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Der friedliche Sturm aufs Parlament: Wie man Geschichte weichzeichnet

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Der friedliche Sturm aufs Parlament: Wie man Geschichte weichzeichnet

Es gibt historische Ereignisse, die sich durch ihre Dramatik selbst erklären. Und es gibt historische Ereignisse, die Jahre später offenbar dringend eine Neuvertonung, einen alternativen Schnitt und ein freundlicheres Genre brauchen. Der 6. Januar 2021 gehört inzwischen eindeutig zur zweiten Kategorie. Was damals als Sturm auf das Kapitol, Angriff auf die Demokratie und institutioneller Schock beschrieben wurde, erscheint fünf Jahre später in offizieller Lesart als etwas völlig anderes: ein „friedlicher Protest“. Offenbar einer jener friedlichen Proteste, bei denen man Fenster einschlägt, Polizeiketten überrennt, Parlamentssitze besetzt und am Ende fünf Tote beklagt – aber bitte mit guter Absicht.

Am 6. Januar 2021 versammelten sich hunderte Anhänger von Donald Trump in Washington. Sie folgten seinem Aufruf, zur Zertifizierung der Wahl zu erscheinen, um „zu kämpfen“. Dass sie diesen Begriff erstaunlich wörtlich nahmen, ist heute nebensächlich. Wichtig ist vielmehr, dass sie nach neuer Lesart offenbar nur sehr engagiert demonstrierten. Demonstrieren heißt hier: Eindringen in das Kapitol, Verfolgung von Abgeordneten, Verzögerung der formalen Bestätigung des Wahlsiegs von Joe Biden und eine spontane Führung durch das demokratische Herz der Vereinigten Staaten – ungeplant, aber leidenschaftlich.

Fünf Menschen starben infolge der Ausschreitungen. Doch auch diese Tatsache fügt sich mittlerweile elegant in das neue Narrativ ein. Die Toten sind vorhanden, aber unpraktisch. Sie tauchen auf wie Fußnoten, die man am liebsten überliest, um den Fluss der Erzählung nicht zu stören. Gewalt wird hier nicht bestritten, sondern atmosphärisch eingeordnet: emotional, missverstanden, bedauerlich – aber keinesfalls systemisch.

Pünktlich zum fünften Jahrestag veröffentlichte das Weiße Haus eine eigene Darstellung der Ereignisse. Sie liest sich wie die offizielle Beschreibung eines Museums, das man möglichst positiv bewerten möchte. Die Demonstranten werden nicht mehr als Täter beschrieben, sondern als Opfer. Opfer einer Justiz, die sie „bösartig übermäßig angeklagt“ habe. Opfer eines „rachsüchtigen Regimes“. Opfer eines Systems, das sie nicht ausreichend verstanden habe. Wer früher verurteilt wurde, ist nun „politische Geisel“. Wer im Gefängnis saß, war offenbar nur vorübergehend ausgelagert.

Trump selbst erscheint in dieser Version der Geschichte als Retterfigur. Nicht, weil er den Angriff verhindert hätte, sondern weil er später pauschale Begnadigungen aussprach. Der Akt der Begnadigung wird zum moralischen Reset-Knopf. Alles, was vorher geschah, verliert rückwirkend an Schwere. Schuld wird durch Unterschrift neutralisiert. Verantwortung durch Heldentum ersetzt.

Besonders kunstvoll ist die völlige Umkehr der Schuldfrage. Die Demokraten gelten nun als die „wahren Aufständischen“. Ihr schweres Vergehen: Sie bestätigten Trumps Wahlniederlage. Demokratie, so lernt man hier, ist dann ein Verbrechen, wenn sie nicht das gewünschte Ergebnis liefert. Der eigentliche Staatsstreich besteht folglich nicht darin, ein Parlament zu stürmen, sondern darin, eine Wahl anzuerkennen.

Eine tragische Nebenrolle übernimmt Mike Pence. Ihm wird Verrat vorgeworfen, weil er sich weigerte, einen Plan zur Annullierung der Wahlergebnisse umzusetzen. Pence hielt sich an die Verfassung – ein Verhalten, das in dieser neuen Dramaturgie als Illoyalität gilt. Rechtstreue wird hier nicht als Pflicht verstanden, sondern als persönlicher Affront.

Die seit Jahren widerlegte Behauptung, die Wahl 2020 sei gestohlen worden, bildet dabei das unerschütterliche Fundament der gesamten Erzählung. Sie wird nicht mehr diskutiert, sondern vorausgesetzt. Wer Zweifel anmeldet, stellt sich automatisch außerhalb des akzeptablen Meinungskorridors. Fakten gelten als optional, Gefühle als maßgeblich.

Objektiv betrachtet handelt es sich bei dieser Umdeutung um ein Paradebeispiel moderner Erinnerungspolitik. Begriffe werden neu definiert. „Friedlich“ bedeutet nicht mehr „ohne Gewalt“, sondern „mit guter Gesinnung“. „Aufstand“ ist nicht mehr der Angriff auf ein Parlament, sondern das Beharren auf einem Wahlergebnis. „Demokratie“ ist kein Verfahren mehr, sondern ein Zustand emotionaler Übereinstimmung.

Dass Trump Anfang 2021 im Repräsentantenhaus wegen Anstiftung zum Aufruhr angeklagt wurde, wird in dieser neuen Version der Geschichte nur noch als Randnotiz geführt. Der spätere Freispruch im Senat – möglich geworden durch das Verfehlen einer Zweidrittelmehrheit – gilt nun als umfassende Absolution. Juristische Feinheiten stören hier nur den Erzählbogen.

Der 6. Januar ist damit nicht mehr das, was er einmal war. Er ist kein Angriff, sondern ein Missverständnis. Kein Aufstand, sondern ein Ausdruck demokratischer Leidenschaft. Kein Schockmoment, sondern eine falsch interpretierte Liebeserklärung an die Republik. Geschichte wird hier nicht aufgearbeitet, sondern umetikettiert. Nicht gelöscht, sondern weichgezeichnet.

Was bleibt, ist eine bemerkenswerte Erkenntnis: Wenn man lange genug behauptet, dass ein Sturm ein Spaziergang war, dann wird er irgendwann genau so erinnert. Und wenn nicht – dann war auch das Teil des Plans.