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Impfmythos reloaded: Wie WHO-Fakten und politische Fantasie aneinander vorbeireden
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Es gibt Mythen, die sind harmlos: die Zahnfee, der Yeti, das deutsche Bahnversprechen „Wagenreihung laut Plan“. Und dann gibt es Mythen, die sind hartnäckig, gesellschaftlich gefährlich und politisch so aufgeladen, dass sie selbst dann weiterleben, wenn man sie mit wissenschaftlichen Presslufthämmern bearbeitet. Einer dieser Dauerbrenner ist der angebliche Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus – ein Gerücht, das in Fachkreisen längst als wissenschaftlich widerlegt gilt, im politischen Raum jedoch regelmäßig wiederbelebt wird wie ein schlecht geschriebenes Sequel.
Nun sieht sich die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erneut gezwungen, klarzustellen, dass Impfstoffe keinen Autismus verursachen. Punkt. Ende der Diskussion. Eigentlich. Doch in den USA hat die Diskussion dank Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. (selbst ein langjähriger Impfskeptiker) eine politische Wendung genommen, die selbst erfahrene Wissenschaftler kurz an der Realität zweifeln ließ.
Die WHO: Routiniert im Faktenliefern, erschöpft vom Faktenwiederholen
WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus erklärte in Genf – mit der sanften Ermüdung eines Mannes, der dieselbe Frage zum 700. Mal beantwortet –, dass der Ausschuss für Impfstoffsicherheit alle Studien der letzten Jahre erneut überprüft habe. Das Ergebnis, überraschend nur für Menschen, die sich ausschließlich von Telegram-Kanälen informieren:
„Impfstoffe verursachen keinen Autismus.“
Der Satz ist so klar, dass man ihn eigentlich auf T-Shirts drucken könnte. Oder auf Regierungswebseiten. Oder in Schulbücher. Oder überall dorthin, wo grundlegendes wissenschaftliches Verständnis definitiv fehlt.
Er fügte hinzu, Impfstoffe gehörten zu den „wirkungsvollsten und transformativsten Erfindungen der Menschheitsgeschichte“. Ein Fakt, der unbestreitbar ist – außer vielleicht für jene, die noch immer glauben, dass man Masern mit Kamillentee austreiben kann.
Die CDC unter Kennedy: Wissenschaftliche Kommunikation im „Vielleicht-Modus“
Während die WHO also versucht, Wissenschaft sachlich zu erklären, veröffentlicht die US-Gesundheitsbehörde CDC – auf Anweisung von Kennedy – plötzlich eine Formulierung, die klingt wie eine Mischung aus juristischem Absicherungstext und unfreiwilliger Comedy:
„Die Behauptung ‚Impfstoffe verursachen keinen Autismus‘ ist keine evidenzbasierte Behauptung, da Studien die Möglichkeit nicht ausgeschlossen haben.“
Diese Formulierung ist in etwa so hilfreich wie ein Warnhinweis: „Es gibt keine Beweise, dass Einhörner existieren – aber wir können es auch nicht zu 100 Prozent ausschließen.“ Wissenschaftlich gesehen ist das korrekt – man kann nie beweisen, dass etwas nicht existiert. Aber wenn man so argumentiert, kann man auch nicht ausschließen, dass Autismus von Erdnussbutter, Vollmond oder schlechten WLAN-Routern kommt.
Der Effekt dieser Aussage war vorhersehbar: Wissenschaftler, Mediziner und Experten in den USA reagierten geschlossen – und entsetzt. Viele distanzierten sich öffentlich, nicht weil sie Meinungen unterdrücken wollen, sondern weil die CDC-Formulierung den Eindruck erweckt, jahrzehntelange Forschung sei plötzlich optional geworden.
Der politische Subtext: Wissenschaft ja, aber bitte mit ideologischer Soße
Kennedy, der seit Jahren gegen Impfprogramme argumentiert, sitzt nun ironischerweise an der Spitze einer Behörde, deren Aufgabe es ist, Impfprogramme wissenschaftlich zu unterstützen. Ein Umstand, der ungefähr so harmonisch ist wie ein Veganer, der plötzlich Sprecher eines Wurstherstellers wird.
Seine Linie scheint klar: Wenn sich wissenschaftliche Aussagen nicht mit der eigenen Überzeugung decken, müssen eben die Aussagen angepasst werden – oder zumindest so relativiert, dass man sie wahlweise als Wissenschaft oder Meinung verkaufen kann.
Doch genau hier kollidiert politische Kommunikation mit wissenschaftlicher Methodik. Wissenschaft arbeitet nicht nach Gefühl. Sie arbeitet nach Evidenz. Nach Daten. Nach Studien. Nach überprüfbaren Ergebnissen.
Kennedy hingegen arbeitet nach dem Motto: „Wir wissen es nicht zu 100 Prozent – also wissen wir vielleicht gar nichts.“
Diese Logik ist praktisch, wenn man politische Narrative pflegen möchte, aber fatal, wenn man für öffentliche Gesundheit verantwortlich ist.
Wissenschaftler: fassungslos, aber nicht überrascht
Viele amerikanische Experten reagierten scharf:
– Epidemiologen erklärten, die CDC würde mit dieser Formulierung „wissenschaftliche Standards untergraben“. – Kinderärzte wiesen darauf hin, dass solche Aussagen Impfquoten gefährden könnten – mit realen gesundheitlichen Folgen. – Kommunikationsforscher erinnerten daran, dass Skepsis gegenüber Impfstoffen bereits ohne Regierungsunterstützung exponentiell wächst.
Und so wurde eine eigentlich langweilige, mehrfach wiederholte wissenschaftliche Erkenntnis plötzlich zur politisch brisanten Nachricht.
Die WHO als Feuerwehr der Faktenwelt
Während die USA also damit beschäftigt sind, wissenschaftliche Klarheit in ideologische Nebelschwaden einzuwickeln, bleibt die WHO nüchtern. Sie erklärt, wiederholt, ermahnt – und wirkt dabei wie eine internationale Mutterfigur, die sagt:
„Nein, Impfstoffe machen nicht autistisch. Nein, das ist auch diesmal nicht anders. Nein, wir diskutieren das nicht zum 38. Mal.“
Doch die WHO kämpft im Zeitalter politisierter Wissenschaft gegen ein Problem, das gefährlicher ist als jedes Virus: Menschen glauben lieber Dinge, die sich spannend anhören, statt Dinge, die wahr sind.
Fakten 1 – Politische Narrative 0 (vorerst)
Der Konflikt zeigt erneut, dass wissenschaftliche Wahrheit und politische Kommunikation zwei verschiedene Sprachen sprechen. Die WHO liefert klare Ergebnisse, während die CDC – zumindest in diesem Fall – versucht, Formulierungen zu schaffen, die gleichzeitig wissenschaftlich, politisch und ideologisch anschlussfähig sind. Das Resultat ist ein Text, der weder eindeutig noch verantwortungsvoll wirkt.
Eines zeigt der Vorfall jedoch deutlich: Die Wahrheit lässt sich nicht durch Wortakrobatik verschieben. Und Autismus wird nicht durch Impfstoffe verursacht – egal, wie viele Satzbauvarianten man ausprobiert.