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Der Zinsflüsterer: Wie ein Präsident die Notenbank neu erziehen möchte
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- tmueller
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Es gibt Berufe, bei denen ein falsches Wort peinlich ist. Und es gibt Berufe, bei denen ein falsches Wort den Weltmarkt wackeln lässt. Der Vorsitz der amerikanischen Notenbank gehört eindeutig zur zweiten Kategorie – weshalb er eigentlich unabhängig sein soll. Eigentlich. Doch diese kleine sprachliche Unschärfe hat im politischen Alltag der Vereinigten Staaten längst den Status einer unverbindlichen Fußnote erreicht.
Nun steht ein Wechsel an der Spitze der Geldmaschine bevor. Der bisherige Hüter der Zinsschranken, Jerome Powell, verlässt die Bühne. Zurück bleibt ein Präsident, der seit Jahren der Überzeugung ist, dass Leitzinsen ungefähr so hoch sein sollten wie die Geduldsspanne auf Social Media. Also nahe null. Am besten darunter.
Donald Trump hat deshalb einen neuen Kandidaten präsentiert: Kevin Warsh. Ein Mann mit beeindruckendem Lebenslauf, tadelloser Ausbildung und einer Vergangenheit, die so seriös ist, dass man sie fast schon verdächtig findet. Warsh weiß, was Inflation ist, wo sie herkommt und warum sie sich nicht mit wohlmeinenden Tweets vertreiben lässt. Genau deshalb ist er perfekt geeignet – zumindest aus Sicht eines Präsidenten, der überzeugt ist, dass Märkte auf Zuruf reagieren.
Warsh ist kein Neuling. Er kennt die Federal Reserve nicht nur von außen, sondern war schon einmal Teil ihres inneren Zirkels. Damals, in einer Zeit, in der Finanzkrisen noch ernst genommen wurden und „billiges Geld“ als Problem galt, nicht als politisches Ziel. Warsh war damals eher der Typ Feuerlöscher als Brandbeschleuniger. Inflation? Unbedingt vermeiden. Zinsen? Lieber zu hoch als zu niedrig. Stabilität? Heilig.
Heute klingt das alles ein wenig flexibler. Das liegt weniger an neuen Erkenntnissen als an der Erkenntnis, dass manche Karrieren eine zweite Chance brauchen. Und dass diese zweite Chance zufällig von einem Präsidenten vergeben wird, der öffentlich erklärt hat, Zinsen von einem Prozent seien nicht Wunsch, sondern Mindestanforderung an persönliche Loyalität.
Der bisherige Fed-Chef Powell hatte dieses Spiel nie so richtig verstanden. Er glaubte hartnäckig, seine Aufgabe bestehe darin, Preise stabil zu halten, statt Wahlkampfstimmung zu erzeugen. Das führte zu einer Beziehung, die man höflich als angespannt beschreiben könnte. Powell wurde beschimpft, öffentlich demontiert und schließlich in die Nähe eines Bauprojekts gerückt, dessen Kostenexplosion offenbar symbolisch für alles stand, was der Präsident an ihm verabscheute: Zahlen, die nicht gehorchen.
Mit Warsh soll nun alles besser werden. Oder zumindest berechenbarer. Ein Mann, der niedrige Zinsen „für möglich“ hält, wenn die Lage es erfordert – eine Formulierung, die gleichzeitig Hoffnung spendet und sämtliche Hintertüren offenlässt. Kritiker nennen das taktisch. Optimisten nennen es staatsmännisch. Zyniker nennen es Bewerbungsgespräch auf Zeit.
Denn Warsh bringt ein Problem mit, das in Washington immer wieder unterschätzt wird: Er nimmt sich selbst ernst. Und schlimmer noch – seinen Ruf. Wer jahrelang als Inflationswächter galt, kann nicht plötzlich dauerhaft den Geldhahn aufdrehen, ohne sich vor der eigenen Vergangenheit rechtfertigen zu müssen. Das ist ungefähr so, als würde ein ehemaliger Feuerwehrchef plötzlich erklären, Feuer sei eigentlich eine Frage der Perspektive.
Der Präsident weiß das. Er hat es sogar offen ausgesprochen. Die wahre Gefahr bestehe darin, dass Menschen sich verändern, sobald sie ein Amt antreten. Eine bemerkenswerte Einsicht – vor allem aus dem Mund eines Mannes, der seine Personalentscheidungen traditionell nach dem Prinzip trifft, dass Begeisterung Loyalität ersetzt. Die Geschichte zeigt allerdings: Die Notenbank ist ein Ort, an dem sich Menschen seltsam stabil verhalten. Sie beginnen plötzlich, Sätze zu sagen wie „Datenlage“, „Preisniveaustabilität“ und „langfristige Glaubwürdigkeit“. Wörter, die in politischen Reden eher selten vorkommen.
So könnte Warsh am Ende genau das werden, was Powell für Trump war: eine Enttäuschung mit Doktortitel. Ein Mann, der feststellt, dass Zinspolitik kein Wunschkonzert ist und dass Märkte ein erstaunliches Talent besitzen, sich nicht beeindrucken zu lassen. Die Ironie wäre perfekt: Ein Präsident, der einen vermeintlichen Verbündeten auswählt, nur um erneut festzustellen, dass Unabhängigkeit nicht per Ernennungsurkunde verschwindet.
Bis dahin bleibt die große Hoffnung, dass diesmal alles anders wird. Dass Erfahrung plötzlich Fügsamkeit bedeutet. Dass ein Ruf als Inflationsbekämpfer sich problemlos gegen Applaus eintauschen lässt. Und dass die mächtigste Notenbank der Welt sich endlich so verhält, wie man es von ihr erwartet: freundlich, günstig und bitte sofort.
Sollte das nicht funktionieren, wird man immerhin sagen können, dass die Tradition gewahrt blieb. Die Fed bleibt unabhängig. Der Präsident bleibt unzufrieden. Und die Zinsen tun weiterhin, was sie schon immer getan haben: Sie kümmern sich nicht um persönliche Befindlichkeiten.