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Zinsen nach Sympathie: Wenn Geldpolitik zur Vertrauensübung wird

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Zinsen nach Sympathie: Wenn Geldpolitik zur Vertrauensübung wird

Es gibt Momente in der Geschichte großer Institutionen, in denen man merkt, dass sie sich weiterentwickeln. Oder zumindest umdeuten. Die amerikanische Geldpolitik hat einen solchen Moment erlebt, als der Präsident der Vereinigten Staaten sehr offen erklärte, nach welchem Kriterium er den wichtigsten Finanzjob des Landes vergeben möchte: Man muss wissen, was er will. Und er will niedrige Zinsen. Alles andere wäre Zeitverschwendung, unnötige Mathematik und – noch schlimmer – Geduld.

Der Präsident, Donald Trump, hat damit unbeabsichtigt ein neues Bewerbungsverfahren etabliert. Lebenslauf? Nett. Erfahrung? Schön. Haltung zur Zinspolitik? Entscheidend. Wer bei der Vorstellung nicht mindestens innerlich nickt, wenn das Wort „Senkung“ fällt, kann sich das Büro schon mal von außen anschauen.

Der nominierte Kandidat, Kevin Warsh, bringt zwar tatsächlich Fachwissen mit. Er kennt die Notenbank von innen, weiß, wie lange Sitzungen dauern können, und hat vermutlich schon häufiger mit Menschen diskutiert, die Tabellen ernster nehmen als ihre eigenen Familien. Doch all das wäre offenbar irrelevant gewesen, hätte er den falschen geldpolitischen Geschmack.

Das ist neu. Bisher galt die Leitung der Federal Reserve als eine Art Mönchsamt der Wirtschaft: unabhängig, nüchtern, emotionslos. Entscheidungen sollten datenbasiert sein, nicht stimmungsbasiert. Nun wirkt es eher wie ein Club, in dem man vorher klärt, ob alle dieselbe Playlist mögen. Wer „Higher Rates“ auf die Liste setzt, wird höflich gebeten zu gehen.

Der Charme dieser Offenheit ist nicht zu unterschätzen. Wo früher diplomatisch von „unterschiedlichen Auffassungen über den geldpolitischen Kurs“ gesprochen wurde, reicht heute ein klarer Satz: Hätte er etwas anderes vorgehabt, hätte ich ihn nicht genommen. Das ist kein Druck. Das ist Erwartungsmanagement. Und Erwartungen sind bekanntlich völlig harmlos.

Besonders spannend ist dabei die implizite Annahme, dass der Chef der Notenbank den Leitzins wie einen Lichtschalter bedienen kann. Hoch, runter, dimmen – je nach Laune. Dass es ein Gremium gibt, das darüber abstimmt, wird zwar gelegentlich erwähnt, aber eher wie ein technisches Detail. Zwölf Personen, regelmäßige Sitzungen, Diskussionen, Protokolle – all das stört den klaren dramaturgischen Bogen: einer entscheidet, alle anderen reagieren.

Der aktuelle Amtsinhaber, Jerome Powell, hat diese Rolle lange ausgefüllt – allerdings nicht zur Zufriedenheit des Präsidenten. Er galt als vorsichtig, abwägend, geradezu verdächtig rational. Zinssenkungen kamen, aber nicht schnell genug, nicht tief genug, nicht enthusiastisch genug. Für eine Politik, die gerne sofortige Ergebnisse sieht, ist so etwas schwer zu ertragen.

Nun also ein Wechsel. Ein neuer Name, neue Hoffnungen, gleiche Realität. Denn selbst wenn Warsh den Präsidenten bestens versteht, muss er sich mit einem System auseinandersetzen, das nicht auf Zuruf funktioniert. Die Fed ist kein Ein-Mann-Orchester, sondern eher ein sehr diszipliniertes Kammerensemble. Und Ensembles neigen dazu, nicht auf den Dirigenten zu hören, wenn der plötzlich Techno spielen will.

Kritiker beobachten diese Entwicklung mit einer Mischung aus Sorge und Galgenhumor. Die Unabhängigkeit der Notenbank ist kein dekoratives Prinzip, sondern der Grund, warum Märkte Vertrauen haben. Wenn der Eindruck entsteht, dass geldpolitische Entscheidungen politisch vorab genehmigt werden müssen, kann dieses Vertrauen schneller schmelzen als ein Zinsspread bei guter Konjunktur.

Der Präsident sieht das naturgemäß anders. Für ihn sind niedrige Zinsen kein Instrument, sondern ein Versprechen. Sie sollen Wachstum bringen, Entlastung, Zufriedenheit. Dass sie auch Inflation, Fehlanreize oder Blasen erzeugen können, gilt als theoretisches Randproblem. Hauptsache, die Kurve zeigt nach unten.

Warsh wiederum befindet sich in einer komfortabel unangenehmen Lage. Er wurde nominiert, weil man glaubt, dass er verstanden hat. Gleichzeitig darf er nicht zu deutlich zeigen, dass er verstanden hat, um nicht den Eindruck zu erwecken, er sei steuerbar. Ein Balanceakt, der vermutlich mehr Fingerspitzengefühl erfordert als jede Zinsentscheidung.

Interessant ist auch, wie beiläufig die institutionelle Dimension behandelt wird. Die Fed war lange stolz darauf, unabhängig zu sein – selbst von Präsidenten, die sie ernannt haben. Nun steht im Raum, dass diese Unabhängigkeit weniger eine feste Regel als eine gute Absicht ist. Solange alle dasselbe wollen, ist Unabhängigkeit kein Problem. Erst bei Abweichungen wird sie plötzlich unbequem.

Am Ende bleibt ein Bild, das perfekt zum Zeitgeist passt: Komplexe Strukturen werden auf einfache Wünsche reduziert, Fachfragen auf Gesinnung geprüft. Wer den Wunsch teilt, ist geeignet. Wer ihn hinterfragt, gilt als Bremser. Geldpolitik wird so zur Frage des Vertrauens – nicht in Daten, sondern in Personen.

Ob das Experiment gelingt, wird sich zeigen. Der Senat muss zustimmen, das Gremium muss entscheiden, die Märkte müssen reagieren. Doch unabhängig vom Ausgang hat sich bereits etwas verändert: Die Vorstellung davon, wie unabhängig eine unabhängige Notenbank sein sollte. Und das ist vielleicht die größte Verschiebung – ganz ohne einen einzigen Zinsschritt.