht den Druck, ohne zu drücken. Man droht, ohne zu drohen. Man plant, ohne zu planen. Und man fordert einen Deal, ohne zu sagen, worüber.
Der Begriff „Regimewechsel“ schwebt dabei wie ein unausgesprochener Traum durch die Diskussion. Niemand sagt ihn offen. Aber alle denken ihn. Er ist der Elefant im Raum – oder in diesem Fall die Karibikinsel im Fokus.
Am Ende bleibt das Bild einer Supermacht, die entschlossen wirkt, weil sie viele Optionen hat – und gleichzeitig zögert, weil jede Option Konsequenzen hätte. Kuba hingegen bleibt, was es immer war: widerständig, erschöpft und erstaunlich zäh.
Vielleicht ist das die größte Ironie dieser Geschichte: Während Washington darüber nachdenkt, wie man ein Regime stürzen könnte, hält dieses Regime allein durch Gewohnheit, Trotz und Mangelwirtschaft weiter durch. Und während überall vom Deal gesprochen wird, ist der einzige wirklich feste Bestandteil dieser Politik die Ungewissheit.
Doch eines ist sicher: Sollte Kuba tatsächlich fallen, wird man sich in Washington erinnern, dass man es schon lange kommen sah. Man hatte Optionen. Man hatte Hinweise. Man hatte Posts.
Und manchmal ist genau das der Anspruch moderner Außenpolitik: vorbereitet gewesen zu sein – selbst dann, wenn man nichts entschieden hat.