Satiressum – Satire. Scharf. Subversiv.
Veröffentlicht am
Politik

„Schlechte Dinge“ ohne Beipackzettel: Ein Telefonat und die neue Unsicherheit

Autor
„Schlechte Dinge“ ohne Beipackzettel: Ein Telefonat und die neue Unsicherheit

Es gibt Sätze, die in der internationalen Diplomatie normalerweise nicht fallen. „Wir sind besorgt.“ Ja. „Wir verurteilen aufs Schärfste.“ Auch das. „Wir behalten uns alle Optionen vor.“ Klassiker. Neu hingegen ist die Kategorie „schlechte Dinge“. Genau diese Formulierung soll US-Präsident Donald Trump gegenüber Kolumbiens Staatschef Gustavo Petro verwendet haben – in einem Telefonat, das weniger nach bilateraler Abstimmung klang als nach einem improvisierten Trailer für eine geopolitische Fortsetzung.

Petro schilderte später, Trump habe ihm gesagt, er denke darüber nach, in Kolumbien schlechte Dinge zu tun. Nicht „Maßnahmen“. Nicht „Schritte“. Nicht einmal „Optionen“. Schlechte Dinge. Eine Formulierung, die im diplomatischen Wörterbuch irgendwo zwischen „Ich bin unzufrieden“ und „Räum schon mal deinen Schreibtisch“ einsortiert werden müsste.

Die neue Sprache der Weltmacht

Dass Petro diese Aussage ernst nahm, ist kaum verwunderlich. Schließlich war kurz zuvor in Venezuela vorgemacht worden, wie flexibel moderne Außenpolitik inzwischen gehandhabt wird. Der dortige Präsident Nicolás Maduro war von US-Soldaten festgenommen und in die Vereinigten Staaten gebracht worden – ein Vorgang, der in internationalen Lehrbüchern bislang eher unter „theoretisch ausgeschlossen“ geführt wurde und nun offenbar als reale Option gilt.

Vor diesem Hintergrund ist ein Satz wie „schlechte Dinge“ kein rhetorischer Ausrutscher mehr, sondern ein Signal mit Tiefgang. Petro ging davon aus, dass bereits Vorbereitungen liefen. Irgendetwas sei im Gange gewesen. Was genau, wisse er nicht. Aber dass etwas vorbereitet werde, daran habe er keinen Zweifel gehabt. Ein bemerkenswertes Detail, denn es deutet auf eine neue Phase internationaler Kommunikation hin: Militärische Maßnahmen, die existieren, ohne benannt zu werden.

Die Unsicherheit als Methode

In der klassischen Diplomatie gilt Klarheit als Deeskalationsmittel. Hier hingegen entsteht der Eindruck, dass Unklarheit selbst zum Instrument geworden ist. Nicht sagen, was geplant ist. Nicht sagen, ob überhaupt etwas geplant ist. Nur andeuten, dass man darüber nachdenkt. So entsteht maximale Wirkung bei minimalem Informationsaufwand.

Petro reagierte entsprechend. Auf die Frage, ob er befürchtet habe, ein ähnliches Schicksal wie Maduro zu erleiden, antwortete er: zweifellos. Kein Konjunktiv. Kein Relativieren. Ein amtierender Präsident, der öffentlich sagt, er habe damit gerechnet, von einer fremden Macht festgenommen zu werden. Das ist kein Alarmismus. Das ist nüchterne Risikoabwägung in einem System, das plötzlich andere Spielregeln ausprobiert.

Ein Telefonat als Beruhigungsmittel

Das Gespräch dauerte rund eine Stunde. Danach, so Petro, habe sich die Lage entspannt. Die Bedrohung sei „eingefroren“ worden. Ein Begriff, der in diesem Zusammenhang erstaunlich beruhigend und zugleich maximal beunruhigend wirkt. Eingefroren heißt nicht beseitigt. Eingefroren heißt: Man hat es noch, man benutzt es gerade nicht.

Petro ergänzte vorsichtig, er könne sich irren. Eine diplomatische Meisterleistung. Wer sagt, eine Bedrohung sei eingefroren, aber man könne sich irren, erklärt im Grunde, dass alles möglich bleibt – nur heute vielleicht nicht.

Vorsorge im Präsidentenpalast

Berichten zufolge dachte Petro zeitweise sogar darüber nach, im Präsidentenpalast nahe dem historischen Schwert Simón Bolívars zu schlafen. Nicht aus Patriotismus, sondern aus Sicherheitsgründen. Ein Präsident, der erwägt, zwischen Symbolen der nationalen Unabhängigkeit zu übernachten, weil er fürchtet, abgeholt zu werden, illustriert den Zustand der internationalen Ordnung besser als jede Konferenzresolution.

Das ist kein Pathos. Das ist praktische Selbstsicherung in einer Welt, in der militärische Aktionen offenbar schneller denkbar sind als diplomatische Erklärungen.

Dialog als Feuerwehr

Petro nutzte die Situation, um öffentlich für Dialog zu werben. Ohne Dialog, so seine Warnung, gebe es Krieg. Eine Aussage, die banal klingt, aber in diesem Kontext fast schon verzweifelt wirkt. Offenbar reicht es nicht mehr, Verbündeter zu sein, Partner zu sein oder jahrzehntelang zusammenzuarbeiten. Man muss aktiv verhindern, in den Kreis der „schlechten Dinge“ zu geraten.

Dass Trump Petro später ins Weiße Haus einlud, wird als positives Zeichen gewertet. Gespräche über Drogenpolitik, Sicherheit und Zusammenarbeit sollen folgen. Themen, die normalerweise in Arbeitsgruppen behandelt werden und nun offenbar dazu dienen, militärische Missverständnisse zu entschärfen.

Eine neue Art von Weltlage

Der eigentliche Skandal liegt nicht darin, dass es keine Militäraktion gab. Sondern darin, dass ein Präsident glaubhaft davon ausgehen konnte, dass eine solche Aktion möglich wäre – ohne klare Ankündigung, ohne formelle Drohung, ohne diplomatischen Vorlauf.

Wenn internationale Beziehungen an einem Punkt angekommen sind, an dem ein Telefonat genügt, um Staatschefs über Nacht in Alarmbereitschaft zu versetzen, dann hat sich etwas verschoben. Nicht spektakulär. Nicht laut. Sondern schleichend.

Die Bedrohung ist eingefroren, sagt Petro. Vielleicht. Aber eingefrorene Dinge tauen irgendwann auf. Und in einer Welt, in der „schlechte Dinge“ als ausreichende Beschreibung gelten, ist selbst das Auftauen nicht mehr überraschend – nur der Zeitpunkt.