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Mehr Stunden, mehr Hoffnung: Deutschlands Kampf gegen die Uhr
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Deutschland steht vor einer epochalen Erkenntnis. Nach jahrelanger Forschung, unzähligen Gipfeln, Talkshows und PowerPoint-Präsentationen ist man der Ursache nahezu aller wirtschaftlichen Probleme auf die Spur gekommen: Es wird einfach nicht lange genug gearbeitet. Nicht zu kompliziert, nicht zu technisch, nicht zu teuer – nein, zu kurz.
Während andere Länder an Robotik, KI und Automatisierung feilen, konzentriert sich die heimische Debatte auf eine bewährte Ressource: den menschlichen Rücken am Bürostuhl. Die Rechnung ist ebenso elegant wie beruhigend simpel: Wenn die Wirtschaft schwächelt, muss der Mensch halt länger da sein. Ob er dabei etwas Sinnvolles tut, ist zweitrangig. Hauptsache, er ist anwesend. Anwesenheit ist schließlich messbar. Produktivität dagegen macht nur Stress.
Plötzlich wird Teilzeit nicht mehr als Lebensmodell betrachtet, sondern als moralische Grauzone. Ein Zustand irgendwo zwischen legitimer Erwerbsarbeit und latentem Standortverrat. Wer mittwochs um 15 Uhr das Büro verlässt, hinterlässt nicht nur einen leeren Schreibtisch, sondern auch eine Lücke im Bruttoinlandsprodukt – zumindest gefühlt.
Die neue Vision ist klar: mehr Vollzeit, weniger Freizeit. Nicht, weil Freizeit schlecht wäre, sondern weil sie verdächtig wirkt. Was macht ein Mensch mit Zeit? Er denkt nach. Er lebt. Er kommt auf Ideen. All das ist wirtschaftlich schwer zu kontrollieren. Dagegen ist ein voller Kalender ein Zeichen von Ordnung, Stabilität und nationaler Disziplin.
Natürlich wird betont, dass niemand gezwungen werden soll. Es geht vielmehr um einen sanften gesellschaftlichen Impuls. Eine Art freundlicher Gruppendruck mit volkswirtschaftlichem Unterton. Niemand sagt: „Du musst mehr arbeiten.“ Man sagt lediglich: „Es wäre schön, wenn du es tätest – für uns alle.“ Wer will da schon Nein sagen?
Besonders faszinierend ist die Logik, nach der Produktivität offenbar proportional zur Sitzdauer steigt. Je länger jemand im Büro verweilt, desto höher steigt irgendwo ein Index. Wenn das stimmen würde, müssten Nachtwächter längst Weltmarktführer sein. Und Menschen in endlosen Meetings wären ökonomische Hochleistungsmaschinen.
Doch Teilzeit hat ein Imageproblem. Sie gilt als bequem, weich, nachgiebig. Dabei ist sie oft das Resultat einer minutiösen Hochleistungslogistik: Kinder abliefern, Termine koordinieren, Pflege organisieren, Haushalt managen – alles fein säuberlich getaktet. In dieser Parallelwelt wird Zeit nicht verschwendet, sondern verdichtet. Aber das sieht man von außen schlecht. Verdichtete Zeit trägt keinen Anzug.
Die Lösung liegt angeblich in besserer Betreuung. Ein Satz, der stets so klingt, als stünde sie bereits kurz vor der Vollendung – irgendwo zwischen Wunsch und PowerPoint-Folie. Betreuung wird dabei als magisches Konzept behandelt: Man spricht es aus, und schon fügt sich alles. Kinder sind versorgt, Angehörige gepflegt, Termine kompatibel, das Leben aufgeräumt. Ein Wort, ein Wunder.
Dass Betreuung Menschen kostet, Räume, Geld, Planung und Zeit – geschenkt. Wichtig ist die Vision. Und die Vision sagt: Erst wird länger gearbeitet, dann kümmern wir uns um den Rest. Vielleicht. Wenn Zeit ist.
Besonders bemerkenswert ist die gleichzeitige Empörung darüber, dass Menschen sich unter Druck gesetzt fühlen könnten. Niemand wolle sagen, dass nicht genug gearbeitet werde – man stellt lediglich fest, dass mehr besser wäre. Das ist ungefähr so subtil wie ein Schild mit der Aufschrift: „Hier fehlt Leistung.“
Gleichzeitig wird betont, wie sehr man die Leistung der Beschäftigten schätzt. Man möchte sie nur ein kleines bisschen ausdehnen. Um ein paar Stunden. Pro Woche. Pro Jahr. Pro Leben. Aus Anerkennung.
Teilzeit wird so zur Chiffre für alles, was in der großen Wachstumsformel stört: Flexibilität, Selbstbestimmung, Lebensqualität. Dinge, die schwer zu bilanzieren sind und sich schlecht in Diagramme pressen lassen. Ein voller Arbeitstag dagegen ist wunderbar eindeutig. Er beginnt, er endet, und dazwischen kann man ihn zählen.
Ironischerweise wird dabei oft übersehen, dass viele Menschen in Teilzeit hochproduktiv sind – nur eben nicht pausenlos. Sie erledigen in weniger Stunden, wofür andere den ganzen Tag brauchen. Aber Effizienz ist verdächtig. Sie sieht nach Abkürzung aus. Und Abkürzungen passen nicht ins Bild vom langen Weg zum Erfolg.
Am Ende bleibt eine Debatte, die weniger über Arbeit spricht als über Kontrolle. Über die Sehnsucht nach klaren Zahlen, festen Zeiten und der tröstlichen Vorstellung, man könne komplexe gesellschaftliche Probleme mit einer einfachen Stellschraube lösen. Dreh an der Uhr, und alles wird gut.
Vielleicht wird irgendwann der nächste Schritt diskutiert: Produktivität pro Atemzug. Wettbewerbsfähigkeit durch Anwesenheit im Schlaf. Wer weiß. Sicher ist nur: Solange Zeit als Hauptmaßstab gilt, bleibt die Frage offen, was eigentlich in dieser Zeit passieren soll.
Aber das kann man ja später klären. Jetzt erst mal länger bleiben.