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Das letzte Surren: Wie ein Faxgerät Europa entschleunigt

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Das letzte Surren: Wie ein Faxgerät Europa entschleunigt

Straßburg. Europäisches Parlament. Thema: Bürokratieabbau. Erwartet wurden Zahlen, Diagramme, ambitionierte Reformpläne. Bekommen hat das Plenum: ein Faxgerät.

Als Ursula von der Leyen beiläufig erwähnte, dass manche Mitgliedstaaten offizielle Korrespondenz weiterhin ausschließlich per Fax akzeptieren, ging ein amüsiertes Raunen durch den Saal. Und als sie bestätigte, dass das tatsächlich so sei, brach Gelächter aus.

Der Subtext war klar. Gemeint war Deutschland – jenes Land, das Hochgeschwindigkeitszüge baut, aber Dokumente offenbar nur anerkennt, wenn sie zuvor ein Geräusch gemacht haben.

Fortschritt, bitte mit Einzug

Die Europäische Union bemüht sich seit Jahren, Prozesse zu digitalisieren. Plattformen, Schnittstellen, Cloudlösungen – alles klingt nach Zukunft. Doch irgendwo in einem deutschen Amtszimmer steht ein Gerät mit Papierrolle und wartet auf seinen Einsatz.

Und es wird eingesetzt.

Vor allem dann, wenn es um grenzüberschreitende Genehmigungen geht – etwa beim Transport von Abfällen innerhalb der EU. Theoretisch sollte das schnell gehen. Praktisch wartet man.

Nicht, weil der Müll zu schwer wäre. Sondern weil das Formular noch sendet.

Das Ritual des Rauschens

Es gibt in Deutschland offenbar ein tief verwurzeltes Vertrauen in das charakteristische Faxgeräusch. Dieses sirrende Einwählen. Das kurze Knacken. Das mechanische Ausspucken von Papier.

Es vermittelt Sicherheit. Es sagt: „Jetzt ist es wirklich da.“

Eine E-Mail? Zu leise. Ein Upload? Zu unsichtbar. Eine digitale Signatur? Zu abstrakt.

Ein Fax dagegen schreit förmlich: „Verwaltung findet statt!“

Müll, Bürokratie und Thermopapier

In der Rede ging es konkret um komplizierte Vorschriften beim Transport von Abfällen. Händler warten teilweise monatelang auf Genehmigungen. Währenddessen bewegt sich der Müll geduldig in Lagerhallen, vermutlich bestens informiert über seine eigene Lage.

Die Ironie ist bestechend: In einer Union, die Milliarden in Digitalisierung investiert, entscheidet ein Gerät aus dem letzten Jahrhundert darüber, wann eine Ladung Altplastik über die Grenze darf.

Man kann sich die Szene vorstellen:

In Rotterdam wird ein Antrag per Klick abgeschickt. In Berlin blinkt ein Fax. Jemand ruft: „Es kommt was!“ Alle schauen gespannt auf das Papier.

Und irgendwo im Hintergrund läuft Windows 11.

Nationale Eigenheiten mit Sendebestätigung

Deutschland hat eine lange Tradition sorgfältiger Verwaltung. Formulare sind präzise. Abläufe sind geregelt. Stempel existieren nicht zufällig.

Das Fax passt da hervorragend hinein. Es ist der letzte analoge Wächter einer digitalen Welt. Ein Gerät, das sich weigert, von der Cloud verdrängt zu werden.

Während andere Länder ihre Behörden mit KI ausstatten, steht hier noch ein Gerät, das nur dann zufrieden ist, wenn es eine Leitung belegt.

Europa zwischen Glasfaser und Geräuschkulisse

Das Gelächter im Parlament war kein Spott, sondern eher ein Moment kollektiver Erkenntnis. Man kann Satelliten ins All schießen, künstliche Intelligenz trainieren und digitale Binnenmärkte schaffen – doch am Ende entscheidet manchmal ein surrendes Kästchen.

Es ist fast poetisch.

In einem Gebäude voller Simultanübersetzer, Mikrofone und Livestreams wird über Effizienz diskutiert – und das Symbol der Ineffizienz steht als unsichtbarer Elefant im Raum.

Vielleicht braucht es künftig eine EU-Richtlinie zur schrittweisen Entwöhnung vom Fax. Mit Übergangsfristen, Fördermitteln und einer feierlichen Abschaltzeremonie.

Das Fax als Verwaltungsdenkmal

Man könnte argumentieren, dass das Faxgerät längst Museumsreife erreicht hat. Doch in Deutschland genießt es noch Dienststatus.

Es ist robust. Es ist zuverlässig. Und es druckt alles aus – selbst wenn niemand mehr weiß, warum.

In manchen Behörden dürfte es als inoffizielles Maskottchen gelten. Ein Symbol für Beständigkeit in einer Welt voller Updates.

Digitalisierung, aber bitte langsam

Vielleicht liegt das eigentliche Problem nicht im Gerät selbst, sondern in der Mentalität. Digitalisierung bedeutet Veränderung. Veränderung bedeutet Risiko. Risiko bedeutet – nun ja – Veränderung.

Ein Fax dagegen ist vertraut. Es tut seit Jahrzehnten dasselbe. Es verlangt keine Updates. Es kennt keine Cloud. Es braucht nur Papier.

Und Papier fühlt sich sicher an.

Europa wartet am Anschluss

Die Bemerkung von Ursula von der Leyen hat einen Nerv getroffen. Nicht, weil das Fax ein großes politisches Thema wäre. Sondern weil es sinnbildlich steht für eine größere Frage:

Wie schnell bewegt sich Verwaltung in einer Zeit, die sich immer schneller dreht?

Während Europa digitale Visionen entwirft, erinnert das Fax daran, dass Fortschritt nicht nur eine Frage der Technik ist – sondern des Willens.

Bis dahin gilt: Bitte warten. Ihr Antrag wird gesendet. Voraussichtliche Dauer: mehrere Monate.

Und irgendwo in einem Büro klingelt es leise.