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Giganten im Serverraum und am Regierungstisch
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In Genf ist man Kummer gewohnt. Hier wird über Kriege gesprochen, über Krisen, über Katastrophen. Doch diesmal ging es um etwas, das unsichtbar ist, aber schwerer wiegt als jede Aktenmappe: Macht. Und zwar in zwei besonders zeitgemäßen Ausführungen – als politisches Dauerabo und als digitales Premiumkonto.
Zum Auftakt der Sitzung des UN-Menschenrechtsrats trat der Hochkommissar ans Rednerpult und lieferte eine Ansage, die man sinngemäß so übersetzen könnte: Wenn Einzelne immer größer werden, müssen alle anderen enger zusammenrücken. Das klang weniger nach Weltuntergang und mehr nach kollektiver Selbstverteidigung gegen überdimensionierte Egos.
Die Zielgruppe war klar umrissen. Da sind zum einen jene Staatschefs, die Gesetze behandeln wie optionale AGB – akzeptieren nur, wenn es gerade passt. Internationale Regeln werden dabei gerne als freundliche Empfehlung verstanden, nicht als verbindliche Vereinbarung. Wer Macht hat, so scheint die Devise, braucht keine Fußnoten.
Zum anderen gibt es die digitale Variante des Einflusses: Unternehmer mit Serverfarmen statt Parteizentralen. Sie besitzen keine Armeen, aber Plattformen. Keine Panzer, aber Algorithmen. Und diese Algorithmen entscheiden, was Milliarden Menschen sehen – oder eben nicht.
Die Kombination ist faszinierend. Während Autokraten ihre Reden noch mit Mikrofon halten, können Tech-Milliardäre per Codezeile steuern, welche Rede überhaupt jemand hört. Wer braucht Zensur, wenn ein Algorithmus die Lautstärke regelt?
In Genf klang das alles sehr höflich, sehr diplomatisch. Aber zwischen den Zeilen stand eine einfache Botschaft: Wenn sich Macht in zu wenigen Händen sammelt, wird die Luft für alle anderen dünner.
Man stelle sich das Machtgefüge wie ein Buffet vor. Früher standen viele Teller auf dem Tisch. Heute sitzen einige wenige am Kopfende und ziehen sich gleich mehrere Portionen heran – inklusive Nachtisch. Die anderen schauen, ob noch Besteck übrig ist.
Besonders interessant ist der Hinweis auf „Informationsflüsse“. Das klingt technisch, beinahe harmlos. Doch in Wahrheit geht es um das Herz moderner Gesellschaften. Wer Informationen steuert, beeinflusst Debatten. Wer Debatten beeinflusst, prägt Wahlen. Und wer Wahlen prägt, formt Regierungen.
Früher waren es Fernsehsender und Zeitungen, die die öffentliche Meinung lenkten. Heute genügt eine Plattform mit globaler Reichweite. Ein Update hier, eine Priorisierung dort – und schon verschiebt sich das digitale Schaufenster der Welt.
In Genf wurde daran erinnert, dass solche Machtkonzentration kein Naturgesetz ist. Sie ist das Ergebnis politischer und wirtschaftlicher Entscheidungen. Und Entscheidungen lassen sich – theoretisch – auch anders treffen.
Natürlich klingt „Gemeinsam sind wir stärker“ ein wenig nach Plakatwand im Wahlkampf. Doch es steckt ein ernster Kern darin. Kein einzelner Staat, keine einzelne Organisation kann mit globalen Plattformen oder autokratischen Strukturen allein fertigwerden. Kooperation ist kein romantischer Gedanke, sondern nüchterne Notwendigkeit.
Das Problem ist nur: Kooperation ist anstrengend. Sie erfordert Kompromisse, Verhandlungen, Geduld. Autokraten bevorzugen Abkürzungen. Tech-Tycoone bevorzugen Skalierung. Beides funktioniert schneller als multilaterale Sitzungen mit simultaner Übersetzung.
Doch Geschwindigkeit ist nicht alles. Wer zu schnell wächst, verliert manchmal das Gleichgewicht. Das gilt für Macht genauso wie für Märkte.
Die Rede in Genf war daher auch ein subtiler Hinweis darauf, dass Demokratie Pflege braucht. Sie ist kein Selbstläufer. Sie funktioniert nur, wenn Regeln gelten – für Regierende ebenso wie für Plattformbetreiber.
Besonders pikant ist die Verbindung zwischen politischer und digitaler Macht. Wenn Regierungen wirtschaftlichen Druck ausüben und Plattformen zugleich den Informationsfluss kontrollieren, entsteht eine Allianz der Einflusshebel. Dann wird aus politischem Willen schnell digitale Realität.
Die Warnung aus Genf war kein Alarm mit Sirene, sondern eher ein dauerhaftes Summen im Hintergrund: Achtung, Schieflage. Achtung, Machtgefälle. Achtung, Konzentration.
Autokraten werden das vermutlich als Einmischung betrachten. Tech-Milliardäre als Marktanalyse. Doch für die Mehrheit der Weltbevölkerung ist es eine ganz praktische Frage: Wer entscheidet, was wir wissen, was wir kaufen, was wir glauben?
In einem Zeitalter, in dem Daten das neue Öl sind und Likes die neue Währung, wird Einfluss zur härtesten Ressource. Und Ressourcen werden traditionell nicht freiwillig verteilt.
Vielleicht liegt genau darin die Ironie: Während einige wenige versuchen, immer größer zu werden, erinnert die UN daran, dass Größe allein kein Wert ist. Legitimität entsteht nicht durch Marktkapitalisierung oder Amtszeit, sondern durch Verantwortung.
In Genf wurde kein neues Gesetz verabschiedet, kein Konzern zerschlagen, kein Autokrat entmachtet. Aber es wurde eine Frage gestellt, die größer ist als jede Plattform und jedes Staatsoberhaupt: Wie viel Macht verträgt eine offene Gesellschaft?
Und während draußen der Genfer See unbewegt daliegt, diskutiert drinnen die Weltgemeinschaft darüber, wie man Giganten in die Schranken weist – ohne selbst zum Giganten zu werden.