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Wahrheit unter Beschuss: Amerikas Talent, sich selbst zu erklären
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- tmueller
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Amerika hat viele Traditionen. Baseball. Barbecue. Wahlkampf im Dauerzustand. Und seit einigen Jahren eine weitere, sehr robuste Gepflogenheit: Wenn etwas Unangenehmes passiert, erklärt man es so lange um, bis es wieder passt. Vorzugsweise mit ernster Miene, militärischem Vokabular und einem festen Glauben daran, dass Videos lediglich eine Meinung unter vielen darstellen.
Der jüngste Beitrag zu dieser kulturellen Disziplin ereignete sich in Minneapolis. Dort traf staatliche Autorität auf einen Menschen – und wie so oft in solchen Geschichten überlebte die Autorität, während der Mensch zur Fußnote wurde. Ein Krankenpfleger, 37 Jahre alt, erschossen im Umfeld eines Einsatzes. Was folgte, war kein Schweigen, sondern ein Wettlauf. Nicht um Aufklärung, sondern um Deutungshoheit.
Kaum war der Rauch verzogen, standen die Erklärungen bereits in Reih und Glied. Gefahr. Bedrohung. Notwehr. Später kam noch ein besonders würziger Begriff hinzu: Attentäter. Das Wort funktioniert zuverlässig. Es hebt den Puls, senkt das Mitgefühl und macht Rückfragen verdächtig. Wer will schon Verständnis für jemanden haben, der in einem Satz mit diesem Etikett versehen wird?
Dummerweise existieren inzwischen Videos. Und Videos sind bekanntlich die natürlichen Feinde gut sortierter Erzählungen. Sie zeigen Abläufe, Bewegungen, Zeit. Und sie haben die unangenehme Eigenschaft, sich nicht an Pressestatements zu halten. In diesem Fall zeigen sie einen Mann, der nicht dem Drehbuch folgt, das man ihm später zugeschrieben hat. Kein heroischer Angriff, keine dramatische Eskalation. Eher ein Ablauf, der die Frage aufwirft, wie flexibel Realität eigentlich sein darf, bevor sie reißt.
An dieser Stelle betrat ein Veteran die Bühne. Ein ehemaliger Präsident, dessen politische Karriere so lange zurückliegt, dass sie heute fast schon unter Denkmalschutz stehen könnte. Bill Clinton meldete sich zu Wort – nicht beiläufig, sondern mit dem Pathos eines Mannes, der offenbar beschlossen hat, den Ruhestand für einen Moment zu ignorieren.
Er sprach von Täuschung. Von gezielten Unwahrheiten. Von der Gefahr, dass Freiheiten verschwinden könnten, wenn man sie zu oft gegen bequeme Erklärungen eintauscht. Für manche klang das wie Staatsmanns-Rhetorik. Für andere wie ein Veteran, der im Zuschauerraum sitzt und ruft: „Das Drehbuch war früher besser.“
Plötzlich war sie da, die große Demokratie-Erzählung. 250 Jahre Geschichte als moralischer Puffer. Freiheit als empfindliches Porzellan, das man nicht unbegrenzt fallen lassen sollte. Clinton nutzte große Worte, vermutlich auch, weil kleine in diesem Umfeld sofort untergehen würden.
Unterstützung kam aus vertrauter Richtung. Ein weiterer Ex-Präsident meldete sich, gemeinsam mit seiner Ehefrau. Die Botschaft: Das hier sei mehr als ein Einzelfall. Mehr als ein bedauerlicher Vorfall. Eher ein lautes Klingeln an der Haustür der nationalen Werte. Ein Weckruf – ein Begriff, der in den USA traditionell verwendet wird, wenn man hofft, dass jemand anderes aufsteht.
Währenddessen arbeitete die Maschinerie weiter. Regierungsvertreter erklärten, warum die erste Version weiterhin die richtige sei. Wenn Bilder etwas anderes zeigten, dann eben, weil Bilder nicht das ganze Bild zeigen. Ein Argument, das vor allem deshalb beliebt ist, weil es sich nicht widerlegen lässt. Wer widerspricht, hat offenbar nicht verstanden, dass Wahrheit ein sehr dehnbarer Begriff ist, solange er durch eine Uniform gestützt wird.
Besonders kreativ wurde es bei der Wortwahl. Der Erschossene wurde nicht als Mensch beschrieben, nicht als Angestellter im Gesundheitswesen, nicht als Teil einer Familie. Sondern als Bedrohung. Als Gefahr. Als jemand, der offenbar in der Lage war, selbst reglos noch aggressiv zu wirken. Das ist hohe Kunst. Sie erfordert Übung, Disziplin und ein ausgeprägtes Talent, Realität von Emotion zu entkoppeln.
In der öffentlichen Debatte entstand der Eindruck, als würden zwei Filme gleichzeitig laufen. In dem einen geht es um Ordnung, Sicherheit und heldenhafte Entscheidungen unter Druck. Im anderen um Macht, Verantwortung und einen tödlichen Einsatz, der sich nicht mehr zurückspulen lässt. Beide Filme beanspruchen, die Wahrheit zu zeigen. Beide laufen zur selben Zeit. Und beide erwarten Applaus.
Clintons Vorwurf traf deshalb einen Nerv. Nicht, weil er neu wäre. Sondern weil er ausgesprochen wurde von jemandem, der das Spiel kennt. Der weiß, wie Worte benutzt werden, um Wirklichkeit zu formen. Wenn ausgerechnet so jemand sagt, hier werde bewusst die Unwahrheit serviert, dann ist das kein Ausrutscher, sondern eine gezielte Provokation.
Natürlich folgte die erwartbare Reaktion. Empörung. Abwehr. Der Hinweis, dass ehemalige Präsidenten sich bitte ihrer Vergangenheit widmen mögen. Die Gegenfrage, warum jemand, der selbst politisch nicht makellos war, nun Moral predige. Ein klassischer Reflex: Wenn der Inhalt unbequem ist, greift man den Absender an. Das spart Zeit.
Währenddessen steht Minneapolis wieder einmal als Symbol da. Für Eskalation. Für Misstrauen. Für eine Gesellschaft, die sich an den Anblick von bewaffneten Konflikten im Inneren gewöhnt hat, solange sie sprachlich sauber verpackt sind. Die eigentliche Tragik liegt dabei weniger im Streit der Narrative als in der Gewissheit, dass am Ende niemand wirklich gewinnt.
Die Regierung verteidigt ihr Vorgehen. Kritiker fordern Untersuchungen. Videos werden analysiert, Standbilder diskutiert, Sekunden gezählt. Und irgendwo in diesem Sturm aus Aussagen, Gegenaussagen und moralischen Appellen bleibt ein Mensch tot.
Vielleicht ist das der wahre Kern der Debatte. Nicht, wer gelogen hat. Sondern wie routiniert alle Beteiligten mit der Möglichkeit leben, dass Wahrheit verhandelbar geworden ist. Dass sie nicht mehr entdeckt, sondern gestaltet wird.
Und während ehemalige Präsidenten warnen, Regierungsvertreter relativieren und Kommentatoren ihre Schlagzeilen schärfen, bleibt eine bittere Erkenntnis: In einer Demokratie kann man vieles verlieren. Vertrauen geht dabei oft schneller als Freiheit. Und es kommt selten zurück, wenn man es einmal erschossen hat.