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Die große Arbeitszeitprüfung: Wenn Freizeit plötzlich erklärungsbedürftig wird

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Die große Arbeitszeitprüfung: Wenn Freizeit plötzlich erklärungsbedürftig wird

In Deutschland gibt es viele Dinge, die traditionell genehmigt werden müssen: Bauanträge, Hundehaltung, Parkausweise. Neu hinzugekommen ist nun offenbar eine weitere Kategorie: die eigene Lebenszeit. Denn im politischen Berlin ist man zu der Erkenntnis gelangt, dass es Menschen gibt, die weniger arbeiten – und dass dies verdächtig sein könnte.

Der wirtschaftsnahe Flügel der Union hat dafür ein griffiges Schlagwort geliefert, das klingt, als sei es direkt aus einem Ratgeber für Manager-Seminare gefallen: „Lifestyle-Teilzeit“. Schon dieses Wort erledigt die Vorarbeit. Es sagt: Hier geht es nicht um Notwendigkeit, sondern um Laune. Nicht um Betreuung, sondern um Bequemlichkeit. Nicht um Realität, sondern um Hängematten mit WLAN.

Die neue Denkrichtung ist schnell umrissen: Arbeiten ist gut. Mehr arbeiten ist besser. Und wer weniger arbeitet, sollte bitte erklären, warum. Am besten schriftlich. Mit Belegen. Und mit dem unterschwelligen Bewusstsein, dass nicht jede Erklärung gleichermaßen akzeptabel ist. Kinder ja. Pflege ja. Weiterbildung ja. Persönliches Gleichgewicht? Schwierig. Sehr schwierig.

Die Vorsitzende der Mittelstands- und Wirtschaftsunion, Gitta Connemann, brachte es auf eine Formel, die man sich leicht merken kann: Wer mehr arbeiten kann, sollte mehr arbeiten. Ein Satz, so klar wie ein Werbeslogan und so komplex wie ein Einzeiler auf einer PowerPoint-Folie. Alles, was zwischen „können“ und „sollen“ liegt, wird dabei großzügig ignoriert.

Der Fachkräftemangel dient in dieser Argumentation als Allzweckwerkzeug. Er erklärt alles, rechtfertigt alles und duldet keine Gegenfragen. Wenn Fachkräfte fehlen, dann liegt das offenbar nicht an fehlender Kinderbetreuung, überlasteten Pflegeeinrichtungen oder steigender psychischer Belastung, sondern daran, dass Menschen sich zu viel Leben erlauben.

Die SPD reagierte erwartungsgemäß weniger begeistert. Dagmar Schmidt sprach von einem Schaden für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Ein höflicher Ausdruck für die Beobachtung, dass man schlecht Menschen zur Mehrarbeit drängen kann, während man gleichzeitig soziale Realitäten ignoriert. Investitionen in Bildung, Qualifikation und Produktivität seien sinnvoller als das Kürzen von Rechten. Eine These, die in dieser Debatte fast schon als romantisch gelten muss.

Interessant wurde es allerdings innerhalb der Union selbst. Dort meldete sich der Sozialflügel zu Wort, vertreten durch Dennis Radtke. Er warnte davor, Wahlfreiheit aufzugeben – ein bemerkenswerter Einwurf in einer Diskussion, die gerade versucht, Freiheit neu zu sortieren. Zwar wünsche auch er sich mehr Vollzeit, räumte Radtke ein, aber dafür müsse man erst einmal Betreuung und Pflege so organisieren, dass Vollzeit überhaupt möglich sei. Ein Gedanke, der die Debatte kurzzeitig in Richtung Realität lenkte, bevor sie sich wieder fing.

Aus der Opposition kamen deutlich schärfere Töne. Der Grünen-Arbeitsexperte Armin Grau bezeichnete den Begriff „Lifestyle-Teilzeit“ als respektlos. Viele Menschen, insbesondere Frauen, wollten mehr arbeiten, scheiterten aber an fehlenden Angeboten. Andere reduzierten ihre Arbeitszeit aus gesundheitlichen Gründen. Dass Prävention und Gesundheitsförderung seit Jahren angekündigt, aber selten umgesetzt würden, passe ins Bild. Mehr arbeiten fordern ist eben einfacher, als Arbeit erträglich zu machen.

Die Linke ging noch einen Schritt weiter. Parteichefin Ines Schwerdtner sprach von einer Attacke auf hart arbeitende Menschen. Teilzeit sei oft keine Wahl, sondern ein Kompromiss zwischen Erwerbsarbeit und Leben. Wer dieses Recht einschränke, dränge Menschen aus dem Arbeitsmarkt und verschärfe soziale Ungleichheit. Ihr Fraktionskollege Sören Pellmann nannte den Vorstoß Gutsherrenart – ein Begriff, der erstaunlich gut zu der Idee passt, Arbeitszeit künftig nach politischer Sympathie zu sortieren.

Die statistische Realität wirkt dabei wie ein stiller Kontrapunkt zur Debatte. Rund ein Drittel der Erwerbstätigen arbeitet in Teilzeit. Bei Frauen ist es fast jede zweite. Bei Männern deutlich weniger. Wer hier von Lifestyle spricht, beschreibt ein Land, in dem Betreuung, Pflege und Gesundheit offenbar immer noch privat organisiert werden – vorzugsweise von denen, die ohnehin weniger verdienen.

Die eigentliche Pointe dieser Debatte liegt jedoch woanders. Während über Teilzeit gestritten wird, bleibt die Frage unbeantwortet, warum Vollzeit in vielen Bereichen so unattraktiv geworden ist. Überstunden, Stress, Personalmangel – all das wird hingenommen wie schlechtes Wetter. Stattdessen richtet sich der Blick auf jene, die sich diesem Modell entziehen.

So entsteht das Bild einer neuen Arbeitsmoral, in der nicht mehr Leistung zählt, sondern Präsenz. Wer da ist, gilt als engagiert. Wer fehlt, als verdächtig. Teilzeit wird zur Charakterfrage, nicht zur arbeitsrechtlichen Option. Und plötzlich ist Freizeit kein Ausgleich mehr, sondern ein Erklärungsproblem.

Am Ende steht eine Debatte, die viel über Arbeitszeit spricht, aber wenig über Arbeit selbst. Über Rechte, aber nicht über Belastungen. Über Fachkräfte, aber nicht über Bedingungen. Vielleicht ist das der eigentliche Kern: Man möchte mehr Arbeitsstunden, ohne über das System zu reden, das sie auffressen würde.

Und so bleibt der Eindruck eines politischen Experiments: Wenn man den Begriff oft genug wiederholt, wird aus Teilzeit ein Lifestyle. Und wenn aus einem Recht ein Verdacht wird, hat man das Problem elegant umbenannt – ohne es zu lösen.

Denn eines ist sicher: Die Stechuhr tickt weiter. Die Frage ist nur, wer künftig erklären muss, warum er nicht schneller läuft.