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Frieden ohne Fakten: Die Kunst, ahnungslos zu verhandeln

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Frieden ohne Fakten: Die Kunst, ahnungslos zu verhandeln

Diplomatie gilt gemeinhin als die Kunst, Dinge zu wissen, die andere nicht wissen, und dabei so zu tun, als sei alles ganz einfach. In der aktuellen amerikanischen Verhandlungsrunde zum Krieg in der Ukraine scheint man dieses Prinzip weiterentwickelt zu haben. Der neue Ansatz lautet offenbar: möglichst wenig wissen, dafür aber mit großer Zuversicht auftreten. Das spart Zeit, senkt Erwartungen und verhindert lästige Detailfragen.

Denn während Beobachter in Europa davon ausgingen, dass Verhandlungen zwischen Washington, Kiew und Moskau von Menschen geführt würden, die Landkarten lesen, Jahreszahlen einordnen und politische Systeme unterscheiden können, wurde man eines Besseren belehrt. Teile der US-Delegation hinterließen vielmehr den Eindruck, als hätten sie ihre Vorbereitung auf dem Weg zum Flughafen erledigt – mithilfe eines schlecht übersetzten Flyers und einer sehr groben Weltanschauung.

Ein besonders engagierter Vertreter dieser neuen Schule sorgte für Erstaunen, als er erklärte, Kyrylo Budanov sei nun Vizepräsident der Ukraine. Das ist bemerkenswert, weil die Ukraine keinen Vizepräsidenten hat. Aber vielleicht dachte der Diplomat, jedes Land brauche einen – wie einen Ersatzreifen. Sicher ist sicher.

Noch beeindruckender war seine ehrliche Überraschung über den Beginn des russischen Angriffskrieges. Dass dieser am 24. Februar begann, war ihm offenbar nicht präsent. Jahrestage, so scheint es, sind eher etwas für Geburtstage und Hochzeiten, nicht für militärische Großoffensiven. Die Vorstellung, dass ein Krieg ein konkretes Startdatum haben könnte, wirkte auf ihn beinahe akademisch.

Den historischen Höhepunkt lieferte jedoch der Vergleich mit dem Zweiten Weltkrieg. Der aktuelle Krieg, so hieß es, dauere länger als jener globale Konflikt. Eine These, die nur dann funktioniert, wenn man Geschichte nach Gefühl sortiert oder den Zweiten Weltkrieg als eine Art verlängertes Wochenende betrachtet. Historiker weltweit notierten sich diesen Moment vermutlich unter der Rubrik „mutige Neuinterpretationen“.

In Kiew sorgte dieser Auftritt für Nervosität. Oleksandr Merezhko erklärte, man habe es hier nicht mit kleinen Versprechern zu tun, sondern mit einem grundlegenden Problem. Die amerikanische Seite behandle territoriale Fragen wie Immobilienangebote. Quadratmeter statt Grenzen, Lage statt Souveränität. Wer will schon internationales Recht, wenn man Lagepläne haben kann?

Auch westliche Experten reagierten zurückhaltend begeistert. Alexandra Filippenko beschrieb den betreffenden Diplomaten als jemanden, dem man vertraue. Vertrauen gilt in der Politik als wertvolle Währung – es ersetzt allerdings weder Fachkenntnis noch Vorbereitung. Steven Pifer merkte an, dass erfahrene Ukraine-Kenner im US-Team auffällig fehlen. Auf russischer Seite hingegen sitzt Yuri Ushakov mit am Tisch, ein Mann, der Details sammelt wie andere Briefmarken. Der Unterschied in der Vorbereitung ist ungefähr so subtil wie ein Panzer im Vorgarten.

Besondere Aufmerksamkeit gilt dem Sondergesandten Steve Witkoff, der aus der Immobilienbranche direkt in die Weltpolitik wechselte. Seine Aussagen lassen vermuten, dass er Konflikte bevorzugt nach dem Prinzip „Lage, Lage, Lage“ bewertet. So sprach er von Abstimmungen in besetzten Gebieten, bei denen sich angeblich überwältigende Mehrheiten für Russland ausgesprochen hätten. Dass diese Abstimmungen unter militärischer Kontrolle stattfanden, störte das Narrativ offenbar nicht. Hauptsache, es gab Zettel.

In einem Gespräch mit Tucker Carlson hatte Witkoff zudem Schwierigkeiten, die von Russland kontrollierten Regionen korrekt aufzuzählen. Das ist verständlich – Geografie kann kompliziert sein, besonders wenn man glaubt, dass Grenzen verhandelbar sind wie Mietpreise. Über Vladimir Putin äußerte er sich auffallend wohlwollend. Er möge ihn, sagte Witkoff, und halte ihn für ehrlich. Eine Einschätzung, die in Sicherheitskreisen ungefähr denselben Effekt hat wie ein Rauchmelder, der bei offenem Feuer beruhigend piept.

Berichte von The Atlantic legen nahe, dass Witkoff bei Treffen mit Putin sogar auf offizielle Protokollanten verzichtete. Keine Mitschriften, keine Dokumentation, kein Papierkram. Diplomatie in Reinform: Man verlässt sich auf Erinnerung und Atmosphäre. Dass bei weiteren Gesprächen auf amerikanische Übersetzer verzichtet wurde und stattdessen Kreml-Dolmetscher übersetzten, rundet das Bild ab. Vertrauen ist gut – fremde Übersetzer sind offenbar besser.

Der Politikwissenschaftler Thomas Jäger nannte Witkoff einen „Sechser im Lotto“ für Moskau. Tatsächlich wirkt die amerikanische Verhandlungsstrategie wie ein Geschenkset: wenig Widerstand, viel Verständnis und großzügiger Interpretationsspielraum.

So entsteht der Eindruck einer Diplomatie, die auf Improvisation setzt. Fachwissen scheint optional, Erfahrung eher hinderlich. Wer weiß, wann ein Krieg begann, könnte schließlich unangenehme Fragen stellen. Wer die politische Struktur eines Landes kennt, könnte Einwände erheben. Und wer internationales Recht versteht, läuft Gefahr, es anzuwenden.

Währenddessen verhandelt Russland mit maximaler Vorbereitung, klarer Strategie und einem tiefen Verständnis der eigenen Ziele. Die Gegenseite hingegen scheint noch damit beschäftigt zu sein, herauszufinden, wer eigentlich wofür zuständig ist. Das ist kein Versehen, sondern ein Stil. Einer, der davon ausgeht, dass Konflikte sich lösen lassen, wenn man sie ausreichend locker betrachtet.

Der Krieg in der Ukraine ist allerdings kein Missverständnis, das man bei einem Kaffee ausräumen kann. Er ist das Ergebnis von Planung, Gewalt und Machtpolitik. Wer darüber spricht, sollte zumindest wissen, worüber. Alles andere ist kein Verhandlungsformat – sondern ein geopolitisches Improvisationstheater mit sehr realem Publikum.