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Politik

Fundamental uneinig: Wenn Weltpolitik zur Wunschliste wird

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Fundamental uneinig: Wenn Weltpolitik zur Wunschliste wird

Diplomatische Gipfeltreffen folgen üblicherweise einem klaren Muster: Man reist an, lächelt pflichtbewusst, formuliert Sätze mit möglichst vielen Nebensätzen und verlässt den Raum mit dem beruhigenden Gefühl, dass zwar nichts gelöst, aber zumindest nichts offen angezündet wurde. Das jüngste Krisengespräch zwischen den USA, Dänemark und Grönland in Washington wich von diesem bewährten Ablauf nur in einem Punkt ab: Es ließ keinen Zweifel daran, dass hier nicht einmal mehr so getan wird, als gäbe es eine gemeinsame Realität.

Am Ende des Treffens stand die Formulierung „fundamentale Meinungsverschiedenheit“. Drei Worte, die in der Diplomatie ungefähr das sind, was ein Totalschadenbericht für einen Gebrauchtwagen ist: formal korrekt, aber endgültig. Dänemarks Außenminister Lars Løkke Rasmussen erklärte nüchtern, die Positionen seien weiterhin unvereinbar. Übersetzt heißt das: Eine Seite kam mit Aktenordnern, die andere mit einem Besitzanspruch.

Im Zentrum der Lage steht erneut Donald Trump, der unbeirrt an der Überzeugung festhält, dass Grönland früher oder später den Vereinigten Staaten gehören müsse. Nicht aus emotionalen Gründen, versteht sich. Sondern aus Gründen der Sicherheit, der Geopolitik, der Rohstoffe, der Größe auf der Weltkarte – und vermutlich auch, weil kaum ein anderes Territorium so eindrucksvoll aussieht, wenn man es gedanklich rot-weiß-blau einfärbt.

Alles andere als ein amerikanisches Grönland sei für ihn „inakzeptabel“. Das Wort ist dabei entscheidend. „Inakzeptabel“ ersetzt jede Diskussion, jede Abwägung und jede Rückfrage. Wer etwas für inakzeptabel erklärt, erwartet nicht Zustimmung, sondern Umsetzung. Diplomatie wird so zur reinen Durchsage.

Auf der anderen Seite des Tisches saßen Vertreter eines Staates, der bislang davon ausgegangen war, dass Grenzen nicht verhandelbar sind, nur weil jemand groß genug ist, sie gerne anders hätte. Dänemark erschien mit dem festen Glauben, dass Autonomie mehr ist als eine lästige Übergangsphase. Die US-Seite hingegen brachte ein Weltbild mit, in dem Autonomie vor allem bedeutet, dass man noch nicht entschieden hat, wem etwas gehört.

Mit am Tisch: US-Außenminister Marco Rubio und US-Vizepräsident JD Vance. Offiziell ging es um Sicherheitsfragen in der Arktis, internationale Zusammenarbeit und Stabilität im hohen Norden. Inoffiziell wirkte das Treffen eher wie ein Immobiliengespräch, bei dem eine Partei erklärt, dass sie das Objekt unbedingt haben will, während die andere irritiert darauf hinweist, dass es nicht zum Verkauf steht – und bewohnt ist.

Besonders bemerkenswert ist die Wortwahl, die Rasmussen nach dem Treffen wählte. Trump wolle Grönland weiterhin „erobern“. Erobern. Ein Begriff, der normalerweise mit Ritterrüstungen, Kanonenbooten oder schlecht gealterten Geschichtsbüchern verbunden wird. Offenbar feiert er nun sein Comeback in klimatisierten Konferenzräumen. Der Fortschritt der Zivilisation ist eben kein geradliniger Prozess.

An dieser Stelle drängt sich ein Vergleich auf, der unangenehm präzise wirkt. Was eint Trump und Vladimir Putin? Die Liebe zu Maximalforderungen. Während Putin die Ukraine am liebsten aus der politischen Existenz herausdefinieren würde, erklärt Trump alles außer einem amerikanischen Grönland für unzumutbar. Beide eint der Glaube, dass Realität verhandelbar ist, solange man sie nur laut genug infrage stellt.

Der Unterschied liegt bisher hauptsächlich im Marketing. In Moskau spricht man von „Spezialoperationen“. In Washington von „Sicherheitsinteressen“. Das Prinzip ist identisch, nur die Verpackung variiert. Gewalt ist dabei nicht zwingend der erste Schritt – aber stets die unausgesprochene Hintergrundfolie, vor der alles andere stattfindet.

Für Grönland ist diese Debatte besonders unerquicklich. Die Insel taucht in den Gesprächen vor allem als Fläche auf. Als strategischer Vorteil. Als Rohstofflager mit Eisdekor. Dass dort Menschen leben, mit politischem Willen, kultureller Identität und erstaunlich klaren Vorstellungen davon, wem sie nicht gehören wollen, stört den dramaturgischen Ablauf. Grönland wird besprochen, nicht befragt.

Die dänische Seite wirkt in diesem Szenario fast altmodisch. Man verweist auf internationale Regeln, Selbstbestimmungsrecht und bestehende Verträge. Dinge, die lange Zeit als Grundlage globaler Ordnung galten, inzwischen aber offenbar als diskussionswürdig eingestuft werden – zumindest, wenn sie ambitionierten Plänen im Weg stehen.

Objektiv betrachtet war das Krisengespräch in Washington daher weniger ein Versuch der Annäherung als eine Bestandsaufnahme. Hier die Überzeugung, dass Größe Recht erzeugt. Dort der Glaube, dass Recht auch ohne Größe gelten sollte. Zwischen beiden Positionen klafft ein Abgrund, den kein Kommuniqué überbrücken kann.

Bleibt die Frage, wie es weitergeht. Vorerst bleibt alles beim Alten: Grönland bleibt grönländisch, Dänemark bleibt irritiert, und Trump bleibt überzeugt. Die fundamentale Meinungsverschiedenheit wird archiviert, bis zum nächsten Treffen, zum nächsten Tweet, zur nächsten Fotomontage mit Weltkarte.

Die Welt darf derweil gespannt beobachten, ob diese Episode in der Geschichte als Fußnote endet – oder als weiterer Beleg dafür, dass das 21. Jahrhundert erstaunlich viel Energie darauf verwendet, Denkweisen aus dem 19. Jahrhundert zu recyceln. Noch ist nichts passiert. Noch ist alles nur Rhetorik. Aber Rhetorik hat bekanntlich die unangenehme Eigenschaft, irgendwann Taten nach sich zu ziehen, wenn sie lange genug unbeantwortet bleibt.

Bis dahin bleibt Diplomatie das, was sie in Washington an diesem Tag war: ein höfliches Aufeinandertreffen unvereinbarer Gewissheiten. Und Grönland bleibt vorerst dort, wo es immer war – mitten im Eis, aber erstaunlich klar im Kopf.