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Halbe Stellen, ganze Empörung: Der Arbeitsmarkt im Portionierungsmodus
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- tmueller
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Der moderne Arbeitsmarkt hat ein neues Hobby entdeckt: das Portionieren. Jobs werden heute nicht mehr geschaffen, sie werden filetiert. Sorgfältig, effizient, grammgenau. Aus einer Stelle werden zwei, aus Verantwortung wird „Teamanteil“, aus Arbeitszeit ein Puzzle. Anschließend blickt man auf die Ergebnisse und fragt sich laut, warum niemand mehr „richtig arbeiten“ will. Ein Rätsel, das nur deshalb besteht, weil man den Spiegel konsequent meidet.
Die Behauptung, Beschäftigte hätten kollektiv beschlossen, lieber in Lifestyle-Teilzeit zu leben, ist dabei erstaunlich robust. Sie hält sich hartnäckig, wie ein schlecht erklärtes Software-Update. Dabei zeigt ein Blick auf die Realität etwas ganz anderes: Nicht die Menschen verkürzen ihre Jobs, die Jobs kommen bereits verkürzt an. Wer heute sucht, bekommt kein Vollzeitmenü, sondern Tapas. Und wer Tapas bestellt, wird später gefragt, warum er keinen Hunger hat.
Der Trend ist unübersehbar. Immer mehr Stellen werden von vornherein mit reduzierter Stundenzahl ausgeschrieben. Nicht als Option, sondern als Endzustand. „Teilzeit möglich“ war gestern. Heute heißt es: „Teilzeit verpflichtend“. Das klingt modern, flexibel und familienfreundlich – bis man merkt, dass die Aufgabenliste ungekürzt mitgeliefert wird. Verantwortung in Vollzeit, Bezahlung im Taschenformat. Willkommen im Zeitalter der ökonomischen Schrumpfverpackung.
Besonders elegant ist dabei die gleichzeitige Empörung über angeblich mangelnde Arbeitsbereitschaft. Man schafft Stellen mit 25 Stunden, wundert sich über Bewerbungen von Menschen mit 25 Stunden Zeit und schließt daraus, dass offenbar niemand mehr 40 Stunden arbeiten möchte. Das ist ungefähr so logisch, als würde man nur Fahrräder verkaufen und anschließend über die sinkende Nachfrage nach Autos klagen.
Die Nachfrage nach Teilzeit bleibt dabei bemerkenswert konstant. Menschen suchen nicht plötzlich alle nach weniger Arbeit, sie suchen nach Arbeit. Punkt. Sie filtern nicht massenhaft nach „Teilzeit“, sie filtern nach „Job“. Und nehmen, was da ist. Dass daraus später eine moralische Erzählung gestrickt wird, gehört offenbar zum Service.
Unternehmen haben gute Gründe für diesen Trend. Teilzeit ist flexibel, kalkulierbar und hervorragend geeignet, Risiken zu verteilen. Krankheit? Kein Totalausfall. Kündigung? Leichter Ersatz. Urlaub? Überschaubar. Verantwortung? Wird im Zweifel geteilt. Kosten? Ebenfalls. Der Arbeitsmarkt wird modular, Menschen werden kompatibel. Das ist betriebswirtschaftlich clever – und politisch gern unsichtbar.
Unsichtbar bleibt auch die Tatsache, dass Teilzeitstellen häufig nicht weniger Arbeit bedeuten, sondern weniger Anerkennung. Erreichbarkeit bleibt selbstverständlich, Einsatzbereitschaft wird erwartet, Verantwortung gern delegiert. Nur die Uhr darf früher klingeln, wenn es um Feierabend geht. Arbeitszeit wird reduziert, Erwartungshaltung nicht. Das ist kein Widerspruch, das ist Konzept.
In dieser Lage nun zu fordern, Teilzeit einzuschränken, wirkt wie der Versuch, ein Feuer zu löschen, indem man den Rauch verbietet. Wenn weniger Teilzeit erlaubt ist, entstehen nicht automatisch mehr Vollzeitstellen. Es entstehen vor allem weniger passende Jobs. Menschen, die flexible Arbeitszeiten benötigen, verschwinden dann nicht plötzlich in Vollzeitbüros. Sie verschwinden aus der Statistik. Und die Statistik atmet auf.
Das Ergebnis wäre ein Arbeitsmarkt mit mehr moralischer Zufriedenheit, aber weniger tatsächlicher Arbeitsleistung. Weniger Beschäftigung, weniger Teilhabe, weniger Produktivität. Dafür aber das gute Gefühl, etwas „gegen Teilzeit“ getan zu haben. Symbolpolitik mit Stundenzettel.
Besonders pikant ist der Vorwurf der Bequemlichkeit. Er suggeriert eine bewusste Entscheidung gegen Leistung. Dabei entscheiden sich viele schlicht gegen Stellen, die es gar nicht gibt. Vollzeit bleibt ein Wunsch, Teilzeit die Realität. Der Arbeitsmarkt liefert vor, die Menschen arrangieren sich – und werden anschließend für ihre Anpassungsfähigkeit kritisiert.
Man könnte sagen: Der Arbeitsmarkt hat sich selbst optimiert. Er ist beweglicher, fragmentierter, effizienter geworden. Das Problem ist nicht Teilzeit. Das Problem ist, dass man sie verkauft wie eine individuelle Vorliebe, obwohl sie oft strukturell erzwungen ist. Freiheit fühlt sich anders an, wenn die Auswahl zwischen halben Stellen besteht.
Und während über Arbeitsmoral diskutiert wird, bleibt eine einfache Frage unbeantwortet: Warum werden eigentlich so wenige echte Vollzeitstellen ausgeschrieben, wenn sie angeblich so dringend gebraucht werden? Die Antwort ist unbequem, weil sie auf der Angebotsseite liegt. Und dort diskutiert man ungern über Moral.
Am Ende bleibt das Bild eines Marktes, der Jobs teilt und Schuld verteilt. Der Flexibilität fordert, aber Verbindlichkeit kritisiert. Der halbe Stellen schafft und ganze Vorwürfe formuliert. Und der sich wundert, warum die Nettoarbeitszeit nicht steigt, obwohl er sie systematisch kleinteilt.
Vielleicht liegt die Lösung nicht darin, Teilzeit zu bekämpfen, sondern Vollzeit wieder attraktiv zu machen. Nicht als Forderung, sondern als Angebot. Mit Stunden, Bezahlung und Perspektive. Solange das nicht passiert, bleibt die Debatte vor allem eines: ein Streit über Symptome, geführt mit moralischem Zeigefinger und betriebswirtschaftlichem Augenzwinkern.
Der Arbeitsmarkt ist nicht faul. Er ist portioniert. Und wer kleinere Stücke serviert, sollte sich nicht wundern, wenn niemand satt wird.