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Der Wanderpokal der Moral: Wenn eine Medaille Geschichte spielen will

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Der Wanderpokal der Moral: Wenn eine Medaille Geschichte spielen will

Es gibt Momente, in denen die Weltpolitik wirkt wie ein schlecht sortierter Trophäenschrank: viel Glanz, wenig Ordnung und irgendwo dazwischen die feste Überzeugung, dass alles, was herumliegt, vermutlich einem selbst gehört. Genau in dieser Kategorie bewegt sich die jüngste Episode rund um den Friedensnobelpreis, eine Medaille, ein Staatsoberhaupt mit ausgeprägtem Besitzdenken und ein Institut in Oslo, das plötzlich pädagogische Grundlagenarbeit leisten muss.

Denn während andere Staatschefs mit Orden dekoriert werden, als hätten sie einen soliden Nachmittag in der Kommunalverwaltung hinter sich, verfolgt Donald Trump seit Jahren einen ambitionierteren Ansatz: Warum warten, bis man ausgezeichnet wird, wenn man den Preis auch einfach annehmen kann? Die jüngste Szene in Washington lieferte dafür den passenden Rahmen. Eine Nobelmedaille wechselte den Besitzer, Kameras klickten, Emotionen flossen – und irgendwo zwischen Blitzlicht und Pathos entstand der Eindruck, Auszeichnungen seien so etwas wie politische Gastgeschenke.

Das Problem daran: Der Friedensnobelpreis ist kein Blumenstrauß. Er ist auch kein Pokal, den man nach einem besonders leidenschaftlichen Auftritt mit nach Hause nimmt. Trotzdem wirkte der Moment wie die feierliche Übergabe eines Wanderpreises, nur ohne Wanderordnung und mit deutlich größerer historischer Fallhöhe. Für Trump fügte sich das nahtlos ins Weltbild: Wenn jemand emotional genug findet, dass man etwas „verdient“ hat, dann ist das praktisch schon die Verleihung.

In Oslo hingegen begann man kollektiv die Stirn zu runzeln. Das Norwegian Nobel Institute sah sich gezwungen, öffentlich zu erklären, dass Preise keine Leihgaben sind und Medaillen nicht als Besitzurkunden fungieren. Eine Klarstellung, die normalerweise nicht nötig wäre, es sei denn, die internationale Politik hat sich kurzzeitig in einen Flohmarkt verwandelt.

Um die Sache endgültig geradezurücken, griff man zu einem Mittel, das sonst eher Historikern oder Strafverteidigern vorbehalten ist: Man legte eine Liste vor. Keine Rangliste, keine Bestenliste – sondern eine Sammlung früherer Fälle, in denen Nobelmedaillen ihren Besitzer wechselten, ohne dass dadurch die Geschichte neu geschrieben wurde. Die Botschaft war klar: Selbst wenn das Metall reist, bleibt der Ruhm stehen.

Das hatte fast etwas Rührendes. Da war zum Beispiel der Journalist Dmitri Muratow, der seine Medaille zu Geld machte, um Kindern zu helfen. Niemand kam damals auf die Idee, dass die Medaille nun plötzlich selbst Friedensnobelpreisträger sei. Und auch bei Kofi Annan wurde nach dessen Tod nicht ernsthaft diskutiert, ob die Vereinten Nationen nun rückwirkend ausgezeichnet worden seien.

Doch das Institut ging noch weiter und kramte tief in der Geschichte. So tief, dass man unweigerlich zusammenzuckt. Denn ja, es gab auch den Fall Knut Hamsun, der seine Medaille einst an Joseph Goebbels schickte. Ein Vorgang, der eindrucksvoll belegt, dass man eine Medaille sehr wohl weitergeben kann – und trotzdem keinen Anspruch auf moralische Rehabilitation erwirbt.

Spätestens hier dürfte selbst der enthusiastischste Sammler begriffen haben, was Oslo sagen wollte: Eine Medaille ist ein Gegenstand. Der Nobelpreis ist eine Zuschreibung. Und Zuschreibungen lassen sich nicht überschreiben, nur weil jemand sie gern hätte.

Aus objektiver Sicht ist das bemerkenswert. Nicht wegen der juristischen Feinheiten – die sind eindeutig –, sondern wegen der politischen Symbolik. Denn hier prallen zwei Welten aufeinander: die eine glaubt an Regeln, Verfahren und historische Einordnung; die andere an Lautstärke, Inszenierung und das Prinzip „Wenn es glänzt, gehört es mir“.

Trump fügt sich damit nahtlos in eine Tradition ein, in der Anerkennung nicht verliehen, sondern eingefordert wird. Der Friedensnobelpreis erscheint in diesem Denken weniger als Auszeichnung für konkrete Leistungen, sondern als eine Art moralische Steuererstattung: Man fühlt sich gut, also steht einem etwas zu. Dass Oslo diese Logik nicht teilt, wirkt fast altmodisch.

Die eigentliche Komik liegt jedoch darin, wie ernsthaft das Ganze plötzlich wurde. Eine einzelne Medaille reicht aus, um ein internationales Institut zu einer historischen Exegese zu bewegen, in der Flüchtlingshilfe, Weltpolitik und NS-Zeit in einem Atemzug genannt werden. Selten wurde so deutlich demonstriert, dass Symbole zwar klein sind, ihre Fehlinterpretation aber enorme Kreise ziehen kann.

Am Ende bleibt ein lehrreicher Moment für die Weltöffentlichkeit. Der Friedensnobelpreis ist kein Staffelstab, den man weiterreicht, wenn man gerade glaubt, ihn besser tragen zu können. Er ist auch kein politisches Souvenir für besonders emotionale Treffen. Er ist ein Etikett, das einmal vergeben wird und dann kleben bleibt – egal, wer gerade die Medaille poliert.

Oder anders gesagt: Man kann den Nobelpreis bewundern. Man kann ihn in die Hand nehmen. Man kann ihn verschenken, verkaufen oder verlegen.

Aber man kann ihn nicht umschreiben.

Und manchmal reicht genau diese Erkenntnis aus, um aus einem politischen Moment eine weltpolitische Posse zu machen.